Alle reden von Strompreisen - und viel zu wenige von der Versorgungssicherheit. Dabei ist ein "Blackout", also das regional begrenzte oder auch flächendeckende Erliegen der Stromverteilung, nach den Worten von Jürgen Öhrlein ein sträflich unterschätztes Problem. Der Rothwinder Architekt, Bausachverständige und grüne Visionär in Sachen erneuerbare Energien macht dafür die "Schlafmützenpolitik" der Großen Koalition in den vergangenen Jahren auf Bundesebene verantwortlich, die wichtige Weichenstellungen in Richtung einer dezentralen - und damit deutlich weniger anfälligen - Versorgung versäumt hätten. Er selbst hat den Weg der Insel-Lösung zu Hause bereits beschritten. Wir haben ihn besucht und seine Alternative begutachtet.

Herr Öhrlein, was hat Sie auf das Thema "Blackout" geführt?

Das beschäftigt mich schon seit einigen Jahren, und es sind viele Entwicklungen, die uns in dieser Frage alle beunruhigen müssten. Im ZDF lief dazu jüngst ein sehenswerter und zugleich erschreckender Beitrag in der Sendung "Frontal", der schonungslos vor Augen führt, wo es hakt und dass eine vermeintlich sichere und unantastbare Versorgung eigentlich nur vorgegaukelt wird. Keiner will unnötig Panik verbreiten, aber die Gefahren nehmen zu, etwa durch Extremwetterlagen aufgrund des Klimawandels, mit denen immer öfter zu rechnen ist.

Als Berater auch auf diesem Gebiet: Sehen Sie unsere Region auf mögliche Stromausfälle genügend vorbereitet?

In keiner Weise. Zum Beispiel können bei einem flächendeckenden Stromausfall etwa über zwölf Stunden Tankstellen an Privatpersonen nicht mehr liefern. Wenn ich keinen Sprit mehr zapfen kann, kann ich auch kein Auto fahren und bin schlagartig weitgehend immobil. Meines Wissens sind wenige Großtankstellen mit Notstrom ausgerüstet. Internet und Telefon fallen sofort aus, weil die Router Strom brauchen, Handys funktionieren nur einige Tage. Auch die Heizung fällt aus, alle Pumpen stehen still und bei Frost frieren die wasserführenden Leitungen ein. Ein anderes Feld ist die Lebensmittelversorgung, wo viele Waren gekühlt gelagert werden müssen, oder Trinkwasser/Abwasser, welches gepumpt werden muss, oder lahmgelegte Geldautomaten. Und und und...

Wo lauern die größten Bedrohungen?

Zunächst gilt festzuhalten: Große zentralistische Systeme sind immer anfälliger für Gefahren - das gilt für Strom, aber auch für die Wasserversorgung. Bei solchen großen Einheiten genügt ein Angriff von außen etwa durch einen Hacker, um schnell immensen Schaden anzurichten. Wir wissen, dass solche Attacken zum Teil politisch motiviert sind von Kräften, die uns nicht immer wohlgesonnen sind. Zudem erlebten wir in den vergangenen Jahren auch, was die Veränderungen des Klimas mit den daraus resultierenden Wetterfolgen für eine Wirkung entfalten können. Es genügt ein starker Wintereinbruch mit Eisregen wie 2005 im Münsterland, um Masten umknicken und Leitungen reißen zu lassen. Damals wurde auch bekannt, dass der Unterhalt der wichtigen Infrastruktur grob vernachlässigt wurde und die Statik der Strommasten deshalb versagte. Ein anderes Beispiel ist das Hochwasser im Ahrtal, wo der Wiederaufbau der Stromversorgung Wochen dauerte.

Wie lässt sich, abgesehen von solchen Jahrhundertkatastrophen, im Kleinen zumindest der Notfall überbrücken?

Jeder Hausbesitzer hat die Möglichkeit, sein Dach oder die Fassade zum Kleinkraftwerk umzuwandeln. Jeder Betrieb hat ebenso diese Möglichkeit für seine Gebäude. Mittlerweile gibt es Solarzellen, die so leicht sind, dass man sie auch auf Trapezblechen fixieren kann. Mit der Firma Münch in Rugendorf haben wir einen Kenner mit ungemein viel Wissen vor Ort. Wir müssen solche Kenner mit ins Boot holen, um langfristig Energie-Autarkie in unserem Landkreis zu erreichen - das muss das konkrete Ziel der politischen Akteure sein. Mir scheint aber, das Interesse an dieser Vorsorgestrategie ist nicht sonderlich groß.

