Gesangvereine und Kirchenchöre haben es nicht leicht. Seit Jahren schrumpft die Zahl der Sänger. Nachwuchs? Fehlanzeige. Die Corona-Pandemie hat das Problem drastisch verschärft: kaum Probenmöglichkeiten, keine Konzerte, keine geselligen Treffen. Das nagt an der Substanz.

Für die Gruppierungen ist die aktuelle Situation ein Desaster. "Es war schon vor Corona schwierig", sagt Hermann Dunkel, Vorsitzender des Gesangvereins Melkendorf von 1830 mit Kirchenchor. Diese Chorgemeinschaft ist ein Zusammenschluss aus mehreren Chören, denen es in den letzten Jahren jeweils an Nachwuchs und Ausgeglichenheit in den Stimmen fehlte.

"Es ist schwer, junge Leute für Gesangvereine zu begeistern. So etwas schafft man höchstens noch mit Projekten", sagt Gudrun Dunkel. Sie leitet den Melkendorfer Chor ehrenamtlich. Nach dem Lockdown im Frühjahr gab es eine Probe im Juli, ein paar weitere in kleinen Gruppen nach der Sommerpause. Doch bevor es richtig los ging, war schon wieder Schluss. "Viele unserer Chorsänger sind ältere Leute, trauen sich nicht zu kommen, selbst wenn es erlaubt ist. Von 32 waren zuletzt noch 20 dabei."

War es das jetzt für dieses Jahr? Gudrun Dunkel hofft, dass doch noch ein bisschen was möglich ist. Die Dunkels haben eine Idee: Wenn die Sänger nicht zur Probe kommen können, kommt die Probe eben zu ihnen! Hermann (Bass) und Gudrun Dunkel (Sopran) sowie Kerstin Weber (Alt) entschlossen sich, die für den Advent gedachten Stücke aufzunehmen und die Musikdateien per WhatsApp an alle Sänger zu schicken - als Übungshilfe für Zuhause. Für die Tenorstimme baten sie Dekanatskantor Christian Reitenspieß um Hilfe, in dessen Kantorei-Chor alle drei ebenfalls mitwirken. Zu viert trafen sie sich in der Melkendorfer Kirche. Zunächst nahmen sie jede Stimme einzeln solistisch auf, dann noch einmal alles in Quartett-Besetzung, damit man hört, wie das Ganze am Ende klingen soll.

Hoffnung in der Krise

"Eine schöne Idee", findet Christian Reitenspieß, der die Melkendorfer gerne unterstützt hat. "Wir müssen versuchen, alles möglich zu machen, was im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes erlaubt und zu verantworten ist." Und wenn es schon keine Konzerte sein dürften, dann wenigstens ein bisschen Musik in den Gottesdiensten. "Das ist die schönste Möglichkeiten, gerade jetzt für die Menschen da zu sein, ihnen in dieser Krise Mut und Hoffnung zu geben." So hält es der Dekanatskantor auch in der Kantorei: Seit Juli singen abwechselnd kleine Gruppen als Schola im Gottesdienst in der Petrikirche. "Wir setzen damit ein Zeichen: Wir sind noch da."

Hermann Dunkel versucht, optimistisch zu bleiben. "Wir geben nicht auf und wünschen uns, dass das Chor-Leben nach der Pandemie wieder in die Gänge kommt."

Darauf hofft auch Heiner Beyer, Chorleiter des Gesangvereins Untersteinach 1864. Sein Verein macht zur Zeit komplett Pause. "Wir haben nach Pfingsten wieder vorsichtig angefangen. Von ursprünglich 35 Sängern, waren dann nur noch 25 dabei, mit denen ich in zwei Gruppen geprobt habe. Alles doppelt zu machen, das war schon anstrengend."

