Sebastian Neubauer fasst die Lage mit einem Wort zusammen: "Katastrophal." Seit März habe das Familienunternehmen in Kehlbach alles versucht, seine Angestellten zu behalten - bislang erfolgreich. Im Unternehmen sind sieben Vollzeit- und vier Teilzeitmitarbeiter beschäftigt, die als erstes ihre Überstunden und Urlaub abgebaut haben. Er hat auf staatliche Unterstützung gehofft. Jetzt spricht er von "einem Tropfen auf dem heißen Stein". 7500 Euro hat er bislang erhalten und er glaubt nicht, dass er auf weitere Gelder hoffen kann. Zusätzlich hat Neubauer Überbrückungskredite aufgenommen. Wie es weitergeht? Selten war es schwieriger, Prognosen anzustellen. Sebastian Neubauer hat wie andere Busunternehmen im Landkreis auf zwei Standbeine gesetzt: Reise- und Linienverkehr.

Nachdem im Oktober die europaweite Ausschreibung der sieben Lose, also der Landkreis aufgeteilt in sieben Nahverkehrssektoren, zugunsten der Unternehmen Martin Regionalbus GmbH in Pressig, der RBA-Tochter RBK aus Arnstadt und des OVF entschieden wurde, stand Neubauer ab März mit dem Aufkommen der Corona-Krise vor einem Berg Probleme. Nicht nur der Linienverkehr wurde neu vergeben, auch der Reisebusverkehr kam zum Erliegen.

Nachschub im Nahverkehr

Ein Teil seiner Busse rollt nun wieder im Linienverkehr durch den Landkreis. Kurzfristig sei vergangene Woche bei ihm der Anruf eingegangen, Verstärkerbusse zur Unterstützung einzusetzen. Neubauer ist nun Subunternehmer von Martin Regionalbus. Er fahre derzeit seine Strecke und wolle damit zumindest eine sichere Einnahmequelle in unsicheren Zeiten nutzen. Wie er damit finanziell durch die Krise kommt, kann er noch nicht genau sagen. Die Entlohnung für die zusätzlichen Busse müsse erst noch geklärt werden.

"Von 100 auf null Prozent" ist das Geschäft von Wilgo Frey seit März abgestürzt, erzählt der Kronacher Busunternehmer am Telefon. Am 7. März ist er mit einer Reisegruppe nach Dresden gefahren. Danach haben das Virus und der Lockdown ihn gezwungen, alle weiteren Fahrten abzusagen. Bis Anfang November wäre er ausgebucht gewesen. Ungarn, Italien, England und Bingen mit dem Jugendmusikorchester, zählt er auf. Schulausflüge und Gruppenreisen, alles storniert. An diesem Wochenende hat er zum ersten Mal wieder eine Fahrt mit Stammkunden nach Dresden organisiert. Doch auch die Aussichten für ein Unternehmen sind gerade nicht rosig.

Mit seinen drei Mitarbeitern, zwei Busfahrern und einer Bürokraft, hat er noch nie derartige Zeiten erlebt. Er fahre seit mehr als 40 Jahren Bus, sagt der 62-Jährige. 5000 Euro habe er im April vom Staat erhalten. Doch das tilge nur einen Bruchteil der Kosten. Seine Busse hatte er abgemeldet. Immerhin könne er nun als Subunternehmer die Schulbusse zwischen Stockheim und Pressig fahren. Doch ob es im neuen Jahr noch mit dem Reisebusverkehr weitergeht, ist fraglich. Bis Frühjahr, schätzt er, sind seine finanziellen Reserven aufgebraucht.

Niemand kauft noch Reisebusse

Wilgo Frey und Sebastian Neubauer schildern ein zweites Problem. Grundsätzlich sei es ja möglich, Busse zu verkaufen. Nur die Preise seien im Keller. Neubauer erklärt, dass er einen Reisebus, der in anderen Zeiten 150 000 Euro wert ist, derzeit im besten Fall für 40 000 Euro verkaufen könnte. Die Pandemie zehrt am Busmarkt und den Nerven der Unternehmer.

Claudia Wicklein drückt es noch drastischer aus: "Man müsste schon einen Goldbarren in den Bus legen, damit er verkauft wird." Die Reisebusse bei Martin sind abgemeldet. Verkauft hat das Unternehmen keinen. Niemand wolle derzeit einen Bus kaufen, erklärt die Assistentin der Geschäftsleitung. Auch die Omnibus Martin GmbH - nicht zu verwechseln mit dem neuen Unternehmen Martin Regionalbus, das den Linienverkehr betreibt - hat den Einbruch mit aller Wucht zu spüren bekommen. Noch fünf Mitarbeiter sind im Busreiseunternehmen beschäftigt, erklärt sie. "Die ganze Reisebranche ist am Erliegen." Alle anderen sind in die neue Firma, in den Linienverkehr gewechselt. Das sei ein Vorteil, erklärt Claudia Wicklein.

Probleme mit Staatshilfen

Der Linienverkehr ist derzeit für die von Corona-Maßnahmen gebeutelten Unternehmen die einzige sichere Einnahmequelle. Staatshilfen habe Omnibus Martin zwar erhalten, aber auch in diesem Fall decken diese nur einen Bruchteil der Ausgaben. Die Staatshilfen, die das Bundesministerium für Verkehr und Infrastruktur im Juli zusätzlich bereitgestellt hat, helfen nur größeren Unternehmen.

Gelder aus dem 170-Millionen-Euro-Topf werden nur an geschwächte Firmen der Branche für sogenannte "Vorhaltekosten" ausgegeben. Das heißt Tilgungs- und Leasinggebühren für Neuanschaffungen von Bussen und für bereits geleistete Zahlungen wie Kataloge und Anzeigen für Fahrten, die nie stattfinden.

Unternehmen mit weniger Mitarbeitern wie Frey und Neubauer können davon kaum profitieren. Auch um an andere Hilfsgelder heranzukommen, müssten sie erst bürokratische Hürden überwinden, wie für Steuerberater in Vorleistung gehen. Am Ende weiß niemand, ob und wie viel Staatshilfen das Unternehmen tatsächlich erhält.

Ein Blick in die Zukunft

Doch wie geht es weiter für die Busunternehmer auch ohne zusätzliche Staatshilfen? Jetzt will er sich neu aufstellen und unter anderem in die Logistikbranche einsteigen, erklärt der Unternehmer. Sein Unternehmen habe glücklicherweise eine Lizenz. Dort ist der Einbruch weitaus geringer als in der Tourismusbranche. Staatlich sind Reisebusfahrten erst seit Juni wieder erlaubt. Doch dieses Jahr rechnet niemand mehr mit Wirtschaftswundern.

Wilgo Frey weiß nicht, wie lange er noch die Reisebussparte betreiben kann. Notfalls, erklärt er, werde er nur noch im Nahverkehr unterwegs sein. Claudia Wicklein rechnet, dass die Tourismussparte wenn überhaupt erst ab April wiederbelebt werden kann. Bis dahin gilt: "Überleben kann man als Busunternehmen derzeit nur im Öffentlichen Nahverkehr", sagt sie.