Corona spaltet die Gesellschaft. Wo mir das seit Ausbruch der Pandemie auch immer wieder vor Augen geführt wird? Beim Einkauf im Lebensmittelgeschäft. Die Debatte, die zwischen den Supermarktregalen geführt wurde, drehte sich noch vor wenigen Wochen um die Frage: "Warum bist du noch nicht geimpft?" Heute wird der Ton zwischen Ungeimpften und Geimpften rauer, ja selbst zwischen denen, die zweifach geimpft sind, und denen, die schon die Auffrischimpfung hinter sich haben. "Was, du hast dich noch nicht boostern lassen?", echauffierte sich jüngst eine Mittfünfzigerin, die ihrer Gesprächspartnerin die Notwendigkeit einer Drittimpfung in einer harten, aus meiner Sicht viel zu rüden Gangart darlegen wollte.

Hitzige Debatte

Das Aufeinandertreffen endete in einer hitzigen Diskussion darüber, wie man die vierte Welle brechen kann. Es war ein Streitgespräch, das mir wieder mal gezeigt hat: Corona heizt die Konflikte immer weiter an. Ich als zweifach Geimpfter, der sich mit dem Gedanken trägt, sich zeitnah boostern zu lassen, finde: Man sollte auch in der Pandemie Argumente sachlich austauschen. Diskussionen dürfen in einer Gesellschaft, in der jeder das Recht hat, seine Meinung frei zu äußern, nicht zu gegenseitigen Anfeindungen führen.

Ob sich die Fronten verhärten?

Ob die Streitgespräche zunehmen werden, wenn die "Ampelkoalition" die Impfpflicht einführt? Ich befürchte es, doch nicht nur die Fronten zwischen Verweigerern und Befürwortern werden sich verhärten. Ich glaube, dass der jeweilige Impfstatus immer wieder aufs Neue zum Maß der gesellschaftlichen Anerkennung werden wird. Und auch das birgt Konfliktpotenzial. All die, die sich jetzt boostern lassen, werden sich schon bald die Aussage gefallen lassen müssen: "Ich verstehe nicht, dass du dir nicht schon die neue Impfung geben lässt, die doch besser vor Omikron schützt."

Das Virus hat große Zerstörungskraft: Es greift nicht nur unser Immunsystem an, sondern auch unsere Gesellschaft, in der sich die Gräben leider immer weiter vertiefen.