Etwa 1400 Einwohner, zwei Fußballvereine, zwei Sportheime, zwei Plätze - über die Situation im Kronacher Stadtteil Gehülz mit den Vereinen ATSV und FC schüttelten viele Außenstehende den Kopf. "Ihr seid doch blöd!", bekam Martin Bittruf immer wieder zu hören. Der 44-Jährige ist seit 20 Jahren beim FC engagiert und für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Oft sei es vorgekommen, dass Schiedsrichter, Zuschauer oder gar die gegnerische Mannschaft zum falschen Sportplatz fuhren. Die beiden Plätze liegen aber zum Glück nur etwa zehn Gehminuten voneinander entfernt.

Bei den Duellen auf dem Feld sorgte früher nicht nur die sportliche Rivalität für Brisanz, sondern auch die politische. Der ATSV galt als der "rote" Klub im Dorf, der FC als der "schwarze". Trotzdem wagten die Vereine im März 2019 einen großen Schritt: Sie schlossen sich zu einer Spielgemeinschaft zusammen.

"Es hat für beide Seiten fußballerisch nicht mehr gereicht. Weder vom Potenzial her noch von der Anzahl der Spieler", nennt Bittruf die Hauptgründe. "Um eine vernünftige Zukunft aufzubauen, ist es sinnvoll, dass wir die Spielgemeinschaft eingegangen sind." Gespräche über einen Zusammenschluss habe es in der Vergangenheit mehrmals gegeben. Jedoch habe man es nie für notwendig empfunden. "Ein Verein befand sich immer wieder im Aufwind", erklärt der Kronacher Stadtrat.

Doch sein FC spielte ab 2014 wieder in der A-Klasse, darunter drei Jahre lang als SG mit der "Zweiten" des FC Kronach. Und nach dem Abstieg des ATSV aus der Kreisklasse mit nur fünf Punkten in der Saison 2018/19 standen beide Lokalrivalen am Scheideweg. "Was wäre ohne den Zusammenschluss zwei, drei Jahre später gewesen? Wahrscheinlich hätten beide eine unterirdische Serie gespielt", vermutet Jörg Stöcker, seit zwei Jahren Vorsitzender des ATSV. Die Spieler beider Mannschaften werden immer weniger und älter. Eigenständige Nachwuchsteams gibt es in Gehülz nicht mehr. Mit Blick auf die Corona-Pandemie vermutet Bittruf sogar, dass es ohne einen Zusammenschluss wohl gar keinen Fußball mehr in Gehülz geben könnte.

So funktioniert die Zusammenarbeit

Also setzten sich Vertreter beider Vereine an einen Tisch. Sie riefen ein Gremium ins Leben, das die wichtigsten Punkte klären sollte und seither die Schnittstelle beider Vereine bildet. Bei den Spielen sitzt jeweils ein Kassier beider Vereine am Eingang, die Eintrittsgelder werden geteilt. Der Umsatz im Sportheim bleibt aber beim ausrichtenden Verein, erklärt Bittruf. Auch die Kosten übernehmen beide anteilig. Die Federführung überließ man dem Zufall: Im Sportheim legte man Spielkarten verdeckt auf den Tisch. Wer zuerst den Eichel Ober zog, bekam zunächst die Verantwortung. Das war der ATSV. Dafür bekam der FC das Kirchweihheimspiel. Beides wechselt jährlich. Auch bei den restlichen Heimspielen wechselt die SG zwischen den beiden Plätzen, genauso beim Training. "Es verlief alles sachlich, fair und ohne große Diskussionen", betont Stöcker. Die Vereinsstrukturen wurden nicht angegriffen. Alles sei einstimmig beschlossen worden.

Vereinsaustritte hätte man sogar in Kauf genommen. Doch bis heute habe keiner den Vereinen den Rücken gekehrt. Auch die Spiele seien besser besucht: "Jetzt will jeder im Dorf die Spiele sehen", erklärt der 33-Jährige. "Am Anfang hat man manche Stammzuschauer nicht mehr auf dem Sportplatz gesehen", sagt Bittruf, "aber sie sind alle wiedergekommen."

Im Ort sei der Zusammenschluss positiv angenommen worden. Zudem habe es unter den Spielern keine Schwierigkeiten gegeben. "Klar bestand am Anfang der erste Bierkopf vielleicht aus drei FClern und einem vom ATSV", gibt Bittruf ein Beispiel für die allmähliche Annäherung. "Es hilft unheimlich, wenn die Kameradschaft stimmt." Daher habe man einiges geplant. Einmal hat man nach dem Training eine mobile Sauna bestellt. Der zweite geplante Termin musste jedoch coronabedingt entfallen, genauso wie etwa gemeinsame Essen, Bierkopf- oder Dartturniere. Zudem die Sportfeste, die beide Vereine eigenständig abhalten. Ein erstes gemeinsames Fest gab es jedoch im Februar 2020 mit dem Fasching, der zuvor ebenfalls getrennt stattgefunden hatte und mit etwa 110 zahlenden Gästen gut ankam.

