Kronach. Dienstagabend gegen 19.30 Uhr. Dieselmotoren und Martinshörner heulen auf, als acht Feuerwehrautos die Maximilian-Welsch-Straße hinauf preschen. Vor dem Lucas-Cranach-Senioren- und Pflegeheim der Diakonie bleiben sie stehen - heraus springen rund 50 Feuerwehrmänner. Einige legen sich hastig Pressluft flaschen an, andere zerren Schläuche aus den Lastwagen und rennen damit zu den Hydranten. Einzig: Eine entscheidende Zutat fehlt dem Einsatz - es riecht nicht verbrannt.

"Alles nur eine Übung", sagt Heimleiter Harald Klier. Wichtig für sein Heim und ihn, der selbst "lange Jahre" Feuerwehrmann war, da er gerade das Brandschutzkonzept des Hauses überarbeitet. "Deswegen habe ich Martin Panzer angesprochen, ob wir eine Übung bei uns machen könnten", erklärt Klier.
Martin Panzer, Kommandant der Kronacher Wehr, hat zugestimmt und beobachtet, wie einer seiner Leute ins Funkgerät spricht: "Vier Personen werden vermisst."

Wer im Heim ist bettlägerig?

Krankenschwester Tanja Schütz steht währenddessen vor dem Pflegeheim und schaut den vorbeieilenden Feuerwehrleuten hinterher. Die Übung ist ihrer Meinung nach eine gute Sache: "So können wir Fehlerquellen erkennen." Einer dieser Fehler ist schnell entdeckt: Die Feuerwehr braucht eine Liste aller Heimbewohner. Wer ist bettlägerig, wer gehbehindert, wer sitzt im Rollstuhl? Einsatzleiter Christian Büttner muss das wissen, um seine Leute einzuteilen, wer wie gerettet werden muss. Die Liste hat Büttner bekommen, wäre allerdings der Strom ausgefallen, hätte die Feuerwehr auf diese Informationen verzichten müssen.

Im Ernstfall dürfe das nicht passieren, betont Heimleiter Klier. Er weiß genau, dass die meisten Menschen, die in seinem Heim leben, im Ernstfall auf Hilfe durch das Personal und die Feuerwehr angewiesen sind. Und, dass Demenzkranke, immerhin rund die Hälfte der Heimbewohner, besondere Probleme bereiten. "Wir haben ihnen erklärt, und es steht auch auf den Aufzügen, dass sie im Brandfall nicht benutzt werden dürfen, aber viele machen das trotzdem", sagt Harald Klier. Auch an den Sammelplätzen müsse immer geklärt werden, wer wo ist. "Da brauchen wir jede Hand."

Feuerwehrleute in Gefahr

Die Hände müssen jedoch wissen, was sie tun sollen. Ohne Liste, keine Chance. Kliers Idee: "Wir werden die Liste jeden Tag aktualisiert auf einem Notebook abspeichern." Er notiert den Punkt auf seinem Notizzettel. Probleme und wie sie gelöst werden, darum gehe es bei der Übung, bestätigt Einsatzleiter Christian Büttner. Für die Kronacher Wehr ist es beispielsweise wichtig, das Haus von innen zu kennen: "Es ist ein recht kompliziertes Gebäude. Die Leute müssen sich darin zurechtfinden, sonst verläuft man sich schnell", sagt Kommandant Panzer.

Drinnen versuchen sich die Feuerwehrleute zu orientieren, außen beginnen indes mehrere Fahrzeuge mit dem Löschen. Da es allerdings kein Feuer gibt, zielen sie nur in die Luft. Niemand wolle einen Wasserschaden riskieren, sagt Kommandant Panzer. Ohnehin gehe es darum, die Hydranten zu testen.

Plötzlich krächzt eine metallene Stimme aus dem Funkgerät: "Mayday, mayday." Zwei Feuerwehrleute sind im obersten Stockwerk verunglückt und müssen vom Sicherungstrupp über die Feuertreppe gerettet werden. Hinzu kommen zwei Frauen, die nicht laufen können. Gespielt werden sie von den Wohnbereichsleiterinnen des Heims, Christina Barnickel und Katja Suffa. "Uns ist ganz schön warm, obwohl es gar nicht brennt", sagt Barnickel, kurz bevor sie in den Rettungskorb der Drehleiter steigt.

Wohin mit der Drehleiter?

Die Drehleiter ist für ein Zimmer des Seniorenheims besonders wichtig. Denn für jeden Raum müssen zwei Rettungswege vorhanden sein. Den Gang erreichen die Bewohner vom Zimmer aus. Sie haben aber keine Möglichkeit, zur Feuertreppe zu kommen. Daher ist die Drehleiter der Feuerwehr in diesem Fall der zweite Rettungsweg. Nach gut einer Stunde, um 20.36 Uhr, ist die Übung beendet: Fiktiver Brand gelöscht, scheinbar vermisste Senioren gerettet, ebenso wie die vermeintlich verletzten Feuerwehrleute.

Nur der Lastwagen mit der Drehleiter rangiert noch in der Zufahrt auf der Suche nach dem optimalen Platz. Der ist bald gefunden und liegt direkt auf dem Parkplatz, auf dem "Krankentransport" steht. Ob der Parkplatz für die Feuerwehr reserviert werden könne, fragt Kommandant Martin Panzer. Heimleiter Harald Klier blickt in die Luft und notiert den Punkt auf seinem Zettel. Einer mehr für sein neues Brandschutzkonzept.