Als Elke Schülner ihren Halbbruder Werner zum letzten Mal gesehen hat, saß er noch im Kinderwagen. Dann brach der Kontakt zu der Familie ihres Vaters in Ostberlin ab. Jahrelang herrschte Funkstille, bis sie 1988 einen Anruf aus Köln erhielt.

"Werner hatte die Erlaubnis erhalten, seine Tante in Köln zu besuchen. Er wusste, dass ich hier in der Gegend wohne", erinnert sich Schülner. Ihr Bruder habe von Köln aus beim Bahnhof in Pressig angerufen. Einer der Bahnbeamten wusste, dass sie einen Zahnarzt geheiratet hatte und konnte vermitteln.

Wiedersehen nach Jahrzehnten

Schülner hatte nicht mit einem Anruf ihres Halbbruders gerechnet: "Mein Vater hieß auch Werner Winkler, ich war total überrascht, als er sich am Telefon meldete." Nur zwei Monate später reiste die Stockheimerin nach Ostberlin, um ihren Halbbruder zu besuchen. "Es war ganz seltsam, weil wir uns lange nicht gesehen haben. Aber es war sofort Liebe da", beschreibt Schülner das Wiedersehen. Ihr Bruder war mittlerweile über 30. Vielleicht ist Blut tatsächlich dicker als Wasser, meint sie. Die beiden schauten sich gemeinsam Ost-Berlin an und waren essen. "Der Gestank der Trabis war fürchterlich."

Schülner kam auch in die Oranienburger Straße, wo ihr Vater einst seine Praxis hatte und ihre Halbschwestern noch immer wohnten. "Es wäre mir zu viel geworden, meine Schwestern am selben Tag noch zu sehen", sagt Schülner rückblickend. Einen Tag später fährt sie wieder nach Stockheim.

Als knapp ein Jahr später, im Dezember 1989 die Mauer fällt, ist ihre Zwillingsschwester Gudrun gerade zu Besuch aus Neuseeland. Die beiden beschlossen, nach Ostberlin zu fahren um ihre Halbschwestern wiederzusehen. "Als Neuseeländerin musste Gudrun an der Mauer ihre Papiere vorzeigen."

Das erste Treffen seit etwa 30 Jahren sei sehr bewegend und harmonisch gewesen. Die Geschwister hätten gemeinsam gemalt und sich unterhalten. "Gudrun ähnelte in ihrer Art sehr Octavia, ich war Regina ähnlich. Und wir alle waren künstlerisch angehaucht."

Dämonen und Schmetterlinge

Im August 1990 kamen Regina und Octavia dann mit ihren Kindern zu Schülner nach Stockheim. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Kronacher Künstler Ingo Cesaro die Grenzmauer bei Heinersdorf bereits mit internationalen Künstlern gemeinsam bemalt. Ein in die Mauer integrierter Beobachtungspunkt war allerdings noch weiß. "Wir haben spontan beschlossen, den Turm zu bemalen", berichtet die 75-Jährige. Schülner hatte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Puppentheater und deshalb ausreichend Farbe und Pinsel im Keller. Spontan seien sie dann mit den Kindern zum Wachturm gefahren. "Für den oberen Teil saß meine Tochter Julia auf Octavias Schultern."

Der Schmetterling auf dem oberen Teil des Turms und der Dämon im unteren Teil seien spontan aus der Intuition heraus entstanden. Der Dämon stehe für die alte DDR, der Schmetterling komme nach deren Niedergang aus dem Dämon heraus.

Die drei Halbschwestern und ihre Töchter brauchten nur einen Nachmittag, um den Turm zu bemalen. "Wir hatten große Pinsel und waren schließlich zu sechst", erzählt Schülner. Am Ende des Tages seien ihre Farben alle gewesen. "Niemand wusste, dass wir den Turm bemalt hatten." Noch heute bewahrt Schülner ein paar Steine der Heinersdorfer Mauer auf.