Die Dramaturgie des Strafprozesses sieht - mindestens - zwei Höhepunkte vor: zum Schluss die Urteilsverkündung (geplant am 17. Mai) und zuvor die Plädoyers, eine Art Duell, in dem sich Staatsanwalt und Verteidiger gegenüberstehen. Im Bayreuther Vergewaltigungsprozess hatten am Dienstag Anklagevertreter Daniel Götz und Rechtsanwalt Johann Schwenn ihren großen Tag. Wie erwartet, teilte der Verteidiger nach allen Seiten aus und stellte seinen Mandanten als Opfer einer Verschwörung dar, die dessen Tochter (48) initiiert habe. Auf der anderen Seite überraschte der Staatsanwalt, der einen Teilfreispruch forderte.

Seit sieben Monaten wird in dem Mammutprozess vor der 1. Großen Strafkammer um die Wahrheit gerungen. Ist der 71-jährige Unternehmer "das triebgesteuerte wilde Tier", wie ihn seine Tochter bezeichnete? Hat er die 48-Jährige mehrfach vergewaltigt sowie seine Ex-Frau, seine beiden Enkelinnen und eine Freundin sexuell missbraucht?

Im Schlussvortrag rückte der Staatsanwalt von der Hauptbelastungszeugin ab. "Es fällt mir nicht leicht, aber ich bin nicht hundertprozentig sicher, ob die Taten so passiert sind, wie sie die Zeugin geschildert hat", sagte er. Es gebe viele Anhaltspunkte für ihre Glaubwürdigkeit, aber auch ebenso viele dagegen.


Warum ging sie mit in die Sauna?

Götz befasste sich ausführlich mit den Schwachpunkten in der Aussage der Tochter. Sie habe eine Reihe von Unstimmigkeiten nicht erklären können: Warum sie sich trotz allgegenwärtiger Übergriffe immer wieder mit ihrem Vater traf. Warum sie in seinem Beisein weiterhin Kleider trug. Warum sie trotzdem mit ihm in Urlaub fuhr und in die Sauna ging. Warum sie Beweise wie Sperma auf einem Handtuch nicht sicherte. Und warum sie Verletzungen nicht von einem Arzt untersuchen ließ.

Für eine Verurteilung sei es notwendig, dass Belastungsinhalte, Tatzeitpunkt und Umstände der Vergewaltigungen konstant geschildert werden. "Ich bin überzeugt, dass es so war - aber das reicht nicht", sagte der Staatsanwalt und plädierte hier auf Freispruch.

Dagegen hielt Götz die weiteren angeklagten Missbrauchstaten für erwiesen. Besonders schwer wiege der Kindesmissbrauch bei der großen Enkelin, die bis heute leide und angstbelastet sei, wie ihre Tagebuchaufzeichnungen ("Es war so eklig") beweisen.


"Mann mit zwei Gesichtern"

Der Staatsanwalt forderte eine Gesamtfreiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten und meinte, "dass der Angeklagte ein Mann mit zwei Gesichtern ist: ein erfolgreicher Unternehmer, der aus dem Nichts eine weltweit operierende Firma aufgebaut hat und der in höchsten gesellschaftlich Kreisen verkehrt." Andererseits gebe es keinen Zweifel, "dass er im privaten Bereich über Jahrzehnte Grenzen überschritten und großes Leid über seine Tochter, seine Enkelinnen und enge Familienangehörige gebracht hat".

Der Verteidiger übte massive Kritik an der Staatsanwaltschaft: Sie habe einseitig ermittelt und es versäumt, entlastende Beweise zusammenzutragen. Die Angaben der Nebenklägerinnen ("Kampfverband für die Verurteilung des Angeklagten") seien anstandslos übernommen worden. "Eine Fehlleistung ersten Ranges", schimpfte Schwenn.


Die Manipulatorin

Die Hauptrolle im Komplott gegen seinen Mandanten spiele dessen Tochter. Aus finanziellen Motiven habe sie eine Lügengeschichte aus "substanzlosen Bezichtigungen" erfunden und habe ihr "beeindruckendes manipulatorisches Geschick" genutzt. Schwenn: "Kein Wunder, dass die Zeugen für sie lügen, wenn es der vermeintlich guten Sache dient."

Der Manipulationseffekt sei auch beim Opferbetreuer des Weißen Rings zu beobachten. Er sei als Koordinator im System der Hauptbelastungszeugin tätig geworden und habe überdies eigene Interessen verfolgt, nachdem er sich mit dem Weißen Ring überworfen hat. Er sei nicht der unerschrockene Helfer, der für ein Opfer bis zum Nordpol fährt. "Für ihn geht es um alles", betonte der Anwalt: nämlich um den erfolgreichen Start seines Opferhilfevereins Oberfranken. "Scheitert er mit seinem größten Fall, bleiben die Spenden aus."


Anspruch auf Rehabilitation

Schwenn, der außerdem die "ganz erhebliche parteiliche Berichterstattung" von Teilen der Lokalpresse kritisierte, fasste zusammen: Für die Schuld des Angeklagten gebe es keinen belastbaren Sachbeweis. Daher müsse er freigesprochen werden. Der Angeklagte habe mehrere Monate in Untersuchungshaft gesessen und sei in der Hauptverhandlung "der maximalen Beschädigung seines Ansehens" ausgesetzt gewesen. Er habe Anspruch auf seine Rehabilitation.

Die Gegenposition vertraten die Anwälte der Nebenklägerinnen. Wolfram Schädler erklärte, dass der Angeklagte "aschfahl" geworden sei, als das Tagebuch der Enkelin aufgetaucht sei. "Ich hoffe auf eine angemessene Antwort des Gerichts auf seine Untaten", sagte Schädler.


Nicht unter zehn Jahren

Nach Ansicht von Frank K. Peter, der die Hauptbelastungszeugin vertritt, habe seine Mandantin eine glaubhafte Aussage gemacht. Ihr Vater habe die Familie über lange Zeit "beherrscht und dressiert". Peter forderte eine Strafe nicht unter zehn Jahren. "Egal, wie es ausgeht, meine Mandantin hat es erreicht, dass die Missetaten des Angeklagten aufgedeckt wurden."

Rechtsanwältin Julia Hoffmann sagte: "Es schmerzt, dass der Angeklagte so lange sein Unwesen treiben durfte." Er habe die Frauen systematisch diffamiert und erniedrigt.