Eine Abiturienten-Verabschiedung ohne Eltern. "Das wäre richtig schade!", sagt Eva Leithner, die in diesem Jahr am Caspar-Vischer-Gymnasium ihr Abitur gemacht hat. Bis gestern sah es danach aus, als dürften die 87 Schüler, die das Reifezeugnis erhalten, am Freitag nicht mit Begleitung zur Zeugnisübergabe in die Dr.-Stammberger-Halle kommen. Die Kehrtwende, die am Dienstag erfolgte, bringt die 17-Jährige wie ihre Mitschüler nun in die Zwickmühle. Sie haben die Qual der Wahl. Die Frage lautet vielfach: "Wen nehme ich mit? Papa oder Mama?"

Eltern haben kein Verständnis

Dass, wie von der Schulleitung ursprünglich geplant, keine Familienmitglieder an der Verabschiedung teilnehmen sollten, hat nicht nur bei den Gymnasiasten, sondern auch bei vielen Eltern für Unverständnis gesorgt. "Die Feier ist für alle Absolventen und ihre Eltern, die sie mindestens zwölf Jahre durch alle Höhen und Tiefen ihres Schullebens begleitet haben, der Beginn eines neuen Lebensabschnitts", sagt Eva Leithners Mutter Heike, die sich zusammen mit Sabine Götz, deren Tochter Karla auch die Abiturprüfung absolviert hat, an die Bayerische Rundschau gewandt hat. Der Jahrgang habe schon viele Einschränkungen und Entbehrungen hinnehmen müssen. Es habe oft nur Distanz-Unterricht gegeben, Q-Stufen-Partys und der Abi-Scherz hätten nicht stattgefunden.

"Lassen uns ohnehin testen"

"Und jetzt soll auch die Übergabe der Abi-Zeugnisse ohne Gäste stattfinden?", haben sich die Mütter gefragt und darauf verwiesen, dass Corona bei der Größe der Stadthalle kein Ausschlussgrund sein könne. Es habe seit zwei Wochen keine Neu-Infektionen mehr im Landkreis gegeben, die Inzidenz liege seit dem 3. Juli bei 0,0. "Viele Eltern, Großeltern und Erziehungsberechtigte sind zudem doppelt geimpft, und wir lassen uns ohnehin testen, weil wir am vorausgehenden Gottesdienst teilnehmen dürfen." Dass sie die Überreichung der Zeugnisse per Live-Stream online verfolgen dürfen, sei schön, aber kein adäquater Ersatz. Kreativität sei gefragt, haben beide Mütter erklärt. "Warum kann man nicht das Foyer mit nutzen oder zumindest ein Elternteil mit zur Verabschiedung gehen lassen?" Fragen, die sich Heike Leithner und Sabine Götz gestellt haben, mit denen sich auch die Abiturienten befasst haben.

Bis zu 180 Besucher

Wie Jahrgangsstufensprecher Marius Michel mitteilt, wurde das Gespräch mit der Schulleitung gesucht. Man habe deutlich gemacht, dass unter Einhaltung der Corona-Vorgaben bei der aktuellen Inzidenz nichts dagegen spreche, zumindest ein Elternteil mit in die Stadthalle zu lassen. Dort bringt man unter Einhaltung aller Vorschriften derzeit maximal 180 Besucher unter, wie unsere Zeitung auf Nachfrage beim Tourist- und Veranstaltungsservice der Stadt Kulmbach erfahren hat.

Bis auf den letzten Platz

Nach den jüngsten Gesprächen mit Absolventen hat die Schulleitung eingelenkt. Der Saal wird nun so bestuhlt, dass jeder Abiturient von einer Person begleitet werden kann. Unter der Einhaltung der Corona-Regeln sei die Halle quasi bis auf den letzten Platz besetzt, sagt stellvertretender Schulleiter Mario Sattler, der von einer Kehrtwende in letzter Sekunde nicht sprechen will. Man habe die Vorgaben aus München abwarten müssen, dann reagiert.

Gegen Teilung

Wie Sattler ausführt, habe man schon vor Monaten mit den Absolventen darüber gesprochen, wie die Verabschiedung über die Bühne gehen kann. Es sei eine Option gewesen, die Feier auf zwei Gruppen aufzuteilen. Ein Vorschlag, den die Schüler abgelehnt hatten, was Marius Michel bestätigt. "Wir wollten eine gemeinsame Abschlussfeier."

"Nicht mehr möglich"

Auch andere Überlegungen wie die Verlegung ins Freie habe es gegeben, so Sattler. Alle Optionen hätten sich aber nicht realisieren lassen. Die jetzt gefundene Lösung sei eine Verbesserung gegenüber dem Vorjahr, als die Feier ganz ohne Begleitperson stattgefunden hat, doch weiß Sattler, dass das Ergebnis nicht alle zufriedenstellen wird. "Unter den Corona-Vorgaben ist aber derzeit leider nicht mehr möglich."

Freude über Kehrtwende ist groß

Erfreut darüber, dass nun je eine Person die Feier besuchen darf, sind die Eltern "Es ist schön, dass es im letzten Moment eine Kehrtwende gegeben hat", stellt Heike Leithner fest. Auch die Gymnasiasten freuen sich "Mehr ist unter den gegebenen Umständen leider nicht machbar", macht Marius Michel deutlich. Elternbeiratsvorsitzende Uschi Prawitz will sich zum Thema nicht äußern: "Ich kann nichts sagen, auch weil keine Eltern mit der Problematik an uns herangetreten sind."

Die Absolventen sind zufrieden, blicken aber dennoch etwas neidisch auf die Nachbarschule. Am Markgraf-Georg-Gymnasium dürfen nämlich beide Elternteile an der Verabschiedung teilnehmen, die ebenfalls am Freitag in der Schulturnhalle stattfindet. Nicht 87, sondern 65 Schüler erhalten dort ihr Abiturzeugnis - die Halle bietet ausreichend Platz. Das Veranstaltungskonzept ist vom Kulmbacher Landratsamt genehmigt worden.

Eine schwere Entscheidung

Anders als am MGF stehen die Schüler am CVG vor einer schweren Entscheidung. "Wen nehme ich mit?", lautet die Frage, die jeder für sich beantworten muss. Eva Leithner wird von Vater Robert in der Stadthalle begleitet, der schon zwei Mal gegen Corona geimpft. Mutter Heike, die auch schon zwei Impfungen hinter sich hat, aber noch nicht den vollen Impfschutz besitzt, bleibt außen vor, muss aber nicht ganz auf die Zeugnisübergabe verzichten. Denn es wird ein Live-Stream eingerichtet, damit alle, die nicht hautnah dabei sein können, die Verabschiedung zumindest online verfolgen können.