Dem verwunderten ersten Blick dürfte bei manchem Autofahrer oder Fußgänger rasch ein prüfender zweiter gefolgt sein: Ist das ein Huhn, das da gerade in Weißenbrunn mal schneller, mal langsamer am Straßenrand entlang watschelt? Und trägt es tatsächlich eine gelbe Warnweste? Aber sicher! "Meine Hennen haben in der Verkehrserziehung halt alle gut aufgepasst", scherzt Besitzer Günter Marr.

Acht Hühner hält der 58-Jährige derzeit in seinem Garten. Zur Verfügung stehen dem Federvieh aber nicht nur ein sechs Quadratmeter großer Stall und eine Fläche zum Scharren, sondern auch die Wiesen und Äcker, die an die Straße "Am Steinbühl" grenzen. Den Weg dorthin und wieder zurück finden die Tiere im Schlaf - und laufen von sich aus brav am Straßenrand. Auch ohne Verkehrserziehung. "Zum Glück ist beim Überqueren der Straße bislang noch nie etwas passiert", sagt Marr.


Das Problem der Lieblingshenne

Zwingend nötig gewesen seien die Westen also nicht. Zumindest nicht, um nicht auf der Straße übersehen zu werden. Denn der Hauptzweck ist ein gänzlich anderer. "Das ist eine sogenannte Tretschutzweste", sagt Marr. Die könne nötig werden, wenn der Hahn einige seiner Hennen deutlich lieber mag als andere. Denn beim Tretakt - wie der Geschlechtsakt bei Vögeln bezeichnet wird - kann es der Henne im wahrsten Sinne ganz schön an die Federn gehen. "Der Hahn hält sich mit dem Schnabel am Kopf der Henne fest und stellt sich auf ihren Rücken", erklärt Marr. "Je größer der Hahn ist, desto schwieriger und problematischer wird's für die Henne." Und auf eine hatte es der Hahn dieses Jahr besonders abgesehen.

Beherzt, aber äußerst vorsichtig schnappt sich Marr das rotgefiederte Huhn, das sofort still hält, als es in seinen Armen ruht. "Hier, fühlen sie mal", fordert er unseren Reporter auf und schiebt mit seinen Fingern das deckende Federkleid beiseite. "Das sind alles abgebrochene Federn. Hier ist sogar schon die blanke Haut zu sehen. Das tut dem Tier natürlich nicht gut."


Wie unter einer Regenjacke

Dank der mit Watte gefüllten weichen Warnweste könne der Hahn aber zur Tat schreiten, ohne dass seine Krallen die Henne verletzen. Billig ist das nicht. Etwa 30 Euro kostet das ungewöhnliche Kleidungsstück.

Werden die Temperaturen wärmer, verzichtet Marr aber lieber auf die schützende Stoffschicht, da er Sorge hat, die Wärme könne sich darunter stauen. Das sei in etwa so, als würde ein Mensch im Sommer eine Regenjacke tragen. Als er daher auf den Schutz lieber verzichtete, ließ der liebestolle Hahn seine Lieblingshenne etwas ramponiert zurück.

Die Westen darf Marr nun allerdings erst mal wieder in den Schrank räumen. Den Grund, weshalb die Hennen in die wahlweise gelben oder roten Kleidungsstücke schlüpfen mussten, gibt es nämlich nicht mehr. "Wir haben uns letzten Sonntag vom Hahn getrennt. Zwar haben wir schon eine enge Bindung an unsere Hähne, aber das musste jetzt einfach sein", sagt der Weißenbrunner. "Zumal eine neue Generation Hahn ja jetzt gerade geschlüpft ist."

Mit der hellen Jahreszeit habe das morgendliche Krähkonzert des Gockels immer schon gegen 3.30 Uhr begonnen. "Und da hier in der Nachbarschaft Mietshäuser sind, ist das dann nicht so prickelnd."


Lebenslanges Bleiberecht

Gerne hätte er den Hahn einem anderen Besitzer übergeben. Da sich aber niemand für das männliche Haushuhn fand, sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als dass es vom Stall in die Tiefkühltruhe wandert.

Ein Schicksal, welches seine Hennen übrigens nie ereilen wird, betont Günter Marr. Die haben bis zu ihrem natürlichen Lebensende, das meist nach sechs bis acht Jahren erreicht ist, ein Bleiberecht im Stall. "Als Kind hatte ich auf dem Bauernhof gesehen, wie die Hühner aufgezogen werden. Das hat mich dann so fasziniert, dass ich mir später auch welche zulegen wollte", erzählt der Hobby-Geflügelhalter, der nun bald seit 40 Jahren jeden Tag Eier einsammeln darf. Derzeit seien es täglich an die sechs Stück.

Zwar war der 58-Jährige auch schon Kreiszuchtwart, Rassehühner seien seine Tiere aber nicht. Bei ihm tippeln sogenannte Hybridhühner durch den Garten: Druffler Hauben und Französische Marane. Bei beiden handelt es sich um gezüchtete Wirtschaftshühner - die für ordentlich Farbe auf dem Frühstückstisch sorgen.

Denn während die Eier der Marane schokoladenfarbig sind, holt Marr bei den "Druffler Hauben" Eier aus dem Nest, die einen Pastellton haben. Und kreuzt man die beiden Hybride, entstehen Hühner, die olivfarbene Eier legen. Das sei ganz praktisch, scherzt Marr: "Da spart man sich Ostern das Färben."