Jedes Mal, wenn Günther Weber seinen Sohn in Kronach besuchen will und aus dem Zug steigt, bricht sein Herz. Es ist der Bahnsteig, an dem sein anderer Sohn Michael (50) im Oktober von einem Güterzug erfasst wurde, als er einem älteren Herrn helfen wollte, der mit seinem Rollator ins Gleisbett geraten war. Beide Männer starben.

Es ist nicht nur der plötzliche Verlust, der den Vater schmerzt. Günther Weber hadert mit den Umständen, die zu Michaels Tod geführt haben. "Dieses Unglück hätte verhindert werden können", klagt der Senior in Richtung Deutsche Bahn. Aus seiner Sicht haben die baulichen Gegebenheiten am Bahnhof das Unglück provoziert.

Günther Weber deutet auf den Bereich, wo die Bahnsteige abgesenkt sind. Der gebürtige Kronacher erinnert sich daran, dass dort vor vielen Jahren die Pakete aus den Güterzügen geladen und mit Wägen in das grüne Postgebäude neben dem Bahnhof geschafft wurden. "So sind die Wägen auch an die Züge auf den hinteren Gleisen herangekommen. Der Bahnhof ist ja bis heute nicht barrierefrei."

Die Pakete werden schon lange nicht mehr mit Güterzügen in den Bahnhof transportiert, sondern vom Paketzentrum in Kitzingen aus mit Lkws und Transportern verteilt. Die abgesenkten Bahnsteige jedoch sind bis heute geblieben. "So tragisch der Unfalltod des Herrn mit Rollator am Bahnhof auch gewesen ist (...): An der noch aus der Bahnhofshistorie vorhandenen Furt ist mit Schildern deutlich signalisiert, dass ein Überschreiten verboten ist", erklärt ein Bahnsprecher auf FT-Nachfrage.

Besagte Schilder mit dem Aufdruck "Überschreiten der Gleise für Unbefugte verboten" springen dem Vater des Gestorbenen bei jedem Besuch ins Auge. Aus seiner Sicht ändern sie jedoch nichts an dem Eindruck, dass die Gleise in diesem Bereich überquert werden können. Vor allem dann, wenn es für einen Zugreisenden keine andere Möglichkeit gibt, die hinteren Gleise zu erreichen. "Wie hätte der Mann mit seinem Rollator sonst auf den Bahnsteig kommen sollen?" Der einzige Zugang zu den Gleisen 2 bis 5 ist eine Treppe, die gehbehinderte Menschen oder Eltern mit Kinderwagen vor Herausforderungen stellt.

Bis heute nicht barrierefrei

Da der gestorbene Senior (73) aus dem Landkreis Lichtenfels stammte, sei es nicht unwahrscheinlich, dass er mit einem der Züge nach Hause fahren wollte, die von Gleis 3 oder 4 abfahren. "Ich habe im Nachhinein auch gehört, dass er zuvor im Bahnhof nach einem Aufzug gefragt hat", sagt Günther Weber.

Das muss sich ändern, pflichtet der Bahnsprecher bei: "Ziel ist, den Bahnhof barrierefrei auszubauen und dabei die Bahnsteige für einen stufenfreien Einstieg in die Züge zu erhöhen und die Bahnsteige barrierefrei mit Aufzügen oder Rampen an die Bahnsteigunterführung anzubinden." Die Planung soll Anfang des nächsten Jahres ausgeschrieben werden. Auf Grundlage einer konkreten Planung könne dann Ende 2021 auch eine realistische Einschätzung über den Investitionsbedarf für die Umsetzung des barrierefreien Ausbaus gegeben werden. Die Planung finanziert der Freistaat Bayern mit dem "Bayern Paket II".

Um den barrierefreien Ausbau tatsächlich umzusetzen, fehlt laut dem Bahnsprecher noch ein entsprechendes Förderprogramm vom Bund oder dem Freistaat. "Wir rechnen hier mit einem zweistelligen Millionenbetrag." Wann der Umbau startet, steht also noch in den Sternen.

Dabei tut sich im Bahnhof durchaus etwas. Mit dem aktuell laufenden Konjunkturprogramm werden mit einem Auftragsumfang von rund 40 000 Euro aus Bundesmitteln die Bahnhofshalle saniert, die Fassade verschönert und ein Treppenaufgang erneuert. Eine Tatsache, die auch Günther Weber bemerkt hat - in seinen Augen blanker Hohn. "Für solche Schönheitskuren ist Geld da. Für die Sicherheit nicht", empört er sich.

Warum während dieser Arbeiten nicht wenigstens ein Geländer an den Absenkungen angebracht werden kann, will er wissen. "Das geht aus Sicherheitsgründen nicht. Im umgekehrten Fall darf ein Fluchtweg aus dem Gleis auf den Bahnsteig nicht durch ein Geländer versperrt sein", erklärt wiederum die Bahn.

Hätte Geländer Leben gerettet?

Argumente, die der trauernde Vater nicht verstehen kann. Wären die Bahnsteige zurückgebaut oder zumindest abgesichert worden, beharrt er, wäre sein Sohn jetzt noch am Leben. "Ich kann es mir nur so erklären, dass Michael den älteren Mann auf den Gleisen liegen sah und unbedingt helfen wollte. Er war schon immer sehr hilfsbereit."

Auch Günther Weber weiß: Weder ein Geländer noch ein umgebauter Bahnsteig bringen seinen Michael zurück. Doch wenn Unglücke wie dieses künftig verhindert werden könnten, so meint er, hätte Michaels Tod zumindest eine Art von Sinn gehabt. Und er findet vielleicht seinen Frieden.