Wenn es bei den Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie um Vereinsamung und Isolation geht, ist meist von den Senioren und Bewohnern der Altenheime die Rede. Dabei gibt es noch eine Altersgruppe, die extrem unter dem Lockdown und den Kontaktbeschränkungen leidet: die Jugendlichen und jungen Menschen auf dem Sprung ins Erwachsenen-, Erwerbs- oder Studienleben. Statt sich vom Elternhaus abzunabeln, wie sie es in diesem Lebensabschnitt eigentlich tun würden, sitzen sie nun fast ausschließlich mit und bei der eigenen Familie fest.

Den jungen Menschen wird ja gerne unterstellt, nur am Feiern und Partymachen interessiert zu sein. Aber dieses Klischee will Kreisjugendpfleger Jürgen Ziegler so nicht stehen lassen. Es sind viel existenziellere Probleme, die die Jugendlichen beschäftigen. "In meiner Generation war der Weg klar vorgezeichnet. Ich mache Schule, einen Abschluss und beginne dann eine Ausbildung oder ein Studium. Die jungen Leute jetzt wissen zum Teil ja nicht einmal, wann genau sie ihren Abschluss machen. Es herrscht eine große Unsicherheit", sagt Ziegler und bekennt freimütig: "Ich möchte heute nicht mehr jung sein."

Die Pandemie hat die Jugend ausgebremst. Sei es das eher schleppend funktionierende Homeschooling, der Führerschein, der kurz vor der Fahrprüfung auf Eis gelegt werden musste oder die berufliche Orientierung. "Man kann ja derzeit nicht einmal Praktika irgendwo machen oder zu einer Ausbildungsmesse gehen", sagt Jürgen Ziegler. Besonders bitter ist es für die Abschlussklassen. Keine Fahrten, kein Ball, keine planbaren Auslandsaufenthalte - alles Dinge, an die man sich ein Leben lang erinnert, die einen prägen. "Die Einschnitte für die Jugend sind heftig. Und man weiß noch nicht, was das für Lücken hinterlässt", so der Kreisjugendpfleger.

Halt und Orientierung

Die Jugendarbeit in den Vereinen und Verbänden muss ebenfalls ruhen. Abgesehen von Online-Angeboten läuft derzeit nichts in all den Gruppen. "Dabei hat die Jugendarbeit immer viel Halt und Orientierung gegeben", auch in beruflicher Hinsicht, weiß Jürgen Ziegler.

Er sieht an der Kommunalen Jugendarbeit die Auswirkungen der Pandemie. Viele Veranstaltungen mussten abgesagt werden. So zum Beispiel die für Herbst geplante, große "Zukunftswerkstatt" in der Stadt Kulmbach. Virtuell sei das besondere Konzept nicht durchführbar, "da geht der persönliche Kontakt, das direkte Aufeinandertreffen von Jugendlichen und Politikern verloren".

"Es war ein verrücktes Jahr", sagt der Kreisjugendpfleger über 2020. Ein Jahr, in dem sich auch die Arbeitsschwerpunkte der Kommunalen Jugendarbeit verändert haben. Viele Mitarbeiter sind in der Corona-Hilfe (bei der Kontaktverfolgung oder im Impfzentrum) eingespannt. Der Rest nutzt die Chance, Sachen aufzuarbeiten, die sonst immer liegen geblieben sind. "Uns ist nicht langweilig, aber es ist anders."

Das kann auch Franziska Pfreundner bestätigen. Eigentlich leitet die Sozialpädagogin das Jugendzentrum "Alte Spinnerei", das 2019 ins Bahnhofsgebäude umgezogen ist. Doch dort ist sie aktuell nur ab und zu anzutreffen, denn das Juz ist seit Anfang Dezember geschlossen und Franziska Pfreundner in Teilzeit ins Impfzentrum des Landkreises abgestellt. Ein offener Betrieb ist derzeit im Juz nicht möglich, aber die Mitarbeiter halten dennoch den Kontakt zu den jungen Menschen - telefonisch und digital. Sie chatten miteinander, treffen sich online auf Discord, veranstalten via soziale Medien Umfragen zu bestimmten Themen. Der Bedarf nach Gesprächen ist da, hat die Juz-Leiterin festgestellt. "Für die Jugendlichen ist es extrem wichtig, dass sie Gehör finden für das, was sie bewegt."

Derzeit ist das Juz-Team dabei, das Angebot komplett auf online umzustellen - wohl wissend, dass sie damit in einer echten Zwickmühle sind. Durch das Homeschooling verbringen die Jugendlichen schon den ganzen Vormittag vor dem Bildschirm, "und wir wollen ja eigentlich nicht, dass sie dann noch länger vor dem PC sitzen". Doch wirkliche Alternativen gibt es momentan nicht. "Es ist eine schwierige Situation für die offene Jugendarbeit und auch für die Jugendlichen", weiß Franziska Pfreundner. Am meisten fehle der persönliche Kontakt, das Treffen mit anderen. "Die Jugendlichen versinken im Alleinsein", sagt Pfreundner.