Schwierigkeiten nach Corona-Pause

Sportlich hatte die SG zunächst keine allzu großen Erwartungen. Dennoch lief es in der A-Klasse 5 anfangs recht gut. Zur Winterpause 2019/20 stand Gehülz mit 18 Punkten auf Rang 9. Doch dann kam Corona. "Bis dahin hatten wir keine Probleme", sagt Stöcker. Einige Spieler wechselten, waren beruflich oder privat stark eingebunden. Dazu kamen vier Langzeitverletzte. Die vier Ligapartien nach der Corona-Pause verlor die SG allesamt zu null. Wie anderswo auch, hätten sich gerade junge Spieler in dieser ungewissen Zeit andere Freizeitbeschäftigungen gesucht. Und einige Ältere hätten nach so langer Pause ebenfalls lieber gleich aufgehört, erzählt Bittruf. Daher hat die SG vor kurzem auch ihre "Zweite" aus der B-Klasse zurückgezogen.

Die aktuelle Situation bestätigt die beiden Verantwortlichen in der Entscheidung für die SG. "Für beide Vereine war es das Beste, was passieren konnte", sagt Stöcker."Ich würde keinen anderen Weg mehr gehen wollen."

Spaltung und Annäherung zwischen den beiden Gehülzer Sportvereinen

Die beiden Gehülzer Fußballvereine verbindet nicht nur eine sportliche Rivalität. Früher kam noch eine politische hinzu. Der ATSV wurde 1905 als Teil der sozialdemokratischen Arbeiter-Kultur- und Sportbewegung gegründet. Damals hätte er einige Anfeindungen aus der Bevölkerung erleben müssen. Das ergaben die Recherchen des Vorsitzenden des Heimatpflege-Vereins Gehülz/Seelach/Ziegelerden und ehemaligen Schriftführers, Bernd Graf, in der Vereinschronik zum 100-jährigen Bestehen 2005. Nachdem der ATSV um 1920 eine Fußballabteilung ins Leben gerufen hatte, folgte 1926 mit dem FC Gehülz die zweite Fußballmannschaft im Dorf.

"Früher war der ATSV tatsächlich der politisch ,rote' und der FC der ,schwarze' Verein", erzählt Hans Simon. Der 68-Jährige war 27 Jahre lang geschäftsführender Vorsitzender des ATSV und ist heute noch als Ehrenamtsbeauftragter tätig. Die politische Spaltung im Dorf lässt sich auch daran erkennen, dass es einst zwei Gesangsvereine gab. Woher diese rührt, ist dem Kronacher Stadtrat ein Rätsel. Die Rivalität zwischen den beiden Fußballteams geht wohl auf die Zeit des Dritten Reichs zurück, vermutet er. "Damals wurden alle Arbeitersportvereine verboten. Der FC durfte weiterexistieren. Ich glaube, dass in dieser Zeit ein richtiger Groll entstanden sein könnte, wenn ich den Älteren immer zugehört habe."

Das "schwarze Jahr"

Als der ATSV 1955 erstmals nach dem Krieg wieder Fußball spielen wollte, wechselten fünf aktive Spieler und acht passive Mitglieder vom FC zum Ortsrivalen. Die FC-Chronik zum 75-jährigen Bestehen spricht von einem "schwarzen Jahr", die des ATSV aus dem Jahr 1995 von einer "Spaltung". Der BFV vermittelte, doch kein Verein wollte seine Selbstständigkeit aufgeben.

Dennoch sei das Verhältnis zwischen beiden Vereinen immer gut gewesen, schreibt Graf. Auch Simon und Hans Möckel bestätigen dies aus ihrer Erfahrung. Der 75-Jährige war von 1970 bis 1971 Zweiter Vorsitzender und ist seit vielen Jahren Kassier. "Fußball war immer im Vordergrund. Die politisch Engagierten haben die Rivalität immer etwas verbissener gesehen. Aber dass die Zuschauer oder Mitglieder verfeindet waren, war nie der Fall", sagt er. "Durch den Generationenwechsel ist das immer lockerer geworden. Die Fußballer und Zuschauer haben sich immer mehr angenähert."

So gab es etwa schon ab dem Jahr 1962 Spielgemeinschaften im Juniorenbereich. Auch bei den Altherren schlossen sich die beiden Teams zusammen. Allein bei den Herren hat man lange gezögert. "Nur wenige Leuten wollten das nicht so richtig. Aber das waren die entscheidenden", sagt Simon. "Mir haben im Laufe der Zeit bestimmt schon 25 Leute felsenfest versprochen, dass sie austreten, wenn ein Zusammenschluss kommt." So weit kam es nach der Gründung der SG Gehülz im Jahr 2019 jedoch letztlich nicht.