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Wallenfels
Corona

Städtepartnerschaft Wallenfels: In Bingham rückt man zusammen

Das Virus bringt auch Wallenfels' britische Partnerstadt zum Stillstand. Doch man hilft sich gegenseitig.
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Der Marktplatz von Bingham in Mittelengland. Foto: Alan Murray-Rust/Wikipedia
Der Marktplatz von Bingham in Mittelengland. Foto: Alan Murray-Rust/Wikipedia
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Das Coronavirus verändert, es zieht Grenzen, wo keine waren und stoppt den Austausch zwischen Nationen auf unbestimmte Zeit. Länder sind abgeriegelt. Dennoch existiert zwischen Wallenfels und dem über tausend Kilometer entfernten Bingham in Großbritannien eine besondere Verbindung. Seit 1984 besteht zwischen den beiden Orten eine Städtepartnerschaft. Wie ergeht es den britischen Freunden in diesen Zeiten?

Premierminister Boris Johnson wurde für seinen Umgang mit der Corona-Krise stark kritisiert. Im Gegensatz zu anderen Ländern, die das Virus schnellstmöglich einzudämmen versuchten, setzte die britische Regierung auf eine andere Herangehensweise. Ziel war es, eine Herdenimmunität aufzubauen, indem sich ein Großteil der Bevölkerung nach und nach mit Covid-19 infiziert. Das öffentliche Leben wurde zunächst kaum eingeschränkt. Seit einigen Wochen ist Johnson jedoch zurückgerudert und folgt dem Vorgehen der europäischen Länder.

Pause für den Sport

Die Lage bei den englischen Freunden in Bingham ist vergleichbar mit der Situation in Bayern. "Es ist kein normales Leben mehr", findet Steve McRobie aus Bingham. Der 55-Jährige ist mitverantwortlich für den Austausch zwischen dem FC Wallenfels und seinem englischen Partner, dem Fußballverein Bingham Town FC. Außerdem kickt er selbst in der Altliga und trainiert eine Jugendmannschaft. Doch Corona bringt den Sport weltweit zum Stillstand. Auch McRobie kann seinem Hobby seit mehr als zwei Wochen nicht mehr nachgehen. "Wir müssen auf jeden Fall bis nächste Saison warten", erklärt er.

Die Zeit während der Osterfeiertage vertrieb er sich mit Haus- und Gartenarbeit. Seit dem 23. März herrscht auch in Großbritannien eine Ausgangsbeschränkung. Spaziergänge sind auf eine Stunde am Tag begrenzt. Außerdem dürfen die eigenen vier Wände nur noch zum Einkaufen oder für den Weg zur Arbeit verlassen werden. McRobie ist Ingenieur in der Stromindustrie. "Wenn ich kann, arbeite ich von zuhause aus", sagt er. "Aber das geht nicht immer."

Auftritte per Live-Stream

Der Binghamer Richard Baker hingegen arbeitet bereits im Home-Office. Er ist Gebärdendolmetscher an einem College. "Von Zuhause aus kann ich aber nicht viel machen", erklärt Baker bedauernd. Die britischen Schulen sind - nach anfänglichem Zögern der Regierung - seit dem 20. März geschlossen.

Der 55-jährige Baker kennt Wallenfels seit dem Beginn der Städtepartnerschaft. Im Jahr 1984 kam er als Germanistik-Student mit dem ersten Schüleraustausch in die Flößerstadt. Damals war er auch Teil der Toot Hill Dance Band - eine Schul-Big-Band, die eine weitere Säule der Städtepartnerschaft darstellt.

Musikalisch ist Baker auch heute noch. Der Brite tritt seit sieben Jahren als Barpianist in einem Restaurant in Bingham auf. In Zeiten vor Corona spielte er dort normalerweise zweimal die Woche. Aufgrund der Pandemie musste das Restaurant mittlerweile schließen und bietet nur noch Take-Away-Food und einen Lieferservice an. Die Musik bleibt dennoch nicht aus. Baker spielt immer noch und bringt die Lieder per Live-Stream über Facebook zu den Menschen nach Hause. "Ich bringe so ein bisschen Normalität in das Leben zurück", findet Baker. Auch wenn es etwas komisch sei, in der leeren Gaststätte zu spielen.

Für Baker selbst sind die Veränderungen aufgrund der Corona-Krise noch "keine große Tragödie". Er sei finanziell abgesichert und bekomme weiterhin sein Gehalt. Jedoch habe er viele Freunde, die als Musiker oder Sänger arbeiten. "Die haben natürlich ein bisschen Angst, weil die Zukunft unsicher ist."

Der 55-Jährige selbst ist im Allgemeinen eher positiv eingestellt. "Natürlich folge ich den Regelungen, aber ich habe keine Panik", erklärt er. "Ich würde es vielleicht ein bisschen frustriert nennen."

Baker erzählt außerdem von besonderen solidarischen Angeboten, die es auch in Deutschland schon zu finden gibt. Da in Bingham viele Leute in Heimisolation seien, hätten sich Gruppen organisiert, die für diese Menschen die Einkäufe erledigen. "In Bingham gibt es einen großen Gemeinschaftsgeist", beschreibt Baker den Zusammenhalt in seiner Stadt.

Kündigung des Ehrenamtes

18 Jahre lang war Bingham auch die Heimat von Robert Smith. Nach seinem Abitur hat es den heute 32-Jährigen jedoch nach Wallenfels verschlagen. Der gebürtige Brite ist mittlerweile Braumeister, verheiratet und beherrscht einen exzellenten Wallenfelser Dialekt. "Im Moment bin ich Vollzeitpapa", sagt Smith. Sein zweijähriger Sohn wäre vor kurzem eigentlich in den Kindergarten gekommen.

Kontakt zu seiner Familie nach Bingham habe er täglich. Smiths Eltern sind beide 70 Jahre alt. "Ich bin froh, dass sie körperlich und geistig noch so fit sind", erzählt er. "Es ist eine Belastung, dass ich ihnen nicht helfen kann. Das ist auch der Grund, warum ich so oft anrufe." Das Leben seiner Eltern habe die Corona-Krise sehr verändert. Die beiden arbeiteten ehrenamtlich in einem Binghamer Dorfladen. "Vor einiger Zeit wurde ihnen gekündigt, weil sie zur Risikogruppe gehören", erzählt Smith. Auch das musikalische Hobby seines Vaters fällt erstmal ins Wasser. Der ehemalige Musiklehrer hatte hin und wieder einige Auftritte.

In der Corona-Krise sieht sich Smith selbst als Realist. Zu seiner Einstellung gegenüber der jetzigen Situation fällt ihm ein Zitat von Aristoteles ein: "In unseren dunkelsten Momenten müssen wir uns auf das Licht fokussieren."