Der Griff erfolgt oft gedankenlos. An der Supermarktkasse bemerkt man plötzlich: Hoppla, nix zum Einpacken dabei für den proppenvollen Wagen. Also lässt man sich für ein paar Cent eine Einweg-Plastiktüte reichen, um Deo-Roller, Blumenkohl, Weichspüler, Hundefutter, Grillanzünder, Rotwein und die Monatsration Gummibärchen heimzutragen. Doch seit Neujahr ist diese Option hinfällig, denn solche Taschen mit einer Wandstärke von 15 bis 50 Mikrometern sind nicht mehr erlaubt. Mitte Dezember 2020 hatten Bundestag und Bundesrat eine entsprechende Änderung des Verpackungsgesetzes passieren lassen. Im Jahr zuvor waren nach Angaben des Bundesumweltministeriums allein in Deutschland 1,49 Milliarden solch leichter Plastiktüten in Umlauf gebracht worden. Das sollte aus Umweltschutzgründen ein Ende haben, denn die Teile landen nicht selten unkontrolliert in der Natur und überdauern dort Jahrzehnte.

Michael Seidl, Inhaber des gleichnamigen Kulmbacher Edeka-Marktes, kann sich angesichts des Verbots entspannt zurücklehnen: Bei ihm gibt es bereits seit fast drei Jahren keine derartigen Einwegbeutel mehr - und auch die in ihrer ökologischen Bilanz oft zu Unrecht allzu positiv bewerteten Papiertaschen bietet Seidl nicht mehr an. "Unsere Philosophie ist, so wenig wie möglich Verpackungsmüll zu produzieren. Dazu gehören sämtliche Beutel, die nur einmal verwendet werden."

Ersatz aus Bio-Material

Das gilt ferner für die sogenannten Hemdchen- oder Knöllchenbeutel (das sind die transparenten Beutel für Obst und Gemüse) - auch sie sind aussortiert. Obwohl für den Handel hier eine Ausnahme gilt: Sie bleiben laut EU-Ausnahmeregelung erlaubt, weil diese Tüten mit einer Wandstärke von 15 Mikrometern "aus Hygienegründen" dienlich seien und zudem verhinderten, dass Hersteller ihr Obst und Gemüse bereits vorab wieder mit zusätzlichen dickwandigen Plastikboxen umhüllten - was nicht im Sinne des Umweltschutzes sei. Michael Seidl ersetzt diese Folien durch Behältnisse aus nachweislich kompostierbarem Material. "Weil diese Tüten etwas teuer sind, verlangen wir vom Kunden dafür fünf Cent und bitten um Verständnis."

Das Ansinnen des Inhabers hinter all dem: "Den einen oder anderen in unserem Haus mal darüber nachdenken zu lassen, ob es die Einwegteile wirklich braucht." Immerhin liefert Mutter Natur bei Zitrone, Banane & Co. von Haus aus die perfekte Verpackung gleich mit. Hilfreich sind die Beutel bei kleinteiligen Sachen wie etwa Cocktailtomaten und Weintrauben oder etwa bei Kiwis, die bei Druck zermatschen. "Alles andere kann nach dem Bezahlen bedenkenlos in Korb oder Tasche landen."

Wer dennoch auf eine Tragemöglichkeit aus dem Markt angewiesen ist, für den gibt es an der Kasse Taschen aus Baumwolle oder verstärktem und recyceltem Kunststoff, die reißfest sind und viele Male wiederbenutzt werden können. Michael Seidl hat übrigens vor der Umstellung einmal ausgerechnet, wie viele große Einwegtüten bei ihm Markt ausgehändigt wurden, als er sie noch anbot. "Da dürften allein in unserer Filiale mehrere Zehntausend Stück pro Jahr zusammengekommen sein."

