"So hoffnungslos überfüllt war der Interzonenzug noch nie. Ich durfte zwischen Probstzella und Kronach nur 70 Stundenkilometer fahren, weil so viele Leute an Bord waren, dass wir dachten, die Achsen machen sonst nicht mit", erinnert sich der ehemalige Lokführer Heinz Barnickel aus Förtschendorf. Die Leute standen wie die Sardinen im langen Interzonenzug, der sonst nur mäßig besetzt war.

Der Zug Leipzig-Nürnberg war am 11. November um die Mittagszeit deshalb so überfüllt, weil erstmals DDR-Bürger damit zum Besuch und zum Einkaufen in die Bundesrepublik Deutschland fahren durften. Die überraschende Grenzöffnung in Berlin war erst zwei Tage her, der Freiheitsdrang der DDR-Bewohner grenzenlos. Dieser Interzonenzug war auch der allererste bundesweit, der aus der DDR in den Westen fuhr und in dem DDR-Bürger mitfahren durften.
Der Interzonenzug aus Berlin kam eine Stunde später und war genauso rappelvoll wie der vorherige, weil alle, die nicht mehr in den ersten Zug passten, halt mit dem zweiten mitfuhren. Das Warten waren die DDR-Bürger ja gewohnt.


Den Tag vergisst man nie

Fast 40 Jahre lang war Heinz Barnickel als Lokführer im Einsatz, aber der 11. November 1989 war der denkwürdigste Tag in seiner ganzen Berufslaufbahn: "So einen Tag vergisst man nie", sagt Barnickel und die Ergriffenheit ist ihm auch 25 Jahre später anzusehen.

Heinz Barnickel fuhr ab dem Jahr 1974 Tausende von Interzonenzügen, die auf den Linien Berlin-München oder Leipzig-Nürnberg verkehrten, oder auch Güterzüge nach Probstzella oder holte sie dort ab. Der Bahnhof von Probstzella war immer menschenleer. "Kein Einwohner von Probstzella oder ein anderer normaler DDR-Bürger durfte sich dort aufhalten, nur ein paar DDR-Grenzer waren im Bahnhofsgelände", berichtet Heinz Barnickel. Anders als in Bayern, wo Rangierarbeiter die Loks an- und abkoppelten, musste er diese Arbeit in Probstzella selbst erledigen und dazu aus dem Führerstand klettern. Als er einmal einen Wagenmeister der DDR-Reichsbahn mit ein paar belanglosen Sätzen ansprach, ging sofort einer der Grenzer forsch dazwischen und verbat das. Auch wenn die Kontrolleure den Lokführer Barnickel nach Jahren des gemeinsamen Dienstes hinlänglich kannten, musste er immer seinen Ausweis vorzeigen.


Pingelige Kontrollen

"Ich musste sogar den Strombügel der Lok runterfahren, damit die Grenzer in den Zwischenräumen der Lok schauen konnten, dass sich wirklich kein Mensch irgendwo versteckt hatte", erinnert er sich an die Übergenauigkeit. Heinz Barnickel steuerte nicht nur die Loks von Interzonenzügen, sondern auch von Güterzügen ab und bis Probstzella und hatte Dienstzeiten, nach denen sich keiner sehnt. "Manchmal war um 1.13 Uhr in Lichtenfels Dienstbeginn", erinnert sich der Förtschendorfer. Er steuerte die Lok von Probstzella bis Lichtenfels oder bis Nürnberg.

Der Bahnhof von Probstzella war also immer menschenleer, aber als Heinz Barnickel am Samstag, 11. November, am Vormittag mit einer E-Lok nach Probstzella fuhr, um den Interzonenzug aus Leipzig abzuholen, traute er seinen Augen nicht. "Der ganze Bahnhof, jeder Bahnsteig, war voller Menschen - und alle riefen ,Deutschland! Deutschland!‘", erinnert sich Heinz Barnickel an diese Jubelszenen als wäre das gestern gewesen. Alle wollten nach Ludwigsstadt oder Kronach und Heinz Barnickel nahm so viele mit wie mit Müh und Not in den ellenlangen Zug passten. Zug auslastungen von 250 Prozent waren in diesen Tagen keine Seltenheit.


