Zur Weihnachtszeit stellt 1000 Jahre Kronach eines der bekanntesten Cranach-Werke im Cranach-Welten-Schaufenster in der Oberen Stadt vor: Maria mit dem sie umhalsenden Jesuskind - bekannt als Mariahilf-Bild, das über dem Hochaltar des Doms zu St. Jakob in Innsbruck seinen Platz hat. Seit 1650 befindet sich das Bild dort; dessen Geschichte hat jedoch viel früher begonnen.

"Das Bild ist in Wittenberg nach 1537 entstanden. Cranach hat schon vorher zahlreiche und sehr bekannte Madonnenbilder gemalt, unterschiedlich in den Körperhaltungen der Personen oder auch mit Landschaften als Hintergrund", erläutert Erster Vorsitzender Manfred Raum, dass diese verschiedenen Deutungen der Marienverehrung entsprächen.

Das Mariahilf-Bild zeigt Maria als sitzende Halbfigur vor einem dunklen Hintergrund. Sie blickt den Betrachter an, ihr langes Haar wird von einem Schleier bedeckt, der sich über den Kopf des Jesuskindes erstreckt. Das Kind hat sich zu Marias Gesicht emporgereckt, den linken Fuß auf Marias Schoß gestützt, den rechten über Marias linken Arm gelegt, und umarmt seine Mutter, seinen Kopf an ihre Wange kuschelnd.

Dieser Bildtypus geht auf eine byzantinisch-griechische Darstellungsform zurück, von Cranach hier in einer schlichten und natürlichen, zugleich eindringlichen Weise ausgeführt. Cranach habe sich mit diesem Bild nicht nur selbst ein bleibendes Denkmal gesetzt, sondern eine weltumspannende Muttergottes als neue Andachtsikone, vor allem mit europäischer Dimension, populär und heimisch gemacht, heißt es in einer Innsbrucker Festschrift aus dem Jahr 2000 dazu.

Weite Verbreitung

Im Cranach-Welten-Fenster sind nun viele Wiedergaben des Mariahilf-Bildes zu sehen. Dazu wurde auf die Sammelobjekte des Cranach-Archivs zurückgegriffen. So stammen aus dem Innsbrucker Dom Ansichtskarten, Andachtsbilder in verschiedenen Sprachen, Sticker, Schlüsselanhänger und eine Kerze, die alle dort zu erwerben sind, und das Mariahilf-Bild tragen. Fotos von Fassadenbildern aus Innsbruck, Tirol und Südtirol dienen als Beispiele der weitverbreiteten Marienverehrung mittels des Cranachschen Mariahilf-Bildes.

Allein in Innsbruck tragen über 60 Häuser Cranach-Madonnen.In ganz Tirol wird die Zahl an Kopien im öffentlichen und privaten Bereich auf über 1000 geschätzt. Ein kleines Mariahilf-Hausaltärchen, datiert 1919, aus Tirol gehört zu den Objekten im Schaufenster in Kronach. Auch in der Kronacher Spitalkirche St. Anna hängt ja eine Mariahilf-Bild-Kopie. Und es seien im 17. und 18. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum insgesamt 515 neue Mariahilf-Wallfahrtsstätten entstanden, kann man erfahren - Eine erstaunliche Wirkung dieses Bildes.

Verschlungene Wege

Wie aber kam das Cranach-Bild dorthin? "Auf Umwegen sozusagen, von der Werkstatt in Wittenberg war es nämlich zunächst nach Dresden an den kurfürstlichen Hof geliefert worden. Dort war es möglicherweise für eine Kirche vorgesehen, wanderte dann jedoch in die Kunstkammer des protestantischen Herrschers, weil Heiligenbilder nicht mehr so erwünscht waren", weiß Raum.

Bei einem Besuch von Erzherzog Leopold V. von Österreich in Dresden machte Kurfürst Johann Georg von Sachsen 1611 seinem Gast ein Geschenk aus seiner Kunstkammer, das sich dieser selbst aussuchen durfte. Leopold wählte das Cranach-Werk und nahm es nach Passau mit, wo er Bischof ohne kirchliche Weihen war.

