Als Udo Schröder im Fernsehen die Bilder von Menschen sieht, die sich aus Furcht vor den Taliban an ein startendes Flugzeug der amerikanischen Streitkräfte hängen, schüttelt er verständnislos den Kopf. "So was hätte ich mir nie im Leben vorstellen können", sagt der 34-Jährige, der sich noch gut an das Jahr 2010 erinnern kann, als er selbst auf dem Flughafen der afghanischen Hauptstadt gelandet war - als Soldat der Bundeswehr mit einer klaren Mission: einen Beitrag zu leisten zur Demokratisierung und Stabilisierung der Gesellschaft in einem islamischen Staat, in dem das Chaos regierte.

Der schnelle Vorstoß überrascht

"Blut, Tote, Tränen: Alles war umsonst", sagt Schröder, der vom schnellen Vorstoß der fundamentalistisch ausgerichteten Taliban-Miliz vollkommen überrascht ist, die nach dem Rückzug der Nato-Streitkräfte im Nu die Kontrolle im Land übernommen hat. "Wie kann es sein, dass das afghanische Militär die Taliban überhaupt nicht aufhalten konnte, sie so schnell an die Macht gelangt sind?", fragt sich der Wonseeser, der vor gut zehn Jahren als damals 23-Jähriger selbst über vier Monaten als Bundeswehrsoldat in Afghanistan war. Schröder gehörte als Zeitsoldat dem Panzergrenadierbataillon 112 aus Regen an, das in der Hauptstadt Kundus eingesetzt war, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, bei Patrouillenfahrten von den Taliban gelegte Sprengsätze ausfindig und unschädlich zu machen.

"In einige Gefechte verwickelt"

Der heute 34-Jährige war im Allschutz-Transport-Fahrzeug Dingo unterwegs, ist aber auch den Schützenpanzer Marder gefahren. "Wir waren rund um Kundus in einige Gefechte verwickelt", berichtet Schröder, der sich der Gefahr für Leib und Leben bewusst war, sich außerhalb des Lagers aber ein psychologisches Schutzschild aufgebaut hatte.

"Du funktonierst einfach nur"

"Wenn du im Einsatz bist, erfüllst du einen Auftrag, du funktionierst einfach nur", stellt der Wonseeser fest, während dessen Zeit in Kabul drei Kameraden aus seiner niederbayerischen Kaserne ums Leben gekommen sind. Ein afghanischer Soldat, der eigentlich zum Schutz eines Bundeswehr-Außenpostens eingesetzt war, hatte das Feuer auf die Deutschen eröffnet. Die Bundesregierung, Verteidigungsminister war damals Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), sprach von einem "hinterhältigen Terrorakt". "In den Medien wurde viel über mögliche Motive berichtet. Uns hat man später gesagt, dass der Mann von den Taliban gezwungen worden war, zu schießen. Sie hatten dessen Familie bedroht."

Es hat viele Tote gegeben

Es sind solch tragische Ereignisse, die bei Udo Schröder zehn Jahre später die Frage aufkommen lassen, warum die Nato ihren Militäreinsatz in Afghanistan nach knapp zwei Jahrzehnten so still und leise beendet hat. Rund 3600 Soldaten und Soldatinnen der westlichen Allianz ließen bis 2020 ihr Leben, bei den zivilen Opfern lag die Anzahl der bei Kampfhandlungen Getöteten zwischen 2010 und 2020 bei über 36 000. Udo Schröder: "Es hat viele Tote gegeben, und was haben wir jetzt? Keine andere Lage als zu der Zeit, als die Nato einmarschiert ist. Und das, was jetzt passiert ist, war abzusehen."

Ein Desaster

Es ist für den Westen ein politisches und militärisches Desaster. Schröder ist sich der Tatsache bewusst, dass viele Tausend Afghanen nach der Machtergreifung der Taliban vor allem eines haben: Todesangst. Als er die Bilder auf dem Flughafen in Kundus verfolgt, fragt sich der 34-Jährige, wie es zu so solch dramatischen Szenen kommen konnte, warum auch die Bundesregierung so viel Zeit hat verstreichen lassen, in der man Afghanen, die als Ortskräfte gearbeitet haben, sicher aus dem Land hätte bringen können. Nachvollziehbare Antworten erhält auch er nicht.