Viele Leute an den Gleisen

Am Sonntag, 12. November, hatte er schon wieder Dienst. "Da hatte ich den 2. Zug, den Berliner, zu steuern. Bei Falkenstein und auch entlang des Gleises nach Probstzella musste ich besonders vorsichtig fahren, weil so viele Leute an der Strecke waren", berichtet der 76-jährige pensionierte Lokführer. Am 12. November 1989 wurde um die Mittagszeit der Metallgitterzaun am Falkenstein, der bis auf wenige Zentimeter von beiden Seiten an die Bahnlinie reichte, weggerissen. "Da waren Unmengen an Leuten entlang des Gleises", erinnert sich der Lokführer. Und damit war er nicht nur beim ersten Zug in die Freiheit Zeitzeuge, sondern auch bei der Öffnung des Straßengrenzübergangs Falkenstein.


So funktionierten die Interzonenzüge

Als Interzonenzug wurden die Reisezüge zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR bzw. Berlin bezeichnet. In späteren Jahren wurde zwischen Transitzügen, die in erster Linie dem Transitverkehr nach West-Berlin dienten und den eigentlichen Interzonenzügen unterschieden. Letztere bedienten eine Reihe von Orten in der DDR, Berliner Bahnhöfe wurden von ihnen generell nicht angefahren. Der Begriff Interzonenzug wurde im Jahr 1946 von der Deutschen Reichsbahn in der sowjetischen Besatzungszone eingeführt. Im offiziellen Sprachgebrauch änderte sich die Bezeichnung als Folge der jeweiligen politischen Situation mehrfach. Umgangssprachlich hat sich Interzonenzug bis zum Ende der DDR gehalten.

Die so genannten Interzonenzüge verkehrten - den Landkreis Kronach betreffend - zwischen Berlin und München sowie zwischen Leipzig und Nürnberg. DDR-Bürger, die in die Bundesrepublik reisen wollten, brauchten, um diese Züge nutzen zu dürfen, einen Interzonenpass, ab 1953 eine Ausreisegenehmigung der DDR.


Besonderheit am Falkenstein

Im Sommer 1949 gab es eine Besonderheit: Die Reichsbahndirektion Nürnberg setzte zur Bewältigung des ansteigenden Verkehrs zusätzliche Züge ein, die über Ludwigsstadt bis an die Demarkationslinie fuhren. Dort mussten die Reisenden aussteigen und die Grenze zu Fuß überqueren (Bundesstraße 85). Ab Probstzella bestand neben lokalem Verkehr ab dem 25. August 1949 eine Verbindung mit einem Schnelltriebwagen nach Berlin-Friedrichstraße.

In Probstzella wurde peinlich genau kontrolliert, dass sich kein DDR-Bürger, der nicht ausreisen durfte, im Zug, in den Toiletten sowie auf der Lok aufhielt. Die Kontrollen durch die DDR-Transportpolizei dauerten zig Minuten Die Beamten der Bayerischen Grenzpolizei und des Zoll stiegen in Ludwigsstadt zu und in Pressig, Kronach bzw. Lichtenfels wieder aus. Die Dauer der Mitfahrt richtete sich nach dem Kontrollaufwand. Das führte dazu, dass es im Kreis Kronach den Luxus von drei D-Zug-Haltebahnhöfen gab, was gerade für die Fernreisenden aus dem Rennsteigbereich eine sehr gute Anbindung darstellte.


Lokwechsel in Probstzella

Täglich gab es zweimal zwei Zugpaare, die sich in Probstzella begegneten. Bei den in nördlicher Richtung fahrenden Zügen wurde die E-Lok der Bundesbahn in Probstzella abgekoppelt und durch eine Diesellok der DDR-Reichsbahn ersetzt, denn die Strecke ab Probstzella war nicht elektrifiziert. In südlicher Richtung war dies genau umgekehrt.

Da kein Bediensteter der DDR-Reichsbahn das Staatsgebiet der DDR verlassen sollte, erfolgte der Lokwechsel in Probstzella. Deshalb war es den Bundesbahn-Lokführern - und auch den Zugbegleitern - erlaubt, zwischen Falkenstein und dem Bahnhof Probstzella auf dem bestens bewachten Gebiet der DDR zu fahren.