Einen international erfolgreichen Roman mit 260 Figuren und mehreren hundert Seiten auf sechs Schauspieler zu reduzieren - und dabei facettenreich und realistisch alle Geschehnisse zu beleuchten - faszinierte auch das Publikum des Kronacher Kulturrings am Wochenende. Besonders die direkte Publikumsansprache, der erweiterte Bühnenbereich sowie die Erzählerfigur belebten die spannende Atmosphäre.
Auf der Bühne bildete ein Segment einer Erdkugel das Zentrum des Schauspiels, welches so manchen Überraschungseffekt bereithielt. Denn diese Halbkugel diente nicht nur zum Besteigen, Setzen oder Liegen, sondern entpuppte sich als Bühnen Auf- und Abgang für kleinere Nebenrollen.


Kronach und die Wissenschaftler

Unterhaltsam stiegen aus den Klappen die unterschiedlichsten Charaktere und verschwanden wieder. Der Landesbühne Rheinland-Pfalz unter Regie von Stephanie Jänsch gelang es, die komplexe Geschichte hervorragend in 22 Rollen mit Leben und Ausdrucksstärke zu füllen.

Das Publikum wurde von den Geschehnissen vom ersten Moment an gepackt und auf eine Zeitreise in die Welt der Wissenschaft entführt.

Das Schauspiel von Dirk Engler "Die Vermessung der Welt" nach dem Roman von Daniel Kehlmann handelt von zwei herausragenden deutschen Wissenschaftlern, die sich Ende des 18. Jahrhunderts dranmachen, die Welt zu vermessen.

Der eine im Königreich Hannover, der andere im südamerikanischen Urwald. Das Leben der beiden Hauptcharaktere und Genies wird im Stück episodenhaft, abwechselnd und mit hintergründigem Humor dargestellt.


Zwei unterschiedliche Männer

Denn die beiden höchst individuellen Persönlichkeiten unterscheiden sich in Meinung und Arbeitsmethode immens. Während der mutige und entdeckungseifrige Alexander von Humboldt die halbe Welt bereist und dabei keinen Fluss, Berg oder See unvermessen lässt, genügt es dem eigenbrötlerischen und reisefaulen Carl Friedrich Gauß zu Hause zu bleiben und Erklärungen in mathematischen Formeln zu finden.

Die Schauplätze und Differenzen der beiden Biografien sind vielfältig, bis es schließlich zu einer Begegnung der beiden im Jahr 1828 kommt. "Alt, berühmt und ein wenig sonderbar geworden" treffen sie sich in Berlin zum Deutschen Naturforscherkongress. Das Theaterstück fokussiert dabei vor allem die Art und Weise der Forschungsmethoden und skizziert Charakter und Leben sowie Stärken und Schwächen der beiden Wissenschaftler.


Gauß rechnet für Humboldt

Die Szene, in der Gauß zum Kongress geladen wird, umrahmt die turbulente Forschungs- und Entwicklungsgeschichte. Am Ende sitzen Gauß und Humboldt auf der Erdkugel und finden zu einander. Denn Humboldt stellt fest, dass die Mathematik für die Vermessung der Welt doch notwendig sei: "Ich rechne das für dich", entgegnet ihm der große Mathematiker Gauß.