Wenn Thomas Köstner aus Nordhalben über seinen Vater spricht, dann nennt er ihn meistens Dad. Sein Dad gehört zu ihm, so wie die Krankheit Multiple Sklerose (MS) zu seinem Dad gehört. "Ich pflege jeden Tag früh für zwei bis drei Stunden meinen Dad, dann fahre ich zur Arbeit", erklärt Köstner. Nach der Arbeit zieht es ihn direkt wieder zu seinem Vater, am Abend macht er ihn dann noch fertig für die Nacht.

Im Alter von 40 Jahren ist der Vater von Thomas Köstner an Multipler Sklerose erkrankt, eine entzündliche Erkrankung des Nervensystems. Die Symptome sind vielfältig, oft kämpfen die Betroffenen mit Muskelverkrampfungen oder Spastiken.
Eine Mahlzeit kann sich so endlos in die Länge ziehen, erst muss das Essen klein geschnitten werden, dann fällt es immer wieder von der Gabel. Alltägliche Dinge, die selbstverständlich erscheinen, funktionieren nur sehr langsam. Und das kostet Kraft - den Betroffenen und den Angehörigen.


Familie kümmert sich um Pflege

Seit die Erkrankung ausgebrochen ist, hat Köstners Mutter ihren Mann Zuhause gepflegt, nebenher arbeitet sie als Teilzeitkraft. Irgendwann schaffte sie diesen enormen Kraftakt nicht mehr. Deshalb bat Köstner seinen Arbeitgeber, eine sozial eingestellte Firma, darum, Teilzeit arbeiten zu können. Seit 2015 arbeitet er halbtags, um seine Mutter bei der Pflege zu unterstützen. 728 Euro Pflegegeld erhält die Familie dafür. "Am Abend konnte mein Vater selbst bestimmen, wann er ins Bett will", erklärt der 29-Jährige.

Doch seit Juni 2017 hat sich vieles geändert. "Eine Kette von missglückten Umständen", wie es Köstner nennt. Bei einem Fahrradunfall verletzte er sich die Schulter. Seitdem kann er weder arbeiten, noch seinen Vater pflegen.


Pflegedienst ist eine große Hilfe

Deshalb bekommt die Familie Hilfe von einem ambulanten Pflegedienst. 1612 Euro davon übernimmt die Krankenkasse, denn der Vater ist in Pflegegrad 4 eingestuft. Dreimal am Tag kommt eine Pflegekraft vorbei, ohne die Hilfe der Pflegestation wäre die individuelle Pflege im Moment gar nicht möglich.

Viele Leistungen sind in diesem Geld jedoch nicht eingerechnet. Wenn Köstners Vater zum Beispiel öfter als zweimal im Monat geduscht werden soll, muss die Familie das selbst zahlen. Dass die Mitarbeiter des Pflegedienstes dafür nichts können, ist Köstner aber bewusst. "Die Mitarbeiter sind der kleinste Hebel in der Maschinerie", betont er.

Der 29-Jährige bezieht seit seinem Unfall Krankengeld, das sind 65 Prozent seines Teilzeitgehalts. Über die Runden kommt er damit nicht - trotz zusätzlichem Minijob. Mitte August hat sich Köstner deshalb dazu durchgerungen, Arbeitslosengeld II (Hartz-IV) zu beantragen. Damit soll sein Gehalt aufgestockt werden. Doch das Jobcenter lässt sich Zeit, fast zwei Monate ist Köstner ohne Einkommen.


Altenheim kommt nicht in Frage

In ein Altenheim möchte der Sohn seinen Vater nicht schicken, da ist sich die Familie einig. "Es stand nie zur Debatte, dass er in ein Altenheim kommt", sagt Köstner. Vor einiger Zeit mussten sie den Vater in Kurzzeitpflege geben, weil Köstners Mutter einige Tage ins Krankenhaus musste.

Dort habe sein Vater sehr schnell abgebaut, wie Köstner berichtet. "Wenn die dementen Menschen dort im Sommer Winterkleidung angezogen haben, dann hat das mein Vater einfach nachgemacht", sagt er. "Die Krankheit MS in Verbindung mit Demenz ist Gift für die Betroffenen", erklärt er. Ein Platz in einem Altenheim wäre außerdem sehr kostspielig, ungefähr 3600 Euro kostet dieser pro Monat. Bei Pflegegrad 4 übernimmt die Krankenkasse davon 1700 Euro. "Meine Mutter und ich werden auf alle Fälle meinen Vater Zuhause pflegen, solange dies für uns möglich ist. Wir sparen also für die Krankenkasse hoffentlich noch viele Jahre viel Geld", sagt Köstner.

Eine andere Alternative wäre eine Pflegekraft zu beschäftigen, die dann mit im Elternhaus lebt. Die wäre mit der Schwere der Krankheit aber überfordert, vermutet Köstner. Schließlich ist die Pflege sehr aufwendig. "Es gibt Grenzen, diese Pflegekräfte machen auch nicht alles", sagt Köstner. Seit seinem Unfall fühlt sich der 29-Jährige im Stich gelassen. "Das ist schon sehr bitter", sagt er enttäuscht.

Bitter ist für Köstner vieles. Weil die Familie monatliche Betreuungsleistungen in Höhe von 125 Euro nicht in Anspruch genommen hat, haben sich 3300 Euro angesammelt. Bei seiner Krankenkasse erfährt Köstner: Das Geld verfällt Ende Dezember, der Familie steht davon nichts zu. Denn: Das Geld kann nicht ausbezahlt werden, sondern nur als Sachleistung in Anspruch genommen werden (siehe Infokasten der AOK). "Das sind keine Fußbremsen, sondern Handbremsen", sagt der 29-Jährige verständnislos. Die Krankenkasse selbst fühlt sich nicht zuständig, verweist nur auf die Politik, die solche Pflegenotstände behandle. "Es ist schade, wenn man sich sozial engagiert, bekommt man das Messer in den Rücken", sagt Köstner.





Informationen der Krankenkasse

Zu dem Fall konkret darf die Krankenkasse nichts sagen, wie Stephan Preisz von der AOK-Direktion Coburg erklärt. Antworten haben wir auf allgemeine Fragen erhalten.

Warum kann sich die Familie das angesammelte Geld nicht auszahlen lassen?
Pflegebedürftige in häuslicher Pflege haben Anspruch auf einen Entlastungsbetrag in Höhe von bis zu 125 Euro monatlich. Der Betrag ist zweckgebunden einzusetzen für qualitätsgesicherte Leistungen zur Entlastung pflegender Angehöriger und vergleichbar Nahestehender in ihrer Eigenschaft als Pflegende.
Qualitätsgesicherte Leistungserbringer sind zugelassene ambulante Pflegedienste und Anbieter, die vom Zentrum Bayern Familie und Soziales als Angebote zur Unterstützung im Alltag anerkannt sind.

Was beinhaltet die Verhinderungspflege? Bei Urlaub, Krankheit oder sonstiger vorübergehender Verhinderung der Pflegeperson kann eine Verhinderungspflege in Anspruch genommen werden. Voraussetzung ist, dass die Pflegeperson den Pflegebedürftigen vor der erstmaligen Verhinderungspflege mindestens sechs Monate gepflegt hat. Im Kalenderjahr stehen dafür 1.612,00 EUR für längstens sechs Wochen zur Verfügung.

Quelle: AOK Direktion Coburg fr