Neun Tage lang dreht sich in der Kulmbacher Innenstadt alles ums Bier. Tausende strömen in den Stadel, um zu feiern. Aber Festbesucher ist nicht gleich Festbesucher. Was sind das für Leute, die man im Stadel und drumherum trifft? Wir haben uns an einer nicht ganz ernst gemeinten Typologie versucht.



Der Heimkehrer
Er hat sein Kreuzchen im Kalender längst gemacht. Der letzte Samstag im Juli ist für ihn ein fixer Termin. Da reist er zur Bierwoche an, ganz egal, in welche Ecke der Welt es ihn verschlagen hat. Alte Schulfreunde treffen, in Erinnerungen schwelgen - deshalb ist er da. Manchmal wird er sentimental, erinnert sich an die Zeiten, als Biermarken noch großzügig unters Volk gestreut wurden und man spät nachts mit einem geklauten Maßkrug in der Hand heimwärts wankte. Bierwoche 2019? Geht am 27. Juli los. Steht natürlich schon in seinem Kalender.

Der Hocker
Für ihn ist ein Sitzplatz an der richtigen Stelle im Stadel unerlässliche Voraussetzung für das Festvergnügen. Ziehen soll es dort nicht, zu viel Trubel soll drumherum auch nicht sein. Hat der Hocker erst einmal einen Platz gefunden, dann tut er das, was sein Name schon sagt: Er hockt. Stundenlang. Stoisch beobachtet er das Geschehen, kommentiert vielleicht das eine oder andere und steht wirklich nur dann auf, wenn es sein muss. Weil die Blase drückt. Seine lange Verweildauer im Stadel führt nicht zwangsläufig zu alkoholischen Exzessen. Zwei Maß sind dem Hocker genug. Auch wenn die zweite gegen Ende des Abends schon "glotzt".

Der Rundläufer
Er ist das Gegenstück zum Hocker. Einen Sitzplatz braucht er nicht, und wenn es im Stadel zu voll ist, muss er auch nicht unbedingt dort hinein. Mit dem Maßkrug in der Hand schlendert er vielmehr immer rundherum um den Stadel, macht mal einen Stippvisite hin zum Sternla-Strand oder hinüber zur "Feuerwache". So unstet er wirkt, hat der Rundläufer doch einen großen Vorteil: Er trifft eine Menge Leute. Mit denen er sich, weil ein Stück weit weg von der Kapelle auf der Bühne, sogar gut unterhalten kann.

Der Tourist
Der Tourist hat daheim in Livorno, Tianjin oder Indianapolis gehört, dass es in Bavaria ein great Beerfest geben soll und ist erwartungsvoll angereist. Dass die Franken keine Bayern sind, nicht permanent jodeln oder "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" singen - egal. Der Tourist erwartet, dass jedes seiner Klischees bedient wird. Bewaffnet mit einem Selfie-Stick kämpft er sich durchs Getümmel und ist, mangels Gewöhnung, schon nach einer halben Maß rettungslos betrunken. Stolz bringt er von der Reise einen billigen grauen Filzhut mit nach Hause. Das Lebkuchenherz mit der Aufschrift "I mog Di" hat ihm leider am Flughafen der Zoll abgenommen.

Der Griesgram

Er geht eigentlich nur in den Bierstadel, um etwas zu meckern zu haben. Ihm ist es dort, je nachdem, zu voll, zu heiß, zu laut. Die Maß ist schlecht eingeschenkt, die Hax'n zu teuer, und die Bedienungen waren früher auch schon mal freundlicher. Schunkeln, singen, tanzen? Er macht sich doch nicht zum Affen! Jeden Rempler im Gedränge quittiert er mit unwilligem Grunzen, und er ist froh, wenn er wieder zu Hause ist. Warum er nicht gleich daheim bleibt? Dann kriegte er ja nicht mit, was ihm alles nicht gefällt.

