Es war sieben Uhr morgens an einem Tag im Januar. Sibylle Horn war auf dem Weg zu einem Patienten. Sie ist in der häuslichen Krankenpflege tätig. Ein ganz normaler Tag eben. Bis sie auf dem Weg vom Auto zur Hofeinfahrt auf einer Eisplatte ausrutschte. "Es ging alles so schnell, dass ich mich nicht einmal abfangen konnte", erzählt sie. Der Notarzt brachte die Krankenpflegerin, die unter Schmerzen litt, in die Helios-Frankenwaldklinik nach Kronach. Nachdem sie geröntgt wurde, war schnell klar: Sibylle Horn hatte sich beim Sturz den Außenknöchel gebrochen.

Eine Ärztin erklärte ihr dann, dass sie nicht weiter in Kronach behandelt werden darf und nach Kulmbach verlegt werden muss. "Um 11.15 Uhr wurde ich dann nach Kulmbach gebracht und kurz danach gleich operiert", erzählt sie. Eine Woche musste sie im Krankenhaus bleiben. Mit der Behandlung war sie rundum zufrieden. "Doch es war schon frustrierend, dass ich nicht in Kronach behandelt werden konnte."


Warum musste Sibylle Horn nach Kulmbach?

Mit der Zeit tauchten bei ihr einige Fragen auf: "Haben wir keine guten Chirurgen in Kronach? Kostet ein solcher Patient zu viel und bringt zu wenig Gewinn?" Unsere Redaktion hat bei der Helios-Frankenwaldklinik und bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) nachgefragt. "In unserer Helios-Frankenwaldklinik Kronach können leichte Arbeits- und Wegeunfälle ambulant behandelt werden", erklärt Stephan Zeidler, Pressesprecher der Helios-Frankenwaldklinik. Personen mit schweren Verletzungen, die während der Arbeitszeit passieren, benötigen laut Zeidler eine besondere unfallmedizinische Behandlung und müssen in speziellen Krankenhäusern vorgestellt werden. So wie Sibylle Horn.

Sie wurde nach ihrem Unfall durch den zuständigen Durchgangsarzt in der Helios-Frankenwaldklinik untersucht. Aufgrund der Schwere der Verletzungen habe dieser eine Verlegung nach Kulmbach veranlasst. Denn die Helios-Frankenwaldklinik verfügt nicht über die notwendige Zulassung für das Verletzungsarten-Verfahren der gesetzlichen Unfallversicherung.


Nicht jede Klinik darf behandeln

Laut Elke Biesel, Pressereferentin bei der DGUV, einem Spitzenverband der Berufsgenossenschaften und Unfallkassen, setzt sich die gesetzliche Unfallversicherung aus einem dreistufigen stationären Heilverfahren zusammen. "Ziel ist es, eine optimale medizinische Versorgung für die Versicherten zu gewährleisten, damit sie möglichst rasch wieder genesen und in ihren Beruf zurückkehren können", erklärt Biesel.

Stufe 1 ist das stationäre Durchgangsarzt-Verfahren. Im Fall von Sibylle Horn ist das die Erstversorgung in der Helios-Frankenwaldklinik gewesen. In der zweiten Stufe, dem Verletzungsarten-Verfahren, wurde sie in die Vertragsklinik nach Kulmbach verlegt - in ganz Deutschland gibt es 600, die dafür zugelassen sind.

Das Schwerstverletzungsarten-Verfahren ist die dritte Stufe, die bei Sibylle Horn jedoch nicht gebraucht wurde. 100 Kliniken gibt es in ganz Deutschland dafür. Je nach Art oder Schwere der Verletzung werden die Versicherten laut Biesel verschiedenen Vertrags-Kliniken zugewiesen: "Welche Kliniken am dreistufigen Heilverfahren der gesetzlichen Unfallversicherung teilnehmen können, richtet sich allein nach der Ausstattung und der Qualität der medizinischen Versorgung." Finanzielle Gründe würden keine Rolle spielen.


Bewerbung für die Zulassung

Laut Zeidler hätte Sibylle Horn aus fachlicher Sicht auch in der Helios-Frankenwaldklinik in Kronach operiert werden können, doch die Vorgaben der gesetzlichen Unfallversicherung würden das eben verbieten.

Doch wie kommt es, dass manche Kliniken schwere Arbeitsunfälle behandeln dürfen und andere nicht? Kliniken, die am Heilverfahren der Unfallversicherung teilnehmen wollen, können sich laut Biesel bewerben: "Es wird dann begutachtet, ob sie die Anforderungen, die für die einzelnen Stufen des Heilverfahrens definiert sind, erfüllen."

Früher konnten in der Helios-Frankenwaldklinik laut Stephan Zeidler auch schwere Arbeitsunfälle behandelt werden, doch das sei vor der Reform gewesen. Doch warum bewirbt sich die Klinik nicht nochmal? "Uns fehlt die hohe Fallzahl, dass wir dafür zugelassen werden", erklärt der Pressesprecher.

Das lohne sich nur für Häuser mit größerem Einzugsgebiet. "Ein Haus, das mehrere Operationen in einem Bereich hat, hat einen größeren Erfahrungsschatz als ein kleineres Haus, wo eine solche Operation nur ab und zu vorkommt", erklärt er. Ein solcher Erfahrungswert sei ein großer Teil der Qualitätssicherung, die bei der Zulassung eine entscheidende Rolle spielt.

Meinung

Routine kann schnell gefährlich werden
Kein Zweifel - es ist wichtig, dass Ärzte Erfahrung in ihrem Bereich haben. Niemand würde sich bei jemandem unters Messer legen, der das höchstens zwei oder drei Mal im Jahr macht. Aus dem aktuellen Krankenhausreport der AOK geht hervor: "Je mehr Fälle eine Klinik hat, desto geringer ist die Sterblichkeit."

Bei sieben Krankheitsbildern gibt es sogar eine gesetzliche "Mindestmenge", die erreicht werden muss, damit eine Behandlung durchgeführt werden darf. Dazu gehören Leber-, Nieren- und Stammzelltransplantationen oder Eingriffe an der Speiseröhre. Doch Erfahrung hin oder her: Ein medizinischer Eingriff - egal welcher Art - darf für Ärzte nie zur Routine werden. Denn wenn man etwas tagein und tagaus macht, erhöht sich das Risiko, dass man nicht mehr so aufmerksam ist und sich Fehler einschleichen.