Viele Jahre litt die Hauptschule unter ihrem Image als "Restschule" - mit spürbaren Folgen für die Ausbildungschancen und das Selbstwertgefühl der Absolventen. Den Namen Hauptschule gibt es nicht mehr: Zum Schuljahresbeginn 2011/12 wurden die Mittelschulverbünde gegründet, doch die brachten eine organisatorische Reform, keine inhaltliche.

Zusatzchance an der Hauptschule

Die große Veränderung, die den Stellenwert der einstigen Hauptschule aufpolieren sollte, liegt schon viel weiter zurück und bestand in der Einführung des M-Zugs. An der Hans-Edelmann-Schule in Ziegelhütten gibt es seit 1996 die Möglichkeit, einen mittleren Bildungsabschluss zu erwerben und damit die beruflichen Perspektiven zu verbessern.
Georg Schreiber, seit 2002 Schulleiter in Ziegelhütten, hat in den ersten Jahren gute Erfahrungen mit diesem System gemacht: "Ich habe das als sehr
schön empfunden, weil die M-Schüler sich in der Leistung deutlich von den anderen unterschieden und große Leistungsbereitschaft zeigten."
Schüler aus dem ganzen Landkreis besuchen heute die Hans-Edelmann-Schule, von den 16 Klassen gehören mittlerweile neun zum M-Zug.

Das Niveau sackt ab

Machen diese Zahlen den Schulleiter glücklich? Nicht wirklich: Der 63-Jährige sorgt sich, denn er und seine Kollegen beobachten, "dass wir nicht mehr auf dem Niveau der ersten Jahre arbeiten können, obwohl es noch immer deutlich spürbare Leistungsunterschiede gibt".
Woran liegt das? Georg Schreiber ist keiner, der um den heißen Brei herumredet: "Wir haben einen großen Anteil von Wechslern aus den Gymnasien und den Realschulen, und ich staune oft, wie man dort vier oder fünf Jahre verbringen und so einen schlechten Leistungsstand haben kann."
Der größte Fehler bei einem notwendigen Wechsel Richtung Mittelschule ist, "dass die Schüler erst in letzter Sekunde zu uns kommen, schon viel Frustrationserlebnisse hinter sich haben und glauben, sie könnten in einem einjährigen Crashkurs bei uns die Mittlere Reife kriegen."
Doch so einfach ist es nicht: Die Mittelschule ist geblieben, was sie auch zu Hauptschulzeiten schon war: Eine allgemeinbildende Schule mit deutlicher Betonung der Praxisfächer.

Nachteil für Quereinsteiger

Ob Technik, Wirtschaft oder Soziales - wer erst in der zehnten Klasse ins System wechselt, hat Nachteile gegenüber den Schülern, die schon ab der siebten Klasse im M-Zug diese Fächer bearbeiten. "Andererseits darf man den Wechslern den Zugang zu unserer Schule nicht verweigern", sagt Schreiber. Dennoch: Um das Niveau der M-Klassen wieder zu steigern und die Akzeptanz des Abschlusses zu verbessern, wären mindestens zwei Jahre sinnvoll.
Schreiber sieht in den Problemen, mit denen Schulen zu kämpfen haben, ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Situation. "Es gibt eine große Diskrepanz zwischen den öffentlichen Reden von der Wertschätzung des Handwerks und der tatsächlichen Akzeptanz der Abschlüsse an unseren Schulen", kritisiert er. "Der Mensch gilt nur dann etwas, wenn er Abitur hat, und selbst die Mittlere Reife wird immer mehr nur als Zwischenstation zum Fachabitur gesehen. Der Gedanke, dass jeder etwas kann, und dass das etwas wert ist, den haben wir irgendwie aus dem Blick verloren."

Aktionismus muss aufhören

"Das Schulsystem heute wird den Jugendlichen vielfach nicht gerecht", meint Schreiber. Was müsste sich ändern? "Der Aktionismus muss aufhören. Es vergeht kaum ein Jahr ohne Reform, aber eine gewisse Konstanz ist fürs Lernen wichtig."
Den Erfolg eines Bildungssystems könne man nicht anhand der "Ergebnisse irgendwelcher eigenartiger Tests" messen. "Jedes Kind will etwas lernen, und die Schule sollte die Möglichkeit bieten, diesen Drang zu befriedigen - mit einem individuellen Zugang zu Lerninhalten."
In der Praxis scheitern solche hehren Gedanken am allgegenwärtigen Sparkurs, bedauert Schulleiter Schreiber. Durch die Namensänderung der Hauptschule in Mittelschule habe sich an seiner Schule nichts verändert. Die Kooperation mit den beiden Partnern Max-Hundt-Schule und Mainleus funktioniere zwar sehr gut, "aber letztlich geht es doch dabei nur darum, wo man sparen kann, vor allem an Lehrerstunden".
Bildung kostet Geld - auch an den Mittelschulen, sagt Schreiber. "In der Realität sieht es aber so aus, dass wir um jede Kleinigkeit an Ausstattung kämpfen müssen."