Wie sorgen Sie privat vor?

Ich habe seit 20 Jahren Photovoltaik auf dem Dach - aber es war mir damals schon wichtig zu erfahren: Wie kann ich nicht nur Energie ins Netz einspeisen, sondern den eigenen Strom auch speichern, um damit gewappnet zu sein, wenn nichts aus der Steckdose kommt? Ich habe mich damals kundig gemacht, welche Lösungen es gibt. Die Antwort war immer die gleiche: Es gibt keine. Später kamen wegen der Handys Lithium-Ionen-Akkus auf den Markt. Diese funktionieren auch für die Notstromversorgung, bereiten aber bei der Herstellung die bekannten Umweltprobleme. Mittlerweile gibt es Alternativen wie die Salzwasserbatterie in meiner Garage, die wesentlich umweltverträglicher ist und bei der keine Brand- oder Explosionsgefahr besteht. Ein Nachteil ist: Sie braucht etwa doppelt so viel Platz wie Lithium-Akkus.

Wie weit kommen Sie damit?

Genau genommen gibt es bei meinem System keine zeitliche Befristung, denn selbst bei so diesigem Wetter wie momentan liefern mir meine beiden Anlagen mit insgesamt 22 Kilowattpeak immer so viel Strom, dass ich dank Zwischenspeicher komplett und ohne Ausfall über die Runden komme. Natürlich gilt das nicht bei einer dicken Schneeschicht, aber so oft haben wir das ja nicht mehr oder ich mache dann eine Dachfläche schneefrei. Mit dem Strom, der dann erzeugt wird, kann ich telefonieren und am PC arbeiten, Heizung, Kühlschrank, Gefriertruhe, Licht, TV und Radio funktionieren - all das, was im Notfall essenziell sein kann. Ich kann die nötigsten Geräte im Haus betreiben, bis auf die Stromfresser Herd und Waschmaschine. Da müssen dann halt der Kachelofen und der Campingkocher herhalten.

Ich könnte bei Sonnenschein auch noch mein E-Auto betanken und die Batterie als Speicher nutzen, zumal die Autobatterie ja um einiges größer ist als die in der Garage. Man könnte also das Auto anzapfen. Hierfür fehlen derzeit noch die rechtlichen Voraussetzungen, diesen umgekehrten Weg zu beschreiten. Da hoffe ich, dass die neuen grünen Minister im Bundeskabinett diesen Missstand beheben. Einige Autohersteller haben bereits Modelle, die eine Rückspeisung ins Stromnetz ermöglichen. Alles in allem zeigt das: Regenerative Energien sind eine Lösung gegen den Blackout, der hoffentlich niemals kommen wird.

Stadt Haßfurt setzt auf Power-to-Gas

Kann eine Kommune Eigenvorsorge im Fall eines großen Stromausfalls betreiben? Sie kann, wie das Beispiel der Stadt Haßfurt zeigt. Dort wurde mit großem Aufwand eine Blackout-sichere Stromversorgung für die Wasserbetriebe mit erneuerbaren Energien und Batterien aufgebaut. Ziel ist, den rund 14000 Einwohnern auch beim Komplettausfall eine ungestörte Wasserversorgung

garantieren zu können.

Nach Angaben von Stadtwerke-Geschäftsführer Norbert Zösch kann die installierte Anlage mittels Elektrolyseur mit 1,2 Megawatt installierter Leistung aus vor Ort "geernteter" Windkraft pro Stunde rund 220 Kubikmeter Wasserstoff erzeugen - und das mit einem Wirkungsgrad von 70 Prozent (sogenanntes Power-to-Gas-Verfahren).

Ins Netz oder den Speicher

Überschüssiger Windstrom lässt sich so direkt in brennbares Wasserstoffgas umwandeln. Das kann, in fünfprozentiger Beimischung, direkt an der Anlage dem Haßfurter Erdgasnetz zugeschlagen werden. Die Jahresproduktion an Wasserstoffgas wird mit einer Gigawattstunde (GWh) angegeben. Hinzu kommt: Gaskunden, die sich für einen klimafreundlicheren Windgastarif entscheiden, können das Gemisch problemlos in ihren Gasthermen und Blockheizkraftwerken verbrennen.

Als Partner wurde dazu unter anderem Greenpeace Energy ins Boot geholt. Ex-Kanzlerin Angela Merkel und der frühere Wirtschaftsminister Peter Altmaier (beide CDU) hatten das Projekt einst als "Leuchtturm" explizit gelobt.