Die Zuhörer ließen sich von Anfang an darauf ein, es herrschte eine ungewöhnliche Ruhe im Saal - kein Husten, Räuspern, Stühle rücken. Mit der "Suite aus Holbergs Zeit" von Edvard Grieg beginnt der Abend. Die Suite wird meistens in der Version für Streichorchester aufgeführt. Julian Habryka hat das Werk für sein Zupforchester bearbeitet und schnell wird deutlich, dass eine andere Art des Hinhörens gefragt ist: Gitarren und Mandolinen erzeugen ein zärteres Klangbild als energische Streicher. Der Reiz des Stückes liegt im Spannungsfeld des formalen Satzaufbaus aus der Barockzeit und der musikalischen Ausgestaltung aus der Romantik.

In diesen ersten fünf Sätzen zeigte sich bereits die musikalische Bandbreite des Orchesters und machte neugierig auf den weiteren Verlauf des Abends. Es machte aber auch Spaß zu hören, wie ideenreich Habryka die Musik für die Mandolinen, Mandolas, Gitarren und Bassgitarren adaptiert hatte und dieser bekannten Suite damit völlig neue "Saiten" abgewann. Im letzten Satz agierten Mariam Tarkian an der Mandoline und Rosina Steinberg an der Mandola als Solisten aus dem Orchester heraus.


Allein üben, gemeinsam gestalten

Im Verlauf des Abends traten einige der jungen Musiker solistisch in Erscheinung, was zeigt, welche hohe musikalische Qualität im Orchester vertreten ist. Das Arbeitsprinzip heißt eigenständig üben, gemeinsam gestalten. So trifft sich das Orchester in den Schulferien zu Probephasen, deren Abschluss in der Regel mit einem Konzert gefeiert wird. Unter der Leitung der Dozenten Julian Habryka, Peter Kroiß, Miriam Münzner und Veronika Schlereth gelangen die Stücke zur Aufführungsreife. Lina Prell, Luca Bauer und Robert Kotschenreuther von der Berufsfachschule und der Musik- und Singschule Kronach sind die derzeitigen regionalen Vertreter in diesem Ausnahmeensemble.

Nach der Romantik ging es musikalisch in die heutige Zeit. "Das fünfte Aquarell" von Robin Becker, ursprünglich für Klavier komponiert, beginnt mit leise angeschlagenen Unisono-Tönen, die sich anschwellend weiter aufbauen, um weitere Töne ergänzen, um dann wieder abzuschwellen und ganz in die Stille hinein zu verklingen. Der Komponist selbst beschreibt die Stücke aus dem Zyklus als flüchtig, pastellfarben, eben wie ein Aquarell ohne feste Konturen.


Bröckelnde Kulturgüter

"Palmyra blutet" von Alexander Mathewson wird da konkreter, denn es greift die aktuellen blutigen Konflikte im Nahen Osten auf und wie die Kultur dabei auf der Strecke bleibt. Nur durch das Schubladendenken der Menschen entstünden diese Probleme, so der Komponist. Anstatt sich durch Religion, Nationalität oder Musik abzugrenzen, sollten die Menschen sich auf das besinnen, was sie vereint.

So klingen im Stück orientalische Melodien an, die in Flamenco-Klängen aufgegriffen werden, ein paar Takte Beethoven - Freude schöner Götterfunken - sind herauszuhören bis hin zu Heavy-Metal-Klängen - ein Parforceritt durch die Musikepochen und der Beweis dafür, wie sich die Kulturen gegenseitig positiv beeinflussen und weiterentwickeln können.

Den treibenden Rhythmus gibt Veronika Schlereth an der Darbouka vor, während Elias Pfetscher in einem melancholischen Solo an der Bouzouki brilliert. Mit diesem furiosen Stück geht es in die Pause.


In die Renaissance und zurück

Das hervorragende Gitarrenquartett aus Julian Nickerl, Heike Obreja, Tom Hofmann und Elias Pfetscher stimmt den zweiten Teil an. "Les rues mal fameées" von Patrick Roux entführt die Zuhörer in die eher zwielichten Ecken von Montreal, die ja oft durchaus etwas verführerisches haben, so jedenfalls beschreibt es die Musik.

Mit Consort Music von John Dowland geht es zunächst zurück in die Renaissance. In den Stücken "Lacrimae Antiquae" (alte Tränen), dem Tanz "The King of Denmark's Galliard" und in der Beerdigung von Sir Henry Umpton holen Orchester und Zuhörer noch einmal Luft, damit ihnen im letzten Stück der Atem nicht weg bleibt. Orchesterleiter Julian Habryka hat es komponiert, in Kronach wird es zum zweiten Mal überhaupt aufgeführt, "L'Inferno" - ein Tango in der Tradition von Astor Piazolla.

Wer sich das Inferno als brüllendes Szenario mit Feuer, Rauch und lärmenden Schrecken aller Art vorstellt, dem bietet Habryka ein alternatives Bild an: Seine Beschreibung ist differenziert, verführerische Melodien wechseln sich ab mit kalt klirrenden Tönen, originelle Percussion-Effekte erzielen die Musiker indem sie auf die Corpi der Instrumente klopfen oder mit den Fingerkuppen über die Seiten streichen oder schlagen. Martin Achtner an der Mandoline, Elisabeth Januschko an der Mandola und Tom Hofmann an der Gitarre sind perfekt miteinander und mit dem Orchester abgestimmt. Der Komponist und Dirigent kann hier noch einmal aus dem Vollen schöpfen. L'Inferno ist ein großartiges Stück, variantenreich und spannend wie eine Filmmusik. Insofern passt die Zugabe hervorragend: Mit dem Indiana-Jones-Thema von John Williams endet dieses furiose Konzert.