Hilfe benötigen, aber keine bekommen. Bei Verkehrsunfällen kommt dies immer wieder vor. Das zeigt auch das traurige Beispiel vom vergangenen Freitag. Ein Lieferwagen kam bei Nordhalben von der Fahrbahn ab. Der Fahrer erlitt während der Fahrt einen Herzinfarkt und verlor deshalb die Kontrolle über sein Fahrzeug.

Eine 43-Jährige Frau kam kurze Zeit darauf zur Unfallstelle. Sie hielt einen Lkw an, um das Unfallopfer aus seinem Fahrzeug zu befreien. Der Lkw-Fahrer jedoch erklärte der Frau, dass er nicht helfen könne, weil er Terminfracht habe. Deshalb setzte er seine Fahrt fort.


Lkw-Fahrer droht Anzeige

Wie die Polizei nun mitteilt, erwartet den Lkw-Fahrer, der nicht helfen wollte, wegen seines Verhaltens eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung. Michael Klingshirn, Polizeihauptkommissar bei der Polizeiinspektion Ludwigsstadt berichtet, dass die Polizei den Lkw-Fahrer gefasst hat. Die Vernehmung werde nun vom Sachbearbeiter vorbereitet. Laut Klingshirn handelt es sich um den Fahrer einer deutschen Spedition.

Solche Fälle von unterlassener Hilfeleistung seien in den letzten Jahren in der Region eher selten vorgekommen, wie Klingshirn berichtet. Wenn doch, dann handele es sich eher um Vorfälle im Straßenverkehr. Der Polizist betont, dass die eigene Sicherheit zwar besonders wichtig sei, erste Hilfe könne man aber von jedem erwarten. "Helfen kann man immer, indem man erst einmal die 110 wählt."

Der Unfall bei Nordhalben ist kein Einzelfall. Bundesweit erregte im vergangenen Oktober der Fall eines Rentners aufsehen, der in einer Bankfiliale in Essen kollabiert war. Bankkunden ignorierten den Sterbenden einfach. Bei solchen Vergehen kann eine Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung drohen.
Christian Pfab, Gruppenleiter der Staatsanwaltschaft Coburg, erklärt, dass bei einer Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung eine Geldstrafe oder Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr droht. Damit sei das Strafmaß eher im unteren Rahmen anzusiedeln. Verantwortlich dafür sei der Gesetzgeber. Für die konkrete Strafbestimmung spielen laut Pfab alle Umstände eines Falls in das Urteil mit ein. Dazu gehören beispielsweise die Schwere der Tat oder die Folgen. Im Strafgesetzbuch sind zwei Kriterien bei unterlassener Hilfeleistung ausschlaggebend, erklärt Pfab: Ob die Hilfe erforderlich und zuzumuten ist.

Erforderlich sei eine Hilfeleistung durch Notruf dann nicht, wenn beispielsweise bereits der Rettungsdienst verständigt wurde. Pflicht zur Hilfeleistung kann im Hinblick auf eine akute Verletzung dennoch bestehen. Wenn beispielsweise ein Unfallopfer in Gefahr schwebt, zu verbluten und der Rettungsdienst bereits verständigt wurde, so muss man trotzdem versuchen, die Wunde zu stillen, berichtet Pfab.


Hilfe ist abhängig vom Einzelfall

Ob eine Hilfeleistung zuzumuten ist, hängt laut Staatsanwalt Pfab immer vom Einzelfall ab. So sei es einem Kleinkind oder einem Behinderten nicht in jeder Situation zumutbar, an einer Unfallstelle zu helfen.
Insbesondere wenn die eigene Sicherheit gefährdet ist, kann dies eine Ausnahme bilden. "Ein Nicht-Schwimmer muss sich nicht in tiefes Wasser begeben", nennt Pfab als Beispiel. Es müsse aber in jedem Fall individuell abgewogen werden, ob Hilfe nötig ist. Er betont: Der Notruf muss in jedem Fall gewählt werden. Ob es dem Helfer dann allerdings zuzumuten sei zu helfen, hänge wiederum vom Einzelfall ab. Etwa ob das eigene Leben gefährdet ist oder der Passant überhaupt in der Lage ist zu helfen.


Opfer wurde wiederbelebt

Im Fall von Nordhalben gab es glücklicherweise Leute, die halfen, statt wegzufahren. Der 43-jährigen Frau gelang es mit Hilfe zweier Anwohner den Fahrer des Lieferwagens zu bergen. Ein zufällig vorbeikommender Rettungssanitäter belebte den Mann mit Hilfe eines Defibrillators wieder, so dass er mit dem Rettungshubschrauber in eine Spezialklinik gebracht werden konnte.


Kommentar

Jeder ist verantwortlich
Wegschauen statt helfen. Diese feige Reaktion erscheint für manche Passanten einfacher. Sei es beim Unfall auf der Straße oder beim Grapscher in der Fußgängerzone. Unterlassene Hilfeleistung ist eine Straftat. Ob ein Opfer überlebt, hängt oftmals von wenigen Minuten ab. Zeit, die durch unterlassene Hilfeleistung verstreicht. Mit strengeren Strafen muss deshalb der Bevölkerung verdeutlicht werden, dass jeder in der Verantwortung steht. Nicht nur Einsatzkräfte und Rettungshelfer. fr