Die Richter im Bayreuther Vergewaltigungsprozess sind für ihre Spontaneität bekannt: Einmal kramt der Vorsitzende - was er zu Hause nie wagen würde - in einer Frauenhandtasche, ein andermal muss ein Zuhörer seinen Notizblock vorzeigen.


Streifenwagen fährt sofort los

Diesmal bekommt die Kammer Wind von möglicherweise brisanten Akten und setzt sofort einen Streifenwagen in Marsch. Aus dem Haus der Hauptbelastungszeugin (48), die ihren Vater (71) der Vergewaltigung bezichtigt, schleppt die Polizei eine Kiste mit sechs Aktenordnern in den Sitzungssaal.

Bei den mysteriösen Unterlagen handelt es sich um Akten, die aus der gemeinsamen Firma des Angeklagten und seines Schwiegersohnes spurlos verschwunden sind. Dort sind Spesenrechnungen abgeheftet: unter anderem zwei Belege für den Tag einer möglichen Tat im Dezember 2010, die die Zeugin dem Gericht übergibt. Die Ordner habe ihr Noch-Mann bei seinem Auszug vergessen, sagt sie.

Da kein Dritter etwas beobachtet hat und es auch keine objektiven Spuren für die Tatvorwürfe gibt, muss das Gericht die fraglichen Tage rekonstruieren. Die Belege könnten ein Mosaiksteinchen sein.


Drohen Steuerermittlungen?

Ob die Quittungen für Bewirtung und Übernachtung das Gericht weiterbringen, steht noch nicht fest. Möglicherweise sind hier, was in dem Verfahren schon öfters eine Rolle gespielt hat, private Spesen als Firmenausgaben steuerlich geltend gemacht worden. Klar ist jedoch, dass die verfeindeten Lager hinter den Kulissen alle Register ziehen.

Zu den Akten wird am Mittwoch eine Buchhalterin befragt. Sie erkennt die Ordner sofort: "Die suchen wir seit Sommer 2014." In der Firma habe man vermutet, so die Zeugin, dass sich die Tochter des Angeklagten die Unterlagen angeeignet hat. "Aber wir konnten es nicht beweisen."


Rechtsanwalt riecht den Braten

Weitere Einzelheiten will die Buchhalterin nicht wissen. Der Rechtsanwalt der Hauptbelastungszeugin und Nebenklägerin riecht allerdings den Braten. Frank K. Peter befragt die Zeugin intensiv und kommt ihr auf die Schliche. Schließlich gibt die Frau zu, dass sie im Auftrag ihres Chefs vorab speziell geprüft habe, ob mit dem Dezember 2010 alles seine Ordnung hat. Außerdem soll er sie ermuntert haben, bei ihrer Aussage nicht so sehr ins Detail zu gehen.

Damit hat sich der Noch-Ehemann, der zum Lager des Angeklagten gehört, verdächtig gemacht. Aber dazu wird das Gericht von ihm nichts erfahren: Er beruft sich auf sein Zeugnisverweigerungsrecht.


Die Lager sind hochnervös

Gleichwohl ist nach sechs Monaten Prozessdauer ein Ende in Sicht. Vorsitzender Richter Michael Eckstein geht davon aus, den Zeitplan einhalten zu können. Und je näher die Urteilsverkündung rückt - vielleicht schon am 8. April - , desto nervöser werden die Parteien. Verteidiger Johann Schwenn kritisiert die Frageweise ("aggressiv und pampig") des Nebenkläger-Beistands. Die Buchhalterin sei eingeschüchtert worden, meint er. Rechtsanwalt Peter gibt das Kompliment zurück, und der Vorsitzende beruhigt die Hitzköpfe: "Aber meine Herren ..." Dann erteilt Eckstein der Psychologin das Wort. Gabriele Drexler-Meyer beginnt mit ihrem Gutachten zur Glaubwürdigkeit der Hauptzeugin.

Die 48-Jährige sei bei der Exploration freundlich und kooperativ gewesen, so die Sachverständige. Bei der Schilderung belastender Themen habe es keinen "Affektdurchbruch" gegeben. Ihren Vater habe sie als "bestimmend" beschrieben. Sie habe ihm nichts recht machen können: "Ich hatte schon immer Angst vor ihm."


Urlaube, Shopping und Essen bei Käfer

Wenn der Familienpatriarch zu Urlauben einlädt - auf Capri, in Istanbul oder in den Bergen - oder zum Essen bei Käfer oder zum Shopping, weigert sich die Tochter nicht, obwohl es dabei auch zu Übergriffen gekommen sei. Auf die Frage der Sachverständigen, warum sie trotzdem mitgegangen ist, habe die Zeugin nur angegeben: "Weil er es gesagt hat." Sie habe nach eigener Einschätzung keine Chance gesehen, sich gegen den Vater zu wehren: "Wir sollten sagen, wie großartig er ist."

Das Fazit der Gutachterin gibt es erst nach Ostern: Glaubwürdig oder unglaubwürdig?