Die Clique fehlt

Die soziale Isolation von Gleichaltrigen und der fehlenden Austausch mit der Clique belastet die jungen Leute am meisten - das hat auch Miriam Keis festgestellt. Sie arbeitet als Streetworkerin für die Stadt Kulmbach, angestellt ist sie beim BRK-Kreisverband. Die Arbeit draußen auf der Straße ruht aktuell. Stattdessen ist Miriam Keis als Ansprechpartnerin für die jungen Leute immer nachmittags im Büro zu erreichen. Über Telefon und soziale Medien wird der Kontakt gehalten. Nach Vereinbarung sind sogar Einzeltermine bei ihr möglich. Und das wird sehr rege in Anspruch genommen. "Wir merken, dass die Jugendlichen sehr viel Redebedarf haben. Sie fühlen sich alleingelassen. Bei einigen kommt sogar eine leicht depressive Stimmung auf", so die Streetworkerin.

Aktivisten planen online

Telefon, soziale Medien und Computer sind derzeit die einzigen Kommunikationsmöglichkeiten der jungen Leute. Und diese Plattformen nutzen sie gezwungenermaßen auch für ihre Hobbys und ihr soziales oder politisches Engagement. So wie zum Beispiel die Verantwortlichen der Kulmbacher "Fridays-for-Future"- Bewegung. "Wir halten aktuell telefonisch Kontakt und versuchen, das beste aus dieser schwierigen Situation zu machen", sagt Sina Lechner. Demonstrationen und Kundgebungen sind in diesen Zeiten freilich nicht drin. Das heißt aber nicht, dass die jungen Umweltaktivisten untätig sind. Derzeit planen sie eine Aktion zum nächsten globalen Klimastreik am 19. März. "Wir wollen etwas machen und ein Zeichen setzen, aber eben Corona-konform. Da gibt es schon Möglichkeiten", so die 17-jährige Schülerin.

Der Lockdown mit seinen ganzen Beschränkungen sei hart für ihre Generation, sagt Sina Lechner. Auch Schule sei im Distanz-Unterricht viel mühsamer. "Aber wir haben das Glück, dass wir miteinander telefonieren und online spielen können." Und so schmieden Sina Lechner und ihre Freunde bereits jetzt Pläne, was sie alles machen wollen, wenn sie denn wieder dürfen. Sich treffen, Essen gehen, zusammen grillen - ganz normale Dinge eben, die junge Leute gerne machen.

Mehr Beratungsanfragen

Einen steigenden Beratungsbedarf in Corona-Zeiten hat auch die Psychologische Beratungsstelle der Diakonie Bayreuth registriert, wie deren Leiter Christoph Sobek erklärt. Vor allem die Anfragen Jugendlicher mit familiären Problemen, Ängsten und einer Stress-Symptomatik hätten zugenommen. Und man beobachte zunehmend, dass auch Familien und junge Menschen, die vor Corona keine Probleme hatten, "einfach nicht mehr mit der Situation klarkommen".

Jedes Familienmitglied sei angespannt, und diese Anspannungen prallten dann aufeinander. Oft habe man massiv belastete Eltern und Jugendliche, die keine stabilen Erwachsenen erleben und dazu noch ihre eigenen Ängste wie Zukunftsängste haben. Wichtige Entwicklungsschritte wie die Abnabelung vom Elternhaus könnten nicht vollzogen werden, und alle Ausgleichsmöglichkeiten wie Hobbys, Sport oder die Clique wurden quasi völlig abgeschafft. "Die Jugendlichen erbringen momentan eine wahnsinnig starke Anpassungsleistung", so der Sozialpädagoge. Die Schattenseiten: der hohe Medienkonsum führe zu Vereinsamung; Körperlichkeit und Bewegung fehlen und damit auch ein Ventil für aufgestaute Emotionen.

Tipps vom Experten

Doch jeder kann etwas für sich tun. Christoph Sobek hat folgende Tipps für Jugendliche und Eltern:

- Kontakt zu den Freunden halten (je persönlicher, desto besser) und sich auch mal treffen - gemäß der Kontaktbeschränkungen natürlich;

- sich aktivieren und Bewegung bewusst in den Tag einbauen;

- den Tag strukturieren mit festen Schul-, Bewegungs-, Medien- und Bettzeiten (eine Stunde vorher Handy und Co. aus);

- mit seinen Kindern reden, zuhören und interessiert bleiben;

- den Fokus verändern, Corona und alles Negative auch mal ausblenden und für sich herausfinden, was einem gut tut.

Die Beratung für Eltern, Kinder und Jugendliche bei der Psychologischen Beratungsstelle der Diakonie (0921/78517710) ist kostenlos und anonym (auch gegenüber den Eltern besteht Schweigepflicht).