Wer Margot Schneiders Aufzeichnungen liest, dem treten Tränen in die Augen: Tränen der Rührung und der Freude, denn die Geschichte handelt von den Ereignissen des 10. bis 12. November 1989, als Tausende von DDR-Bürgern in die Cranach-Stadt strömten und herzlich aufgenommen wurden.

Binnen Minuten wurden die Bediensteten des Kronacher Rathauses und der Sparkasse am Samstag früh akquiriert, damit Begrüßungsgeld ausgezahlt werden konnte. Die Beschäftigten des Einzelhandels wussten am Samstag früh bei Arbeitsbeginn noch nicht, dass sie bis weit in den Nachmittag und Abend hinein arbeiten sollten - am Sonntag natürlich auch. Jeder tat das gerne, ohne zu murren, denn es ging darum, diejenigen Menschen im freien Teil Deutschlands willkommen zu heißen und zu versorgen, die jahrzehntelang eingesperrt gewesen waren: die Bürger der DDR.

Aufgeschrieben und für die Nachwelt dokumentiert hat das Margot
Schneider, die Witwe des damaligen Kronacher Bürgermeisters Herbert Schneider. Ihre handschriftlichen Aufzeichnungen stecken voller Emotionen und schildern Einzelschicksale, die für Abertausende weiterer stehen könnten. Margot Schneider war hautnah dabei, als ihr Mann als Bürgermeister und Krisenmanager gefordert war - sie hielt ihm den Rücken frei und packte auch selbst mit an.

"Viele Kronacher haben die Besucher aus der DDR spontan zum Essen und zu sich nach Hause eingeladen. Es war so wunderbar, die Freude in den Gesichtern der Menschen zu sehen", erinnert sich Margot Schneider an die Tage vor 25 Jahren und sie lächelt. "Ein Besucher des Prinzenballs vom 11. November nahm zehn frierende Gäste zu sich mit nach Hause. Einer, der 60. Geburtstag hatte, lud sechs Passanten zur Feier ein. Beim Friedhofswärter saßen am Morgen gleich 17 Personen am Frühstückstisch", berichtet Margot Schneider über diese turbulenten Tage, an denen man nicht wusste, was in den nächsten Stunden passieren würde und an denen man dauernd vor neuen Herausforderungen stand. Vieles erfuhr man erst auf Nachfragen und sehr kurzfristig. Aber die Stadt Kronach reagierte prompt und richtig.

Die ersten Hinweise am Freitag

Es war Freitag, 10. November 1989, ein Tag nach dem Verkünden der Reisefreiheit für DDR-Bürger durch Günter Schabowski. Der damalige Zweite Bürgermeister von Kronach, Heinz Hausmann, rief am Nachmittag bei Margot Schneider an und berichtete, dass ihm Eisenbahner erzählt hätten, dass viele Hundert DDR-Bürger in Probstzella Fahrkarten in Richtung Bundesrepublik gekauft hätten. Es mussten Vorbereitungen für den erwarteten Ansturm getroffen werden.

Die Bundesbahn hatte sechs zusätzliche Waggons nach Probstzella für den Sonderzug, der am Samstagmittag in Kronach eintreffen sollte, geschickt. Bürgermeister Schneider bat das Jugendorchester Kronach, für die Gäste aus der DDR beim Eintreffen des Zugs im Bahnhof Kronach aufzuspielen, was von der Vereinsführung sofort zugesagt wurde. Das Stadtbauamt wurde beauftragt, Marktstände am Bahnhof von Kronach aufzustellen, damit die Ankommenden mit Lebkuchen und heißem Tee versorgt werden konnten.

Am Freitagabend wusste man noch nicht, ob pro DDR-Bürger 100 D-Mark Begrüßungsgeld ausgezahlt werden durften, aber man stellte sich darauf ein. Die positive Nachricht kam erst am Samstag kurz vor 8 Uhr. Da die Stadtkasse natürlich nicht so viel Bares hatte, musste die Sparkasse bemüht werden, aber deren Schalter und Tresor waren geschlossen.

Sparkassendirektor Ludwig Schoberer sorgte dafür, dass der Tresor am Wochenende aufgemacht wurde und dass seine Mitarbeiter am Samstag Begrüßungsgeld auszahlten. Die 100 D-Mark gab es auch im Rathaus an mehreren Schaltern. Das Geld, es soll sich um eine halbe Million Mark gehandelt haben, brachte der unvergessene Stadtbedienstete und Feuerwehrchef Georg Hugel zu Fuß ins Rathaus. Als die Schlangen der wartenden DDR-Bürger immer länger wurden, ließ Herbert Schneider alle verfügbaren Kräfte im Rathaus mobilisieren und zusätzliche Auszahlungsschalter öffnen.

Eigentlich hatte man die ersten Besucher aus der DDR erst gegen Mittag erwartet, doch als Bürgermeister Schneider mit Frau um 9 Uhr zum Rathaus kam, warteten dort schon 50 bis 80 DDR-Bürger. Die waren mit Trabis über die Autobahn und Rudolphstein gekommen und, weil Hof bereits hoffnungslos verstopft war, kurzerhand Richtung Kronach weitergefahren. Sie wurden genauso versorgt wie die vielen anderen, die später mit der Bahn anreisten.

Die Läden sind geöffnet

Das Begrüßungsgeld, das die DDR-Bürger erhielten, wollten diese meist gleich in Westprodukte umsetzen. Deshalb bat Herbert Schneider den Einzelhandel, der eigentlich kurz nach Mittag Schluss gehabt hätte, auch am Nachmittag zu öffnen - und auch am Sonntag. Auch da wurde alles, was eine Woche vorher schier unmöglich gewesen wäre, spontan zugesagt und eingehalten.

Zitate aus Tagebuch

"Ich ging im Rathausfoyer auf die Besucher aus der DDR zu, sprach sie an und fragte, woher sie kamen. Zunächst wirkten sie verschüchtert und mussten die vielen neuen Eindrücke erst verarbeiten", steht im Tagebuch von Margot Schneider.

Und weiter: "Einige DDR-Bürger bezweifelten, dass die BRD den Ansturm bewältigen könne, doch ich sagte: ,Es wird für so viele Dinge und Staaten Geld ausgegeben. Jetzt sind Sie für uns die Nächsten!‘ Die Leute umarmten mich und dankten für diese Worte."

Bürgermeister Herbert Schneider hieß die Menschen, die mit dem Sonderzug im Kronacher Bahnhof ankamen, willkommen: "Liebe Landsleute aus dem anderen Teil unseres Vaterlandes. Ich begrüße Sie in Kronach im Freistaat Bayern." Seine Rede wurde mehrfach von Jubel und Applaus unterbrochen.

"Am Sonntag hat der Hugels Schorsch das Rathaus bereits um 4 Uhr früh geöffnet, weil es so kalt war. Um 8 Uhr standen bereits über 500 Personen im Rathaus und Innenhof und warteten. Ich nahm ein Tablett mit Lebkuchen, ging von einem zum andern und versuchte, Kontakte zu knüpfen. Von sich aus sprachen einen die Gäste kaum an. Auffallend waren die Dankbarkeit und die Bescheidenheit. Um 12.30 Uhr läuteten die Kirchenglocken, weil der Schlagbaum am Falkenstein gefallen war. Ein Augenblick voll historischer Bedeutung", schreibt Margot Schneider.