Wenn sich Annelie Wolf überhaupt etwas gewünscht hat für ihren ersten Schultag als Lehrerin, dann, dass er nicht in München stattfindet.

Wer das erste Staatsexamen an einer bayerischen Universität bestanden hat, kann als Referendar an jeder Schule im Bundesland eingesetzt werden. Mitspracherecht gibt es keines. Die meisten wünschten sich nur: nicht München. Zu teuer, zu große Schulen. Dass es nun ausgerechnet Kronach wurde, damit sei sie zufrieden, sagt Annelie Wolf. Sie stammt aus der Gegend, ist jetzt wieder näher zu Hause.

Esther Martin, die zweite neue Referendarin am Frankenwald-Gymnasium, stammt eigentlich aus Rheinland-Pfalz, lebt aber schon länger in Franken. Kronach war ihr ein Begriff.

Beide haben in Würzburg studiert, kennen gelernt haben sie sich erst an der sogenannten Seminarschule in Schweinfurt. Ein halbes Jahr hatten sie dort sieben Unterrichtsstunden pro Woche zu halten, zudem wurden sie geschult in Pädagogik und Psychologie.

Mit dem ersten Jahr am Frankenwald-Gymnasium sieht der Stundenplan schon etwas voller aus: 17 Unterrichtsstunden verteilt auf vier Tage, ein Wochentag ist zur Vorbereitung gedacht.

Und noch etwas ist anders: Der erste Gong ertönt nicht wie an den meisten Schulen üblich um acht Uhr morgens, sondern bereits um 7.40 Uhr. "An das frühe Aufstehen muss ich mich noch gewöhnen", sagt Wolf.
Auf die Frage warum sie sich für das Gymnasium als Schulart entschieden haben, nennen beide den gleichen Grund: ein anspruchsvollerer Unterrichtsstoff. In Englisch könne man nicht nur Grammatik unterrichten, sondern auch diskutieren, in Deutsch ein anderes Literaturspektrum abdecken.


Die Chemie stimmte nicht

Annelie Wolf (Fächerkombination Englisch, Deutsch und Ethik) hätte am liebsten Chemie auf Lehramt studiert, zusammen mit Deutsch. Allein das ist keine zulässige Fächerkombination, warum weiß keiner so recht. Religion und Sport beispielsweise - das würde gehen. Statt Periodensystem und Atomaufbau heißt es nun eben Wertesystem und Metaphysik.

Wenn ihre Klasse irgendwann konstruktiv über moralische Dilemmata diskutieren kann, ohne ihr Einwirken, dann sagt Wolf, habe sie ihr Ziel erreicht. "Ich möchte, dass die Schüler lernen, Sachen zu hinterfragen."
Esther Martin wird in diesem Schuljahr eine sechste, eine zehnte und eine elfte Klasse in Englisch und eine siebte und eine elfte in Geschichte unterrichten. Auf die Schüler freuen sich beide. Aufgeregt sind sie nicht wirklich. Den ersten Schultag allein vor einer Klasse haben sie schon vor einem halben Jahr hinter sich gebracht - in der Seminarschule in Schweinfurt. "Da war ich noch aufgeregter", sagt Wolf. Jetzt sei das ganze nicht mehr so schlimm.

Ein Leben lang im Klassenzimmer, für die einen eine schreckliche Vorstellung, für die anderen schlicht der Traumberuf. "Ich konnte mir nichts anderes vorstellen", sagt Esther Martin. Deutsch, Englisch, Geschichte, das waren ihre Leistungskurse.

Hermann Hesse schreibt in seinem Gedicht Stufen die bekannten Worten: Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Nicht selten besteht dieser Zauber dabei in der Vorstellung, jetzt erstmal alles anders zu machen. Lehrer, die die schlechten Schüler an die Tafel geholt haben; Lehrer, die den Schülern nichts zugetraut haben; Lehrer, die die Schüler in Schubladen gesteckt haben - Esther Martin will es anders machen, will offen sein, die Schüler ernst nehmen. Sie will, "dass es den Schülern nicht immer, aber immer öfter Spaß macht".

Und Wolf sagt: "Wenn aus einer Klasse mit 30 Mann zehn rausgehen und etwas mitgenommen haben - etwas Persönliches, habe ich mein Ziel erreicht."

Beide Referendarinnen bekommen einen Betreuungslehrer zur Seite gestellt. Er hilft bei Fragen oder Problemen weiter. Informationen über die Klassen, die sie jetzt unterrichten werden, haben sie bewusst vorher nicht von den Kollegen abgefragt. Unvoreingenommen soll er sein, der Umgang mit den Schülern - und noch etwas ist beiden wichtig: Unterricht mit und nicht gegen die Schüler zu machen. Aktuelle Bezüge im Unterricht schaffen. In Englisch beispielsweise einen Themenblock Flüchtlinge und Migration einbauen - das ist sicher noch in keinem Lehrbuch zu finden.

Bevor die große Welt Einzug im kleinen Klassenzimmer hält, gilt es aber erst noch ein paar vermeintlich banale Dinge zu klären. Wenn Annelie Wolf jetzt in die 7b geht, wird sie erst einmal die Regeln festlegen. Auflisten, welche Hefte benutzt werden, aufschlüsseln, wie die Noten zu Stande kommen werden. Offen sein, sagt sie, das ist am Anfang das Wichtigste. Der Rest komme dann von selbst.