Etwas weiter im Norden leitet Bürgermeister Timo Ehrhardt (SPD) das Rathaus in Ludwigsstadt.
Er kritisiert vor allem die Politisierung der Corona-Krise: "Wir haben am Anfang gefühlt einen Überbietungswettkampf der Beschränkungen zwischen den Ländern gehabt. Einen Lockerungskampf sollte es jetzt nicht geben."
Er bestätigt die Unterzeichner des offenen Briefes. Maß und Ziel bleibe das Gebot der Stunde, erklärt Bürgermeister Ehrhardt einhellig, damit das Thüringer Verhalten kein Gefahrenherd für andere werde. Eine Verschlimmerung der Corona-Krise schließt der Ludwigsstädter Bürgermeister nicht aus: "Ich fürchte, dass man jetzt möglicherweise das aufs Spiel setzt, für das man sich lange Zeit gequält hat."
Seine Amtskollegin Karin Ritter (SPD) aus Reichenbach hat sich vor allem in der Bevölkerung umgehört: "So wie ich das sehe, ist niemand begeistert von den Lockerungsplänen in Thüringen." Doch sie glaubt, dass auch viele Thüringer Gemeinden im Nachbarlandkreis Saalfeld-Rudolstadt an den Plänen der Landesregierung zweifeln. Die Zahl der aktiv Infizierten im Nachbarlandkreis ist jedenfalls gering: sechs Personen, berichtet der MDR. Seit einer Woche hat sich niemand mehr angesteckt.
Der Pressiger Bürgermeister Peter Heinlein (CSU) hat wie seine Amtskollegen Bedenken, sollten die Lockerungen durchgesetzt werden: "Aus meiner Sicht ist das ein falsches Signal mit voraussichtlich negativen Folgen für unsere Bevölkerung in den grenznahen Orten."
KOMMENTAR von Bastian Sünkel
Nicht darauf vorbereitet
Südkorea gilt als eines der wenigen Länder, die die Corona-Krise besser unter Kontrolle gebracht haben als Deutschland. In Südkorea lief das in etwa so ab: Menschen haben sich mit Smartphone-Apps überwachen lassen. Sogar aus der Quarantäne mussten Infizierte Selfies an das zentrale Gesundheitsamt schicken, um zu beweisen, dass sie ihr Haus nicht verlassen.
Orte, an denen Infizierte aufgetaucht sind, wurden innerhalb von Stunden von einem Säuberungsdienst desinfiziert. Die Krisenüberwachung wanderte ab ins Private. Einen Lockdown gab es nur im Hotspot Daegu.
In Deutschland ist das anders und deshalb ist auch das Vorhaben Bodo Ramelows ein Risiko. Der Bund hat sich für den Weg geringerer Freiheiten entschieden, dafür auch den Eingriff in die Privatsphäre minimiert. Weder die technischen Möglichkeiten noch die staatlichen Strukturen erlauben es, die Gesundheitskontrolle komplett an die kleinste Einheit, die Gesundheitsämter des jeweiligen Landkreises, abzugeben. Der Bund und auch jedes Bundesland müssen prüfen, inwieweit sich Lockerungen durch gezielte Überwachung kompensieren lassen.
Thüringen ist, wie alle anderen Bundesländern, auf derartige Personenüberwachung nicht vorbereitet. Schlimmer noch: Das fatale Signal, die Krise überstanden zu haben, wird sich seit dieser Woche in vielen Köpfen festsetzen.