Aufgrund der gestiegenen Corona-Fallzahlen hat Beyer nach den Sommerferien auf einen Neustart verzichtet. Falls die Pandemie länger anhält, fürchtet er, dass einige Chöre auf der Strecke bleiben werden. "Einen derartigen Einbruch wie jetzt habe ich in mehr als 50 Jahren als Chorleiter noch nie erlebt."

Stillstand seit März

Alexander Thern, stellvertretender Kreis-Chorleiter des Sängerkreises Bayreuth-Hof-Kulmbach-Wunsiedel im Fränkischen Sängerbund (FSB) ist hauptberuflich Chorleiter. "Im Moment könnte ich nicht von meiner Arbeit leben", sagt der 37-Jährige. Er hat Glück, weil seine Chöre ihn zumindest zum Teil weiterbezahlen. Thern leitet den Männergesangverein Wartenfels-Schwand, den Gesangverein Fölschnitz, den Liederhort Ludwigschorgast und den Gesangverein Rothwind-Fassoldshof. "Seit März proben wir nicht mehr. Wir haben uns getroffen, um die Lage zu besprechen. Bei einem Durchschnittsalter von 60 plus wollen wir aber keine Experimente machen."

Mit einem seiner Chöre hätte Thern die Möglichkeit, in einer Turnhalle zu proben, die groß genug wäre. "Aber wenn über die Hälfte der Leute keine Noten lesen kann, sondern nur durch stetige Wiederholung lernt, klappt das mit großen Abständen nicht. Die Chorsänger brauchen jemanden neben sich."

Macht sich Thern Sorgen um die Zukunft seiner Chöre? "Ich höre von meinen Chormitgliedern, dass ihnen etwas fehlt, dass sie sehr gerne singen wollen. Und so hoffe ich, dass die meisten dabei sind, wenn wir vielleicht im Frühjahr wieder starten können."

Kommentar: Die Gemeinschaft bröckelt

Die Menschen gehen auf Abstand. Weil sie müssen. Zueinander - und auch zu den Vereinen, die sonst selbstverständlicher Teil ihres Lebens sind. Seit einem dreiviertel Jahr bedeutet die Corona-Pandemie das Aus für unbeschwerte Geselligkeit. Keine Feste, keine Vereinsausflüge, nicht mal Hauptversammlungen. Selbst ohne Lockdown gibt es kaum noch Trainingsstunden im Sport, Proben in Chören und Orchestern sind reduziert oder fallen ganz weg.

Das hat Folgen. Je länger die Zwangspause dauert, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Gemeinschaft bröckelt. Dass viele nach Corona nicht zurückkehren. In einem Gartenbauverein wird sich das vielleicht nicht so stark auswirken, doch die Chöre wird es ganz sicher treffen. Schon jetzt fühlt sich mancher aus der Übung, eingerostet. Andere suchen sich neue Freizeitbeschäftigungen. Gefallen ihnen die, bleibt fürs Singen keine Zeit mehr.

Gesangvereine und Kirchenchöre haben schon lange damit zu kämpfen, noch singfähige Besetzungen auf die Beine zu stellen. Und die Pandemie wirkt da wie ein Brandbeschleuniger. Schneller denn je lichten sich die Reihen der Sänger.

Was können die Vorstände und Chorleiter dagegen tun? Leider nicht viel. Kontakt halten. Individuelle Übemöglichkeiten schaffen, wie dies der Gesangverein Melkendorf tut.

Oder wie bei der Schola der Kulmbacher Kantorei in Kleingruppen proben und Gottesdienste gestalten. Außerhalb der Lockdown-Phasen ist mit Abstand und Hygienekonzept doch manches möglich.

Und wenn dann zum Beispiel sonntags im Gottesdienst wenigstens ein paar Stimmen erklingen, dann macht das Hoffnung und schenkt Freude. Den Menschen, die zuhören, aber auch denen, die für sie musizieren und das auch in Zukunft tun möchten. Hoffentlich bald wieder in großer Besetzung mit vielen schönen Gemeinschaftserlebnissen.