Der Gemütliche

Ginge es nach ihm, bräuchte es den ganzen Firlefanz nicht: Weder den Fan-Shop noch den Sternla-Strand, auch keine Cocktails oder Lachsbrötchen. Der Gemütliche will nur eins: Einen behaglichen Sitzplatz, eine frische Maß, eine schöne Blasmusik und angenehme Gesellschaft. Den Gemütlichen findet man in der Regel am Sonntagmittag im Stadel, gemeinsam mit seiner Frau, mit der er Gögerla und Schnitzel isst und sich eine Maß teilt. Wenn es abends laut wird im Stadel, fühlt er sich daheim auf der Terrasse wohler. Bis zum Donnerstag: Da trifft er sich mit den ehemaligen Kollegen um 17 Uhr in der Mönchshof-Ecke zum Pensionisten-Stammtisch.

Der Hektorliter-Mann
Während es die meisten Bierfest-Typen sowohl in männlichen als auch in weiblichen Varianten gibt, taucht diese Spezies ausschließlich in männlicher Ausformung auf. Der Hektoliter-Mann brüstet sich damit, während der neuntägigen Bierwoche allein nahezu einen Hektoliter Bier vernichten zu können. Das sind täglich - wir können rechnen! - ziemlich viele Maßen. So etwas schafft man nur mit konsequentem Training und einem ausgeklügelten Zeitmanagement. Wer erst zum Dämmerschoppen im Stadel antritt, wird nichts mehr reißen. Dem Hektoliter-Mann ist es übrigens wurscht, welche Musik spielt und wie kurz die aktuellen Dirndl sind. Er hat eine Mission.

Die Tussi
Die Tussi mag eigentlich kein Bier. Lieber einen Prosecco. Oder einen Cocktail mit einem bunten Schirmchen. Alles an der Tussi ist ein bisschen zu ... arg: Das Polyester-Dirndl ein bisschen zu bunt, das Dekolleté ein bisschen zu tief und der Rock ein bisschen zu kurz. Den blondierten Zopf hat sie keck über die Schulter geworfen und aus dem rosa geschminkten Mund kichert es in einem fort. Die Tussi tritt selten alleine auf, sondern zusammen mit ihren Tussi-Freundinnen. Die schlendern Arm in Arm übers Festgelände. Und sie gehen natürlich immer zusammen aufs Klo. Das nennt man dann Rudel-Bieseln.

Der Fan
Er ist der Profi unter den Bierwochen-Besuchern. Er gibt dem sogenannten leichten Bieranzug den Vorzug vor der Tracht und verfügt, aus welchen Quellen auch immer, über einen ausreichend großen Vorrat an Biermarken. Er weiß auswendig, wann welche Kapelle spielt. Und er kennt natürlich die Texte der einschlägigen Stadel-Hits samt der dazugehörigen Choreographie. Der echte Fan hat Freunde in Niedersachsen oder Chicago, die jedes Jahr zur Bierwoche zu Besuch kommen. Mit dem Personal im Stadel ist er seit Jahren per Du, und auch nach größeren Gelagen hat er keinen Ärger mit der Polizei: Er hat nämlich sein Wohnmobil schon am Freitag vor dem Anstich am Schwedensteg geparkt und somit einen kurzen Heimweg.

Der Selbstdarsteller
Er inszeniert neun Tage lang vor allem sich selbst. Das Outfit ist perfekt. Die hirschlederne Hose spannt angemessen knackig über dem Gesäß, den Hosenlatz ziert ein klimperndes Charivari und im gegelten Haupthaar steckt eine verspiegelte Sonnenbrille. Wenn der Selbstdarsteller durch den Stadel geht, guckt er ständig, ob auch wirklich jemand guckt. Taucht ein Rundschau-Fotograf auf, hat der Selbstdarsteller blitzschnell ein paar hübsche Frauen an seiner Seite (siehe hierzu auch Stichwort Tussi), entblößt ein Gebiss mit mindestens 42 strahlend weißen Zähnen und post professionell. Was war gleich nochmal der Anlass, weshalb er hier ist? Egal. Hauptsache, er kommt groß raus.