Es ist eine Abschiebeaktion, die für Empörung gesorgt hat. Am Freitag, 18. Dezember, wurden acht in Wirsberg dezentral untergebrachte Asylsuchende aus Albanien in einer Nacht- und Nebelaktion von der Polizei abtransportiert. Wie Zeugen berichten, wurden eine Alleinstehende mit drei Kindern sowie eine vierköpfige Familie um 6 Uhr morgens aus dem Schlaf gerissen und von den Beamten aufgefordert, ihr Hab und Gut zusammenzupacken und das Haus zu verlassen. In Polizeibussen wurden die Albaner abtransportiert.

Als Inge Hoch aus Neuenmarkt, die die beiden Familien seit Anfang August betreut hat, diese am Freitagmorgen besuchen wollte, waren die Wohnungen leer. "Ich habe gedacht, dass alle einkaufen sind", sagt die 55-Jährige, die kurz darauf einen Anruf des Hausbesitzers erhielt. "Er hat mir mitgeteilt, dass die Polizei sie abgeholt hat."


"Menschenunwürdig"

Inge Hoch ist schockiert. Wie sie mitteilt, waren die acht Albaner nach der Ablehnung ihres Asylantrags bereit, Deutschland freiwillig zu verlassen. Sie hätten nur noch auf Reiseunterlagen gewartet. Die Neuenmarkterin versteht deshalb nicht, warum sie "auf menschenunwürdige Weise" zur Ausreise gezwungen wurden.

Nicht nur Inge Hoch, auch Wirsbergs Bürgermeister Hermann Anselstetter (SPD) ist empört. In einem Brief an Oberfrankens Regierungspräsident Wilhelm Wenning hat er sich über die Abholaktion beschwert. "Es war sehr bitter, von der Ausländerbehörde im Landratsamt Kulmbach erfahren zu müssen, dass die nächtliche Aktion in der Tat unter Rahmenbedingungen ablief, die in keiner Weise zu akzeptieren sind." Auch das Landratsamt sei erst über den Zugriff der Polizei informiert worden, "als die Wohnung geräumt war".


"Hilfesuchende oder Straftäter?"

Die Rückführung von Asylsuchenden in sichere Heimatländer sei zwar notwendig. "Gegen die Art und Weise jedoch, mit der diese nächtliche Überrumpelungsaktion erfolgt ist, protestiere ich heftigst", schreibt der Bürgermeister und weiter: "Hat das noch etwas mit Menschlichkeit zu tun, wenn fünf Kinder und drei Eltern wenige Tage vor dem Heiligen Abend in ihrer Wohnung überrascht, in Schlafzeiten wachgerüttelt und ins Ungewisse abtransportiert werden? Ging es bei dieser unchristlichen Abholaktion um hilfesuchende Menschen oder um Straftäter?"

Anselstetter fragt, ob es nicht "unschuldige Opfer eines folgenreichen Versagens bundesdeutscher Flüchtlingspolitik" sind, einer Politik, "die sogar eine pauschale Einladung an Asylsuchende ausgesprochen hat". Es sei die Pflicht der "großen" Politik, die Menschen aus "sicheren" Herkunftsländern auf der Basis humanitärer Grundprinzipien besser auf ihre Rückführung vorzubereiten.


Anselstetter: "unmenschlich"

"Fragen über Fragen, die sich angesichts dieser vorweihnachtlichen, unmenschlichen und nächtlichen Abholaktion auftun", so das Gemeindeoberhaupt, das Regierungspräsidenten Wilhelm Wenning bittet, "all Ihre Möglichkeiten auszuschöpfen, damit in unserer oberfränkischen Heimat der vorbildlichen, ehrenamtlichen Willkommenskultur auch eine amtliche, menschenwürdige Abschiebekultur folgt".

Wie Anselstetter versteht Inge Hoch die Welt nicht mehr. Bei der 55-Jährigen, die sich auch noch um acht in Wirsberg lebende syrische Asylbewerber kümmert, mag keine Weihnachtsstimmung aufkommen. "Das Ganze belastet mich sehr. Zumal ich damit leben muss, dass die Familien, zu denen ich keinen Kontakt mehr habe, nun vermutlich glauben, dass ich über die Abholaktion informiert war."



Das sagt das Landratsamt

Die albanischen Familien wollten freiwillig die Bundesrepublik verlassen, nachdem sie den Bescheid aus München erhalten hatten. Ein Bescheid, in dem aber nur die Erwachsenen vermerkt waren. Sie haben daher auf Ausreisepapiere für die Kinder gewartet.
Das hätten sie nicht tun sollen. Wie Juristin Kathrin Limmer vom Landratsamt mitteilt, ist im Bescheid zur Ausreise generell der Familienverband gemeint.


"Unkoordiniert abgelaufen"

Laut Limmer war man in der Ausländerbehörde am Landratsamt schockiert, als man von der Abholaktion erfahren hat, die die zentrale Ausländerbehörde in Bamberg veranlasst habe. "Die Behörde ist zuständig, aber unsere Ausländerbehörde war stocksauer, weil die Familie ja freiwillig ausreisen wollte." Man sei nicht informiert gewesen. Alles sei ziemlich unkoordiniert abgelaufen. "Es hat hier in der Kommunikation gehapert."


Schon in der Heimat

Die Albaner sind vermutlich längst in der Heimat. Das Kulmbacher Landratsamt hat aus München eine Vollzugsmitteilung erhalten, nach der das Flugzeug mit den Familien an Bord abgehoben hat.