Echter Stoff statt Kunststoff

Generell ohne Plastikbeutel kommt Annette Stoll aus. Wir treffen die Rentnerin aus Bad Berneck, die bei Seidl Besorgungen für eine erkrankte Bekannte macht. "Mir war dieser Plastikwahn immer zuwider, daher begrüße ich das Verbot, anders geht es anscheinend nicht", sagt die 71-Jährige. Ihren Einkauf trägt sie in einem betagten Stoffbeutel zum Auto. "Den habe ich seit 20 Jahren, er wird gewaschen und sogar geflickt und tut seinen Dienst. Ich bin noch so erzogen worden, dass wir Dinge mehrfach gebrauchen, im Notfall reparieren und nicht einfach nach Belieben wegschmeißen."

In die Kategorie "Verbrauchertäuschung" gehören laut Bundesumweltamt sogenannte Bioplastiktüten aus "pflanzenbasierten Kunststoffen". Sie sind der Behörde zufolge eben keine umweltfreundliche Alternative, "weil sie sich kaum recyceln lassen und in der Natur ebenfalls sehr schlecht abgebaut werden". Der Aufdruck "Bioplastik" verleite dazu, sie nicht sachgerecht zu entsorgen. Das kann Heiko Gunsenheimer bestätigen. Er betreibt in Katschenreuth die Eichner Kompost & Humus GmbH. "Finger weg" rät er von besagten Bio- oder Öko-Beuteln, wie sie der Handel anbietet. "Das Label bezieht sich lediglich darauf, dass dass Material zu 98 Prozent aus recyceltem Kunststoff stammt - das heißt freilich nicht, dass es sich auch zersetzt, es ist und bleibt eine gewöhnliche Plastiktüte." Der Verbraucher kaufe das im guten Glauben - bei uns, wo alles landet, ist das schlicht Sondermüll und wandert in die Müllverbrennung."

Mit gemischten Gefühlen sieht die Wissenschaft das Verbot. Einer der profundesten Experten zum Thema Mikroplastik als Umweltbelastung ist der Bayreuther Uni-Dozent Christian Laforsch. "Dieses Verbot hat stark symbolischen Charakter, denn der Umgang mit Plastiktüten ist symbolisch für unseren unsachgemäßen Umgang mit fossilen Ressourcen wie Erdöl und unseren Umgang mit dem sehr wertvollen Material Kunststoff im Alltag generell." Damit diene das Plastiktütenverbot zur Bewusstseinsbildung. Es sei eine Maßnahme, die neben dem Verbot von Wegwerfprodukten aus Plastik, für die es umweltfreundlichere Alternativen gibt, dazu führen soll, überflüssigen Kunststoffmüll zu reduzieren.

Laforsch betont, es sei wichtig ist zu verstehen, "dass Einmal-Plastiktüten nicht durch Einmal-Papiertüten und andere nur einmal verwendbare Alternative ersetzt werden sollten". Denn deren ökologischer Fußabdruck sei aufgrund der bei der Herstellung/Recycling verwendeten Chemikalien wesentlich schlechter als der von Plastiktüten. Ähnliches gelte für Stoffbeutel. Der Biologe gibt zu bedenken: "Kunststoffe sind bei sachgemäßem Umgang ein unverzichtbares Material unserer Gesellschaft."

Verordnung: Seit 1. Januar dürfen Geschäfte keine Plastiktüten mehr an ihre Kunden herausgeben. Bereits seit 2016 galt eine freiwillige Vereinbarung mit dem Handel, dass bestimmte Tüten aus Kunststoff nur noch gegen Bezahlung abgegeben werden dürfen. Dadurch konnte der Verbrauch laut Bundesumweltministerium bereits um zwei Drittel gesenkt werden. Allerdings hätten sich einige Branchen nicht an der Vereinbarung beteiligt, darunter Imbisse, Bäckereien, Kioske und Wochenmärkte. Durch Verwehungen oder falsche Müllentsorgung landeten die Plastiktüten dieser Geschäfte aber besonders häufig in der Landschaft oder in Gewässern. Mit dem Verbot sollen Plastiktüten nun möglichst komplett verschwinden.