Heute kommen die Schuhe zumeist aus Asien, früher wurden sie auch bei uns in Oberfranken hergestellt. Nicht nur in Burgkunstadt, der "Schuhstadt am Obermain", wo in den Fabriken zu Hochzeiten 2300 Mitarbeiter beschäftigt waren, bis zu 12 000 Paar Schuhe pro Tag produziert wurden. Auch in Thurnau gab es über Jahrzehnte eine Firma, die über 100 Mitarbeiter zählte.

Unter dem Namen Becker-Küper Ende der 40er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts gegründet, lautete der Firmenname später lange Zeit "Amigo". Nach dem Konkurs des Betriebes Ende der 80er-Jahre wurden Schuhe aus Thurnau für kurze Zeit noch unter dem Namen "Vitaloflex" vertrieben.

Wo sind Zeitzeugen?

Auf die Suche nach den Spuren der Thurnauer Schuhproduktion begibt sich das Institut für Fränkische Landesgeschichte der Universitäten Bayreuth und Bamberg, das im Thurnauer Schloss beheimatet ist. "Wir wollen den Strukturwandel in Oberfranken beleuchten und einen Blick auf alte Produktionsstätten werfen", sagt Historiker Marcus Mühlnikel. Studierende werden die Geschichte der Schuhfabrik erforschen und ihre Ergebnisse bei einer Ausstellung im April präsentieren. Die Bevölkerung ist zur Mithilfe aufgerufen. Es werden Leihgaben gesucht: Schuhe oder Lederreste aus der Fabrik, Bilder oder auch Prospekte. "Bis dato haben wir nur ein Paar Stiefel und Geldbeutel, die aus Lederresten gefertigt wurden", so Mühlnikel. Gesucht werden zudem Zeitzeugen, etwa Näherinnen und Heimarbeiterinnen, die dort beschäftigt waren und Anekdoten erzählen können.

Aus Reifen Sohlen gemacht

Ein Zeitzeuge ist Thomas Grelich, der Sohn der Firmengründer. Dessen Mutter war als Vertriebene nach dem Krieg in Thurnau gelandet, hat dort in einer alten Baracke am Bahnhof mit einer Freundin die Schuhfertigung begonnen. "Unter den Vertriebenen waren Schuster, die wussten, wie man Leisten herstellt, die aus alten Reifen Sohlen gemacht haben", berichtet Grelich. Die Not habe erfinderisch gemacht: Für das Oberteil eines Schuhes seien alte Vorhangstoffe und Uniformjacken verwendet worden, so der 73-Jährige.

Winterstiefel waren gefragt

Grelichs Vater Günther hat die Firma groß gemacht, die später unter dem Namen "Amigo" in der Hutschdorfer Straße beheimatet war, dort, wo sich heute das Gemeindezentrum befindet. Thomas Grelich ist mit eingestiegen in die Firma, die sich vor allem als Produzent von Winterstiefeln einen Namen gemacht hat. "Als Material haben wir gegerbte Seehundfelle verwendet", berichtet der Thurnauer: "Die Stiefel haben sie uns im wahrsten Sinne des Wortes aus den Händen gerissen."

Schuhe, die Qualitätsprodukte waren und teilweise auch heute noch getragen werden, weiß Grelich, der das Institut für Fränkische Landesgeschichte bei den Planungen für die Ausstellung unterstützt. Grelich selbst hat keine Materialien oder Fotos aufbewahrt, sich auch von alten Erinnerungen getrennt. "Das Kapitel ist für mich längst abgeschlossen."

Die Ausstellung wird im Schloss stattfinden, aber auch an der letzten Produktionsstelle in der Jägerstraße soll an die Thurnauer Schuhfabrik erinnert werden.

Die Kontaktadresse

Wer Relikte oder Erinnerungen hat und zum Erfolg der Ausstellung beitragen kann, wird gebeten, sich unter der Telefonnummer 09228/996516 oder per Mail unter info@iflg-thurnau.de an das Institut für Landesgeschichte zu wenden.