Es gibt für Eltern nichts Schlimmeres, als sein eigenes Kind zu verlieren. Wenn es erst 17 Jahre alt war, sein ganzes Leben noch vor sich hatte und man zudem das Gefühl hat, dieses Unglück hätte verhindert werden können, dann sitzt der Schmerz ungleich tiefer.

Marion und Jochen Regel haben eben genau diese Erfahrung machen müssen. Seit Jochen Regel am 9. Februar 2016 seine Tochter Denise tot in ihrem Zimmer aufgefunden hat, ist ihr Leben innerhalb von einer Sekunde in sich zusammengebrochen. Nur ungern erinnern sie sich an den Todestag zurück. Und dennoch lassen sie die Ereignisse rund um diesen Tag nicht los.


Geschehnisse sind noch immer präsent

Jochen Regel stockt immer wieder, wenn er von dem Tag erzählt, an dem er seine Tochter tot aufgefunden hat. Er muss die Sätze abbrechen, sie wieder von Neuem beginnen. Seine Tränen versucht er zu unterdrücken. Zu präsent sind die Geschehnisse aus dem Februar des vergangenen Jahres.

Der Notarzt, der Denise im Elternhaus nicht mehr helfen konnte, vermutete sofort eine Aortendissektion (Riss in der Hauptschlagader), nachdem ihm der Vater von Denise die Symptome und die damit einhergehende Odyssee geschildert hatte. "Er hat sich noch gewundert, warum nicht gleich ein Ultraschall, ein CT oder ein MRT gemacht wurde", erinnert sich Jochen Regel mit zittrigen Händen. An dieser Stelle wird das ganze Drama deutlich, das bereits vier Tage zuvor seinen Lauf nimmt.


Verständigung nur schwer möglich

"Ich war im Wohnzimmer und wollte Fußball gucken, als Denise zu mir kam und gesagt hat, dass sie starke Schmerzen in der Brust hat, die bis in den Hals ziehen." Für Jochen Regel schrillten sofort die Alarmglocken. Ein Herzinfarkt - vermutete er. Sofort fuhren er und seine Frau mit der 17-Jährigen in die Helios Frankenwaldklinik in die Notaufnahme. Er erinnert sich, dass er mit seiner Tochter trotz der Symptome zu gut zehn anderen Patienten ins Wartezimmer geschickt wurde. Mehrere Male musste sie sich übergeben.

Mit dem behandelnden Arzt sei die Verständigung wegen dessen Herkunft nur schwer möglich gewesen. "Ich habe es teilweise sogar auf Englisch versucht", erinnert sich Jochen Regel. Dass Denise nach EKG und Infusion mit Verdacht auf eine Halsentzündung und einer Überweisung zum HNO-Arzt nach Hause geschickt wurde, kann er bis heute nicht verstehen. "Dabei habe ich immer wieder gesagt, dass es nicht am Hals liegen kann. Die Schmerzen sind von einer Minute auf die andere gekommen", betont der Vater, dem der abschließende Satz des Arztes heute noch in den Ohren klingt: "Keine bange. Da ist nichts."

Nachdem die Schmerzen immer schlimmer wurden, gingen die Eltern mit ihrem Kind am folgenden Tag wieder in die Klinik nach Kronach: "Denise konnte sich nicht mal mehr zurücklehnen. Sie hatte große Schmerzen im Brust-, Hals- und Rückenbereich - mittlerweile sogar beim Atmen", erklärt Jochen Regel. Trotz dieser schwerwiegenden Symptome wurden laut Jochen Regel keine weiteren Untersuchungen durchgeführt. Und weil Denise noch keine 18 Jahre alt war, wurde sie vom Arzt an eine Kinderklinik verwiesen.

Für den Vater angesichts des Körperbaus seiner fast 18-jährigen Tochter nicht nachvollziehbar. Zu allem Übel wurde in Hof die lebensbedrohliche Situation ebenso wenig erkannt wie am Folgetag vom Vertreter der sich im Urlaub befindenden Hausärztin. Ein letztes Mal wurde Denis nach Hause geschickt. Am nächsten Tag musste Jochen Regel mit ansehen, wie seine Tochter tot in ihrem Bett lag. Ein Anblick, den er nie wieder vergessen wird.


