"Tankrabatt" - das Wort klingt erst einmal gut. Nach (staatlicher) Zugabe, nach Entlastung in Zeiten galoppierender Teuerungsraten. Dahinter steht, etwas weniger griffig formuliert, die Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe, die laut Beschluss der Bundesregierung ab heute, 1. Juni, für drei Monate gelten soll. Das schlägt beim Benzin mit 35,2 Cent zu Buche, beim Diesel mit 16,7 Cent. Theoretisch. Das Bundeskartellamt hat bereis angekündigt, die Lage genau beobachten zu wollen - immerhin könnten die Mineralölkonzerne im Vorfeld die Preise nochmals anziehen (und das taten sie auch in Stadt und Landkreis Kulmbach).

Vor Ort umsetzen müssen die Vorgaben in erster Linie Tankstellenpächter und -besitzer wie Herbert Bauer. Der Trebgaster, der zusammen mit seinem Bruder Rudolf seine eigene Tankstelle betreibt, ist Partner von Avia und verkauft den Sprit in Agentur für die Gesellschaft. "Lange waren sich die Mineralölkonzerne offenbar nicht einig, ob überhaupt alle mitmachen und wie sie verfahren sollen", sagt Herbert Bauer.

Was tun mit dem "alten" Sprit?

Er erläutert das am eigenen Beispiel. "Unsere Tanks fassen etwa 70.000 Liter Kraftstoffe, davon sind noch 40.000 Liter da. Darauf hat die Avia natürlich den alten, also höheren Preis bezahlt. Wenn nun der für uns zuständige Verhandlungspartner diese Kraftstoffe ab heute für 16 beziehungsweise 35 Cent weniger verkaufen soll, würde er auf Kosten sitzenbleiben. Also müsste theoretisch der ,alte' Sprit zuerst und zum bisherigen Preis verkauft werden - aber wenn ich an der Tankstelle die Rabatte nicht an meine Kunden weiterreiche, dann sehen sich die natürlich nach Tankstellen um, die das tun."

Die Lösung? Der Trebgaster kann sich vorstellen, dass die Konzerne sich auf eine interne Mischkalkulation einigen. Oder aber die Gesellschaften verbuchen die Rabatte von Haus aus als Verlust. "Für mich als Vertragspartner ist die gute Nachricht: Avia lässt mich nicht auf den Verlusten sitzen", weiß Herbert Bauer nach Absprache mit seiner Gesellschaft, die ihn seit vielen Jahrzehnten beliefert. Demnach werde der Konzern die Differenz übernehmen. Das kann natürlich bedeuten, dass vorab die Mineralölgesellschaften an der Preisschraube drehen, um ihrerseits etwaige Verluste auszugleichen oder wenigstens zu minimieren.

Dass die Preise ständig anziehen, sieht der Trebgaster jeden Tag an seiner Preistafel. "Am Dienstagmorgen stand der Diesel bei 2,12 Euro, gegen Mittag bei 1,91. Wir waren auch schon bei 2,18." Ordentliche Schwankungen, auf die er als Pächter keinen Einfluss hat. "Die Preisgestaltung liegt bei Avia." Übrigens: Die niedrigeren Preise werden ab heute für den Kunden bereits an der Preistafel sichtbar. "Das muss er sich nicht selber rausrechnen, das geht alles automatisch", sagt Herbert Bauer. Er weiß von seinem jüngsten Urlaub auf Teneriffa: Die Spanier handhaben das aufgrund gestiegener Spritpreise bereits seit Monaten so. Dort werden auf der Rechnung nicht nur die staatlichen Rabatte von rund 30 Cent pro Liter ausgewiesen, sondern es gibt zusätzlich von der jeweiligen Mineralölgesellschaft einen weiteren Nachlass in Höhe von 5 Cent pro Liter.

Füllstände werden enger überwacht

Bei den Mitarbeitern der Esso-Tankstelle Am Kreuzstein rechnet man heute durchaus mit größerer Nachfrage - aber nicht unbedingt mit dem von manchem Experten prognostizierten Ansturm. Die Mineralölgesellschaft werde jedoch die Füllstände noch engmaschiger als sonst kontrollieren, heißt es; so könne im Bedarfsfall schnell der nötige Nachschub geliefert werden.

Auch der Tankstellenverband TIV bekundet, er erwarte zwar eine größere Nachfrage, jedoch keinen derartigen Run, dass Knappheit bei Benzin und Diesel zu befürchten sei. "Es wird höchstens an den Kassen länger dauern", sagt TIV-Pressesprecher Herbert Rabl. Sein Rat: "Die ersten zwei Juni-Tage sollte man möglichst nicht tanken, wenn man lange Wartezeiten vermeiden möchte."

Was die weitere Preisentwicklung angeht, dazu wollte sich keiner der Befragten aus dem Fenster lehnen. Einige Mineralölgesellschaften haben angekündigt, erst die lokalen Reserven aufzubrauchen und danach den verbilligten Sprit anzubieten. Das könne ein paar Tage dauern, vermutet unter anderem der ADAC. Der Autofahrerverband vertritt seit Wochen die Einschätzung: Die Spritpreise im Land sind generell zu hoch - und das ließe sich auch nicht (mehr) mit den außergewöhnlichen Kriegszuständen in der Ukraine rechtfertigen. Zwar nähert sich der Preis für ein Barrel (159 Liter) Erdöl der Sorte Brent mit etwa 113 US-Dollar erneut dem bisherigen Jahreshoch von 125 Dollar, doch sank in den vergangenen Wochen der Preis zeitweise auch wieder unter 100 Dollar - allerdings ohne nennenswerte Auswirkung auf die Preise an der Säule, die weiter bei zwei Euro und teils deutlich darüber lagen.