Drei Seniorenheime im Raum Kulmbach waren und sind von einem Corona-Ausbruch betroffen. Neben der Pro-Seniore-Residenz in Wirsberg gab es in den Häusern der Arbeiterwohlfahrt Am Rasen und in der Johann-Brenk-Straße eine Vielzahl von Corona-Fällen unter den Bewohnern und dem Personal - und leider auch zahlreiche Tote zu beklagen. Wie konnte es so weit kommen und was sagt die Arbeiterwohlfahrt zu Vorwürfen, der Träger habe zu spät reagiert und zu wenig getan, um das Ausbruchsgeschehen in den Griff zu bekommen? Awo-Geschäftsführerin Margit Vogel nimmt dazu Stellung.

So ist die aktuelle Situation in den Häusern Am Rasen und in der Johann-Brenk-Straße.

Aktuell ist die Situation im Awo-Heiner-Stenglein-Senioren- und Pflegeheim Am Rasen nach Auskunft der Awo stabil. Durch die jüngsten durchgeführten PCR-Tests seien keine neuen positiven Fälle festgestellt worden. Laut Landratsamt waren und sind in der Einrichtung Am Rasen bislang 37 Bewohner und 19 Mitarbeiter infiziert. 13 Bewohner sind an Corona gestorben.

Die Lage in der Karl-Herold-Seniorenwohnanlage ist dagegen immer noch angespannt. Dort gab es bis gestern insgesamt 115 infizierte Bewohner und 70 Corona-positive Mitarbeiter. 25 Corona-Tote sind unter den Bewohnern in der Johann-Brenk-Straße zu beklagen.

"Jeder einzelne Mensch, der das Virus nicht überlebt hat, ist einer zu viel. Auch bei uns und unseren Kolleginnen und Kollegen hinterlassen diese Menschen große Lücken in den Herzen", sagt Awo-Geschäftsführerin Margit Vogel. Das Virus sei vor allem aufgrund der teilweise sehr langen Inkubationszeit unberechenbar und damit sehr schwer beherrschbar. "Das zeigt sich auch an den unterschiedlichen Verläufen einer Covid-19 Erkrankung - von symptomfrei über mild bis hin zu schweren Verläufen und leider auch Todesfällen. Auch unsere Mitarbeitenden haben teilweise mit schweren Krankheitsverläufen zu kämpfen."

Wie konnte es zu den massiven Ausbruchsgeschehen in den beiden Awo-Häusern kommen? Ist noch nachvollziehbar, wie das Virus eingetragen wurde?

Margit Vogel erklärt dazu: "Es ist nicht nachvollziehbar, auf welche Art und Weise das Virus in unsere beiden Seniorenwohnheime gekommen ist. Unser vorrangiges Ziel ist es derzeit, die Lage in den Griff zu bekommen. Viele Mitarbeitende - auf allen Ebenen - arbeiten seit Wochen unermüdlich, um eine Besserung der Lage herbeizuführen. Die Belastung - körperlich und psychisch ist immens. Die Kräfte sind am Ende - das ist keine salopp daher gesagte Floskel, das ist die Realität." Die Erleichterung über die Unterstützung durch die Bundeswehr sei bei allen Beteiligten deutlich spürbar. "Mitarbeitenden flossen Tränen der Erleichterung über die Wangen, als die Soldatinnen und Soldaten in den Heimen eintrafen", so Vogel.

Haben womöglich bauliche Besonderheiten, wie die offene Gestaltung der Anlage in der Johann-Brenk-Straße, die rasche Verbreitung begünstigt?

Die Karl-Herold-Seniorenwohnanlage in der wurde 1965 errichtet und über die Jahre hinweg immer wieder erweitert. Im Gegensatz zu anderen Einrichtungen gibt es hier keine abgeschlossenen Wohngruppen, sondern Stationen, die untereinander verbunden sind. Deshalb sind die Voraussetzungen für eine Kohortenbildung anders als beispielsweise im Heim Am Rasen, wo es diese abgeschlossenen Wohnbereiche gibt. "Mit dem Corona-Ausbruch in der Johann-Brenk-Straße wurde die Station, auf der die ersten Senioren positiv getestet wurden, sofort unter Quarantäne gestellt, also von den anderen Bereichen abgeriegelt und die Hygiene- und Schutzmaßnahmen nochmals verschärft", betont die Awo-Geschäftsführerin. Bewohner, die positiv auf das Corona-Virus getestet wurden, seien von denjenigen mit negativem Testergebnis räumlich getrennt worden. Ausnahmslos jede Verlegung sei in Rücksprache und auf Anweisung des Gesundheitsamtes und des Katastrophenschutzes passiert.

Welche Schutz- und Hygienemaßnahmen wurden wann ergriffen?

Unmittelbar nach den beiden Corona-Ausbrüchen waren laut Margit Vogel die FQA-Heimaufsicht (Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen - Qualitätsentwicklung und Aufsicht) und das Qualitätsmanagement der Awo in den Heimen, um die Hygienemaßnahmen nochmals eindringlich zu vermitteln. "Seit Beginn der Pandemie wurden unsere Mitarbeitenden zusätzlich immer wieder auf die enorme Wichtigkeit, der Einhaltung der Hygienevorschriften hingewiesen." So sei auch das An- und Ausziehen von Schutzkleidung mehrmals trainiert worden. Das Personal müsse sich außerdem regelmäßig testen lassen.

