Helena* hält Strumpfhosen aus einem dicken, unnachgiebigen Stoff in der Hand. "Wenn ich sie trage, ist es angenehmer, ich habe keine Schmerzen mehr, weil alles zusammengepresst wird", sagt sie und fährt über die Noppen am Bund. Mit der Pubertät habe alles angefangen. Ihre Beine wurden immer dicker. Dann kamen blaue Flecken dazu. Und Schmerzen. Durch Zufall kommt sie mit einer Kollegin ins Gespräch, die die gleichen Beschwerden hat. Im Februar lässt sie sich schließlich in der Coburger Venenklinik untersuchen. Diagnose: Lipödem.

Beine passen nicht

"Der Arzt hat sich meine Beine angeschaut und Verhärtungen festgestellt", erinnert sich Helena. Durch die Fettverteilungsstörung hat sie 15 Kilo zugenommen. Mittlerweile wiegt sie 75 Kilo, bei einer Größe von 1,60 Meter. "Mein Körper ist nicht darauf ausgelegt." Dabei hat sie selbst nicht das Gefühl, dicker als früher zu sein.Wenn sie Fotos macht, fragt sich Helena oft, ob das auf den Bildern wirklich sie ist: "Bei Ganzkörperfotos schneide ich immer den unteren Teil weg, weil ich meinen unteren Teil nicht mag." Seit Helena denken kann, hat sie Fußball gespielt. "Im Moment kann ich kaum noch rennen oder sprinten", sagt die 22-Jährige. Traurigkeit klingt in ihrer Stimme mit. Die meisten Schmerzen habe sie dort, wo der Po in den Rücken übergeht. "Es fühlt sich an, wie ein dunkelblauer Fleck, der nicht weggeht." Am Training kann sie momentan nicht teilnehmen. Und das ist nicht die einzige Einschränkung, mit der sie zu kämpfen hat. Im Sommer brach sie das Sightseeing in Hamburg wegen ihrer schmerzenden Beine ab. Beim Urlaub in Ägypten wurde der Weg zum Meer durch die Hotelanlage zum Problem. "In Badeklamotten scheuern meine Oberschenkel aneinander. Am zweiten Tag bin ich nur noch bis zum Pool gelaufen."

Lymphdrainage entspannt

Im Nachhinein hat sie bereits vor drei Jahren gemerkt, dass etwas nicht stimmt. "Ich hatte im Oktober einen Rock in Größe 36 gekauft, im Dezember hat er nicht mehr gepasst." Die Schmerzen und die Wassereinlagerungen hielten sich damals in Grenzen. Heute trägt Helena Größe 44. "Meine Taille ist wesentlich schmaler, aber die Beine brauchen den Platz."

Mit der Diagnose im Februar erhält Helena zwei Rezepte. Eines für Flachstrickstrumpfhosen und eines für Lymphdrainage. "Die Behandlung ist entspannend, danach fühlen sich die Beine dünner an." Mit einem Rezept hat Helena Anspruch auf sechs Behandlungen pro Quartal, die sie innerhalb von zwei Wochen in Anspruch nimmt. "Eigentlich bräuchte man die Anwendungen jede Woche."

Auch die Flachstrickstrumpfhosen lindern die Schmerzen nur vorübergehend. "Die Strumpfhose arbeitet für einen, durch die Noppen wird das eingelagerte Wasser nach oben gedrückt." Helena versucht, die Strumpfhose mindestens alle zwei Tage zu tragen. Doch das Anziehen ist mühsam, sogar Handschuhe sind notwendig. "Ich brauche mindestens fünf Minuten bis sie gut sitzt", beschreibt Helena den Vorgang, der für sie mittlerweile zur Routine geworden ist. Mit den Strumpfhosen fühlt sie sich schön, ihre Beine wirken dünner.

Letzter Ausweg: Liposuktion

Weg geht das überschüssige Fettgewebe, trotz Lymphdrainage und Flachstrickstrumpfhosen nicht. Deshalb hat sie sich für eine Operation, die sogenannte Liposuktion entschieden. Der erste von drei Termin ist im Januar. "Noch besteht kein Risiko, dass sich durch die Fettabsaugung Hautlappen bilden", sagt Helena. Ihr Lipödem befindet sich derzeit im zweiten von vier Stadien. Die Kosten in der Höhe von rund 14 000 Euro für alle drei Operationen übernimmt die Krankenkasse erst ab dem dritten Stadium. "So lange möchte ich nicht warten."

*Name von der Redaktion geändert

Wie eine zweite Haut

René Gatzenberger ist als Bandagistenmeister beim Sanitätshaus Hertlein in Kronach angestellt und beschäftigt sich seit fast 30 Jahren mit flachgestrickter Kompressionsversorgung bei Lipödemen.

"Die Strumpfhosen aus Flachstrick müssen individuell nach Maß angefertigt werden", weiß der Steinberger. Wichtig sei, dass es sich um einen Einteiler handelt und die Füße mit eingeschlossen sind. Andernfalls könne Druck auf die Venen in den Füßen entstehen.

Fettzellen unter der Haut

"Bei einem Lipödem bilden sich Fettzellen, die wie Butter zwischen der Haut und den Muskeln liegen", erklärt Gatzenberger. Dies könne weder durch eine gesunde Ernährung noch durch Sport verhindert werden. "Wenn Betroffene Sport ohne Flachstrickstrumpfhose betreiben, kann sich die Situation sogar weiter verschlechtern", beschreibt er das Krankheitsbild. Beim Sport dehnen sich die Muskeln aus, danach ziehen sie sich wieder zusammen.

Weil ein Lipödem immer mit einer Schwäche des Bindegewebes zusammenhänge, könne sich dann neues Fettgewebe zwischen der Haut und den Muskeln ansammeln. Gatzenberger rät Betroffenen, die Flachstrickstrumpfhosen täglich von früh bis abends zu tragen.

Optische Verbesserung

"Die Strumpfhosen sitzen wie eine zweite Haut, die alles zusammenpresst, am Körper", sagt der Bandagistenmeister. Beim Tragen wirke der Flachstrick wie eine Mikromassage auf die Haut, die dafür sorgt, dass diese elastisch bleibt. "Auch sorgen die Strumpfhosen für einen hohen Arbeitsdruck und eine feste Wandstabilität." Während des Tragens trete vorübergehend eine optische Besserung ein. cd

Lipödem

Fettverteilungsstörung Bei einem Lipödem ist das Unterhautfettgewebe vermehrt. Meist betreffen die symmetrischen Fettanlagerungen die Beine, seltener auch die Arme. Die chronische Fettverteilungsstörung tritt praktisch ausschließlich bei Frauen auf, oft nach hormonellen Umstellungen wie der Pubertät oder einer Schwangerschaft. Zu den sichtbaren Fettvermehrungen kommen regelmäßig auftretende spürbare Beschwerden wie Schmerzen und eine erhöhte Druckempfindlichkeit der Haut.

Quelle: www.phlebology.de