In Passau fand das Mariahilf-Bild in Domdekan Marquard von Schwendi einen tiefen Verehrer. Er ließ eine vergrößerte Kopie des Bildes herstellen. Als 1618 der 30-jährige Krieg ausbrach, stellte er sein Muttergottesbild auf Grund von Eingebungen in einer hölzernen Kapelle auf dem späteren Mariahilfberg zur öffentlichen Verehrung auf. Der Notruf "Maria hilf" bürgerte sich ein. Schon 1627 wurde die große Wallfahrtskirche Mariahilf bei Passau gebaut. Von dieser Kopie entstanden wiederum vielfach Kopien und Andachtsbilder.

Das Passauer Bild löste wie das Innsbrucker eine weite Verbreitung der Marienverehrung aus. Im Schaufenster sind Kopien der Passauer Kopie gezeigt, beispielsweise ein Kupferstich aus Frankreich.

Das Cranach-Original aber hatte Erzherzog Leopold V. für sich behalten. Er nahm es 1619 im Reisegepäck nach Innsbruck mit, als er seine kirchlichen Ämter zurückgab, um sich seiner weltlichen Herrschaft in Tirol zu widmen. Das Bild begleitete ihn auf Reisen, so 1625 nach Rom, Assisi und Florenz, wo er seine Braut Claudia von Medici besuchte. Nach der Hochzeit im April 1626 bekam das Bild zunächst einen Ehrenplatz in der Innsbrucker Hofburg. Es wurde aber auch schon in der Pfarrkirche St. Jakob und bei öffentlichen Prozessionen gezeigt. 1650 schließlich stiftete Erzherzog Ferdinand Carl, der älteste Sohn des 1632 verstorbenen Leopold V. das Original-Gnadenbild Mariahilf der St. Jakobs-Pfarrkirche, behielt sich aber das Recht vor, es auf Reisen mitzunehmen.

Mit "Maria hilf" in die Schlacht

Vom Innsbrucker Bild verbreiteten sich, genauso wie von der Passauer Kopie, Mariahilf-Andachten und Wallfahrten schnell und weiträumig. Einen Höhepunkt erreichte die Mariahilf-Anrufung, als 1683 - bei der Belagerung von Wien durch die Türken - die Soldaten mit dem Ruf "Maria hilf" in die Schlacht zogen und die Türken zurückdrängen konnten. An dieses Ereignis erinnert im Cranach-Welten-Schaufenster ein Mariahilf-Hinterglasbild - auch für solche entstand eine Tradition - aus Passau, das dort 1983 zum 300-jährigen Gedenkfest herausgegeben wurde.

Schließlich verweist im Schaufenster das kleine Pilgermedaillon aus Amberg auf die dortige Mariahilfberg-Wallfahrt, die bis in die Gegenwart gepflegt wird. Das Abbild des Schwandorfer Gnadenbildes Mariahilf in einer Medaille zu einem Volkswandertag bestätigt auf seine Art die bis in die Gegenwart wirkende Bedeutung des Mariahilf-Bildes.

Eine lange Geschichte hat dieses Werk ausgelöst, die in den Cranach-Welten mit vielen Beispielbildern dargestellt ist. Und in Kronach darf sicher jene Innsbrucker Feststellung mit großer Freude aufgenommen werden, dass dieses Bild zu den bedeutendsten Kunstwerken der Renaissance im deutschen Sprachraum zähle und als verbindendes Symbol der Ökumene betrachtet werden dürfe.

"Die besondere Ausstrahlung von Kronachs großem Sohn weiterhin anschaulich und überzeugend darzustellen, ist das Anliegen von 1000 Jahre Kronach", fügt Raum an. Dieses Ziel verfolgen die Wechselausstellungen in der Amtsgerichtsstraße.