In der vorletzten Woche wurde auf Anraten des Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) und in Absprache mit dem Katastrophenschutz gemeinsam mit dem THW in der Seniorenwohnanlage in der Johann-Brenk-Straße ein Schleusensystem eingeführt, durch das die Mitarbeitenden getrennt voneinander von ihrer Umkleide auf ihre Stationen gelangen. "Bereits zuvor zogen sich Mitarbeitende, die mit positiv getesteten Bewohner*innen in Berührung kamen, und Mitarbeitende, die auf einer ,Corona-freien' Station arbeiteten, in räumlich getrennten Umkleiden um."

Von Seiten des Personals gab es Klagen über fehlende Schutzausrüstung, so sei zum Beispiel im Heim Am Rasen Schutzkleidung untereinander getauscht worden. Außerdem seien Pflegekräfte dabei beobachtet worden, wie sie ohne Mundschutz und ohne Abstand zusammenstehen und rauchen. Was sagen Sie dazu?

"Es kam in unseren Einrichtungen noch nie zu Engpässen bei der Schutzausrüstung", betont Margit Vogel. Man habe versucht, diesen Vorwurf zu rekonstruieren: Aufgrund von Lagerkapazitäten hat das Personal auf den Stationen nur einen kleinen, "aber ausreichenden" Teil vorrätig. Vielleicht entstehe so der Eindruck, dass dies "alles" wäre. "Dieser Eindruck ist falsch."

Dem Vorwurf, dass Schutzbekleidung geteilt werde, "müssen wir ausdrücklich widersprechen". Jeder Mitarbeitende benutze seinen Kittel einmalig und teile diesen nicht mit Kollegen. Nach dem Gebrau werde er entsorgt. Die Schutz- und Hygienemaßnahmen schreiben klare und eindeutige Regelungen vor, die regelmäßig überprüft und kontrolliert würden.

Dass beim Rauchen die Maske abgenommen wird, lässt sich freilich nicht vermeiden. "Dass sie ohne Abstand zusammenstehen, können wir nicht nachverfolgen. Uns liegen dazu keine Beschwerden von Menschen, die das gesehen haben, vor", so die Awo-Geschäftsführung. Bei der Einhaltung der Hygienevorschriften seien alle Mitarbeitenden in der Verantwortung, dies strikt einzuhalten und auch Kollegen im Falle einer Nichtbeachtung darauf hinzuweisen.

Vor allem der Pandemiebeauftragte der Arbeiterwohlfahrt Kulmbach, Ralf Baumann, steht in der Kritik, sich nicht ausreichend gekümmert zu haben.

"Auch diesen Vorwurf weisen wir entschieden zurück. Im Gegenteil: Wir sind dankbar, dass wir uns auf so einen engagierten Mitarbeiter wie Herrn Baumann verlassen können. Er arbeitet, wie sehr viele Mitarbeitende, seit Wochen fast täglich in 12-Stunden-Schichten. Die Einrichtungsleiter sind sehr dankbar, dass er wortwörtlich 24/7 für sie erreichbar ist - und so auch spontan und schnell reagiert", erklärt Margit Vogel. Seine Position sei "ein Rädchen" von vielen im Pandemieplan der Awo. Ein Rädchen alleine bringe die Maschine nicht zum Laufen. "Das funktioniert erst, wenn alle gut zusammenarbeiten. Und das ist hier der Fall."

Weder dem Pandemiebeauftragten noch den Einrichtungsleitern noch der Geschäftsführung lägen Beschwerden oder Anregungen aus Personalreihen vor. "Wir würden uns wünschen, dass sich unsere Mitarbeitenden mit ihren Sorgen und Anregungen an ihre Vorgesetzten oder uns wenden. Nur so können wir schnell auf mögliche Probleme reagieren", sagt die Awo-Geschäftsführerin.

Es wurde uns berichtet, dass es beim Umgang mit Corona-Toten zum Teil an den nötigen Hygiene- und Schutzvorkehrungen und - so der Eindruck - am Problembewusstsein für die Ansteckungsgefahr gefehlt habe.

"Auch hier weisen wir den Vorwurf zurück", heißt es in der Stellungnahme der Awo. Wenn dieser Eindruck entstanden sei, könne man sich das nur wie folgt erklären: "Jedes Unternehmen hat eigene Vorschriften zu Hygiene- und Schutzmaßnahmen. So kann es zu Missverständnissen kommen, wenn verschiedene Unternehmen aufeinandertreffen. Zudem gibt es Schutzausrüstung in unterschiedlichen Ausführungen, die den gleichen Schutz bieten. Beispielsweise arbeiten wir in unseren Einrichtungen mit Schutzkitteln, nicht mit Schutz-Overalls. Maßnahmen wie diese werden immer in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt getroffen. Beide Kleidungsstücke besitzen die gleiche Beschichtung und erfüllen die gleiche Funktion. Diese Schutzkittel haben sich seit Jahren in unseren Einrichtungen bewährt, und unsere Mitarbeitenden sind routiniert im An- und Ausziehen. Außerdem können sich unsere Mitarbeitenden in konkreten Notsituationen, in denen ein schnelles Handeln erforderlich ist, binnen Sekunden umziehen. Das Wechseln eines Overalls dauert deutlich länger."

Zum Transportablauf eines mit Corona verstorbenen Bewohners erklärt die Arbeiterwohlfahrt: Das Personal bringt die möglicherweise noch infektiöse Leiche (beide in Schutzkleidung) in den Aussegnungsraum - dieser Raum hat einen separaten Ein- und Ausgang, sodass die Bestatter, die die Verstorbenen abholen, weder einzelne Räume noch die Stationen unserer Einrichtung betreten.