Dass man früher in Sizilien Ludscht (für Sprachunkundige: Ludwigsstädter Dialekt) sprach, ist die tiefgreifende Erkenntnis der Premiere der diesjährigen Shakespeare-Festspiele in Ludwigsstadt. Das wurde durch einen gewissen William Shakespeare dokumentiert, wie Festspiel-Intendant Daniel Leistner jetzt mit dessen "Ein Wintermärchen" auf der Ludwigsstädter Bühne in der Hermann-Söllner-Halle vorführte.

Der Regierungsvizepräsident Thomas Engel und der Coburger Landrat Michael Busch warem Zeugen. Und Neulandrat Klaus Löffler (CSU) wird die zentrale kulturhistorische Bedeutung von Ludwigsstadt bei seiner Amtsübernahme im Dezember wohl auch in Kronach verkünden müssen.

Die Historie im Abriss: Leontes, der König von Sizilien (Max Heyer), bildet sich ein, dass seine Königin Hermione (Gerti Wurzbacher) nicht von ihm, sondern von Polyxenes, dem König von Böhmen (Erhard
Witte), schwanger ist. Zumindest wird so im Königreich getratscht, denn der Böhmenkönig, der beste Freund von Leontes, ist schon längere Zeit in Sizilien zu Besuch und verehrt Hermione recht heftig.


Märchen mit Happy-End

Dass Hermione dem Dauergast nur platonisch zugetan ist, kommt erst heraus, als man einen Brief an Polyxenes findet. Doch da ist es schon zu spät: Der eifersüchtige Sizilianer hat seine vermeintlich untreue Frau aus Dynastiegründen nach der Niederkunft zum Tode verurteilt und dem Oberlakaien Camillo (Carlo Schwab) aufgetragen, das Kind in der Wildnis auszusetzen. Die Königin stirbt allerdings bei der Geburt.

Und bis Leontes von dem entlastenden Brief endlich Kenntnis nimmt, ist das Kind bereits fortgeschafft. Leontes erkennt das Drama seines Vorurteils alllerdings erst viel zu spät. Nun ändert sich das Drama aber zur Komödie. Camillo hat das Kind nämlich nach Böhmen gebracht, wo das Flüchtlings-Baby von einem Schäfer (Evi Heyder) gefunden und mit der Bemerkung "Wir schaffen das" großgezogen wird.


Botschaft als Schauspieler

Und wie es in einem Märchen so passiert, verliebt sich Prinz Florisell (Constantin Hirsch), der Sohn des Böhmenkönigs, in die vermeintliche Schäferstochter. Das wiederum passt König Polyxenes aus Dynastiegründen nicht, so dass Florisell mit Perdita (Vanessa Leib) fliehen muss - nicht ganz zufällig nach Sizilien. Denn Fluchthelfer Camillo hat einen Plan für ein glückliches Ende des Dramas ...

Und noch jemand hat bei den glücklichen Fügungen seine Hände im Spiel: Autolycus (Daniel Leistner). Der Festspiel-Intendant macht aus der harlekinesken Figur in freier Adaption von Shakespeare eine vielschichtige Person.
Zum einen spielt er den Ramschverkäufer und Taschendieb auf dem böhmischen Fest, der es, nicht ganz zu seinem materiellen Nachteil, fertigbringt, dass am Ende die Wahrheit herauskommt.

Zum anderen erklärt er die Botschaft des Stückes und gleichzeitig seine persönliche Sicht vom Theater, so wie er es inszeniert. Es soll kein trocken-historisierendes Stück sein. Seinem Widerspruch zu Vorwürfen - er sei für Neues nicht offen - verschaffte Leistner damit eine theatralische Rolle. Leistner will offenbar kein Theaterhistoriker sein. Er ist Theatermacher. Will Empathie und nicht zuletzt aus einem Theaterbesuch ein fröhliches Ereignis machen. Leistner spielt das in satirischen, lokalpatriotischen Einschüben aus. Er lobt "Ludschter Geist, Elan und Gelassenheit". Interpretiert eingeschränkte Häufigkeit bedeutender Ereignisse in Ludwigsstadt als "entspanntes Leben" und trainiert mehrfach mit dem Publikum das Ludschter Idiom "Laaam liiiebt" (Leben liebt), um - gestochen formuliert - die Wirkung von positiver Sprache als physische Therapie miterleben zu lassen. Leistner beschwört einen positiven Blick auf die Dinge, ist bemüht, dazu konkret die Erinnerung an die Grenzöffnung vor 26 Jahren ganz in der Nähe von Ludwigsstadt als ein Ereignis von tagelanger kollektiver Euphorie aufleben zu lassen.

In seiner Inszenierung des Shakespeare-Stückes dreht er mit der Theaterpause deshalb den Schalter um - vom anfänglichen Drama über Leben, Liebe und Tod zu einer Komödie über Wieder-Leben, neuer Liebe und Untergang dramatischer Umstände.