Ablenkung beim Radfahren

"Man fragt sich immer wieder, was man verkehrt gemacht hat." Jochen Regel kämpft erneut mit den Tränen. Hätte er mit seiner Tochter vielleicht in eine andere Klinik gehen sollen? Hätte er in den Kliniken in Kronach und Hof auf den Tisch hauen müssen? Diese Fragen gehen ihm ständig durch den Kopf und lassen ihn nicht los. Lediglich beim Radfahren findet er ein kleines Stück Ablenkung, kann dabei für eine - wenn auch überschaubare - Zeit abschalten. Doch die Gedanken kommen zurück. Mitunter hat er Panikattacken, verlässt mit dem Vorwand Räume, auf die Toilette zu müssen. Lange Zeit konnte Jochen Regel nicht arbeiten. Und auch heute noch nimmt er Hilfe in Anspruch, um annähernd mit den Geschehnissen leben zu können.

Gegen vier Ärzte hat zwischenzeitlich die Staatsanwaltschaft ermittelt. Die Verfahren wurden eingestellt - eines (gegen den Vertreter der Hausärztin) wegen Geringfügigkeit, die drei anderen (gegen Ärzte in Kronach und Hof) gegen eine Geldauflage. Erfahren hat Jochen Regel von diesem Beschluss auf der Arbeit aus dem Radio. An Arbeit war ab diesem Zeitpunkt nicht mehr zu denken. Nachvollziehen kann er diese Entscheidung nicht. Dass aber drei der Mediziner Geldzahlungen leisten zahlen müssen, ist für Jochen Regel und dessen Frau Marion dennoch ein eindeutiger Beleg für ein fehlerhaftes Verhalten.


Zivilrechtliche Schritte

Dabei stützen sie sich nicht zuletzt auch auf ein Gutachten, das die Staatsanwaltschaft Coburg in Auftrag gegeben hatte. Darin schreibt ein anerkannter Professor: "Die differentialdiagnostischen Überlegungen hätte jeder Staatsexamenskandidat anstellen müssen." Auf deutsch: Jeder, der Arzt werden will, hätte auf Grund der Symptome weitere Untersuchungen in Form von Ultraschall, CT oder auch MRT in die Wege leiten müssen.

Auch auf Grund dessen haben Marion und Jochen Regel zivilrechtliche Schritte eingeleitet. Natürlich ist damit die Hoffnung auf eine finanzielle Entschädigung verbunden, um nicht zuletzt entstandene Kosten, aber auch Verdienstausfälle zu kompensieren. Alles, was darüber hinaus geht, würden er und seine Frau spenden. Beide betonen, ihnen gehe es nicht ums Geld. Es gehe um viel mehr: "Es ist schlimm genug, dass unsere Tochter nicht mehr da ist. Und es geht uns auch nicht um einzelne Personen. Es geht darum, dass hier ein komplettes System versagt hat. Hier muss sich was ändern, damit andere Eltern nicht das gleiche Schicksal ereilt", betont Jochen Regel.


"Der ganze Ablauf tut so weh"

Er und seine Frau können einfach nicht nachvollziehen, warum sich bis heute niemand bei ihnen gemeldet und seine Anteilnahme bekundet hat . "Nichts ist passiert", betont der Vater. "Der ganze Ablauf tut so weh", ergänzt seine Frau Marion. "Dieses Ohnmachtsgefühl, dieser Kontrollverlust - das macht einen verrückt", fährt Jochen Regel fort.

Das Leben der beiden hat sich seit dem 9. Februar gravierend geändert. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Beide hoffen darauf, dass ein für sie positiver Ausgang der zivilrechtlichen Angelegenheit hilft, die Vorkommnisse zu verarbeiten. Sie zu verkraften, ist ein anderes Thema.


Klinik sieht keine Sprachbarrieren

Die Helios-Frankenwaldklinik äußert sich auf Nachfrage unserer Redaktion wie folgt zu dem Vorfall: "Wir bedauern den Tod des Mädchens zutiefst und sind nach wie vor betroffen. Der Schmerz der Familie berührt uns sehr. Die Tragik des Falls liegt darin, dass es sich um ein Krankheitsbild handelte, das bei einer Jugendlichen höchst selten ist. Daher wurde das Strafverfahren gegen unsere beiden Ärzte und zwei weitere Ärzte, die das Krankheitsbild nicht erkannt hatten, eingestellt."

Angesprochen auf die Sprachbarrieren erklärt Claudia Holland-Jopp, Referentin der Klinikgeschäftsführung, dass beide Ärzte fließend Deutsch sprächen. Dies bestätigt sie auch nach nochmaliger Nachfrage.

Die Weiterverweisung von Patienten an besondere Einrichtungen wie eine Kinderklinik diene zudem nicht zuletzt dazu, die Erfahrung von Spezialisten zu nutzen. Abschließend bittet Claudia Holland-Jopp um Verständnis, dass "wir uns aufgrund der laufenden zivilrechtlichen Verhandlung nicht näher äußern" möchten.