Normalerweise sind die Frankenwaldflüsse harmlose Gewässer. Doch alle paar Jahre sorgen Haßlach, Kronach und Rodach für Aufregung - vor allem dann, wenn in schneereicher Winterlandschaft das Wetter plötzlich umschlägt und sich der Regen mit den Schneemassen vermischt. Eigentlich sind mittlere Hochwasser nichts Ungewöhnliches. Doch immer wieder kommt es zum "Super-Gau", die Wassermassen nehmen dann ungewohnte Ausmaße an. Und das war vor 50 Jahren am Heiligabend der Fall.

Während bei einem der üblichen Hochwasser an die 65 Kubikmeter Wasser in der Sekunde in der Haßlach gen Kronach schießen, sorgte das Ereignis 1967 mit 85 Kubikmetern für einen Rekord. Entsprechend groß war die Schreckensbilanz. Die Orte vor Kronach, die Kreisstadt und der südliche Raum glichen einer Wasserwüste. Doch auch andere Orte wie Wallenfels, Steinberg oder Pressig waren von der Katastrophe schlimm getroffen. Die Täler des Frankenwaldes verwandelten sich in Seenlandschaften. Und das hatte Folgen - schlimme Folgen.


Kein Weihnachten im Lichterglanz

Für viele Menschen gab es 1967 kein Weihnachten im Lichterglanz und in der Geborgenheit. Am Heiligenabend kamen Not, Elend und Schrecken über die Familien; der 24. Dezember ging als Katastrophentag in die Geschichte des Frankenwaldes ein. Die Wassermassen richteten schlimme Verwüstungen an. Auch zwei Todesopfer waren zu beklagen: Ein fünfjähriger Junge stürzte in Kronach in die reißenden Fluten und konnte nicht mehr gerettet werden. Und in Schmölz kam ein 61-jähriger Mann beim Sturz in einen überfluteten Straßengraben ums Leben.

Sehr zu leiden hatten an der Rodach auch die Gemeinden Höfles und Vogtendorf. In Höfles stand der gesamte Dorfplatz unter Wasser, das bis zum Schulhaus vorgedrungen war. Vogtendorf konnte man nur über Seibelsdorf und Fischbach erreichen. Vor allem die Sägewerke und Schneidmühlen an den Flussläufen erlitten immense Schäden, denn Bretter, Balken und Langholz wurden mitgerissen. Viele allein stehende Anwesen waren von der Außenwelt komplett abgeschnitten.


Keller liefen voll

Dober, Kremnitz und Grümpel liefen über - und bei Gifting bildeten sich regelrechte Seen. Am Zusammenfluss unterhalb von Wilhelmsthal führte die Kronach reißendes Wasser, das in Steinberg und Friesen in viele Keller und Wohnräume eindrang. Ebenso kannten Steinach und Föritz im Raum Schwärzdorf, Mitwitz, Neundorf und Beikheim keine Grenzen mehr. Und in Neuses, Küps, Ober- und Unterlangenstadt waren zahlreiche Wohngebäude eingeschlossen. Der Schlosspark war ein einziger Wassergraben.

Der Bundesgrenzschutz aus Coburg musste mit Motorschlauchbooten Mensch und Tier aus den eingeschlossenen Anwesen retten. Auch für die Feuerwehren und Rettungsdienste war Großalarm angesagt. Doch gegen diese geballte Kraft der Natur hatte man zunächst nicht den Hauch einer Chance.

Bereits in den Oberläufen der Flüsse und Bäche trat das Wasser über die Ufer. Bei Dürrenwaid und anderen Stellen der Bahnlinie Nordhalben - Kronach unterspülten die Fluten den Bahndamm. Der Zugverkehr wurde unterbrochen, die Linien jedoch durch Busse aufrechterhalten. Bedrohlich war vor allem auch die Situation bei Erlabrück. Dort sorgten die Zusammenflüsse von Rodach und Wilder Rodach für ein Chaos. Unter anderem rutschte ein Berghang ab.

Hart traf es aber vor allem die Kronacher Bevölkerung. Unheilvoll klangen schon die Meldungen von den Oberläufen der Haßlach und der Kronach, die am Vorabend beim Straßen- und Wasserbauamt ständig eingegangen waren und die bereits in der Nacht zum Heiligenabend ernste Hochwassergefahr erkennen ließen.

Bürgermeister Konrad Popp wurde gegen 23 Uhr bei der Weihnachtsfeier des FC Kronach im Schützenhaus von der Landpolizei benachrichtigt, dass Hochwasser für Kronach zu erwarten sei. Bereits gegen 23.30 Uhr war der Keller des Arbeitsamtes überschwemmt. Und dann ging es Schlag auf Schlag.


Trostloses Bild

Ein gefährliches Ausmaß erreichte die Flut gegen 5 Uhr am Sonntag, so dass die Polizei schließlich um 5.45 Uhr Katastrophenalarm mittels Sirene auslöste. Die Haßlach, die Kronach und die Rodach traten dann am Heiligenabend in einem vorher nie gekannten Ausmaß über die Ufer und setzten ganze Stadtteile unter Wasser. Selbst die katastrophalen Hochwasser von 1890 und 1920 wurden 1967 übertroffen. Trostlos war das Bild im Bahnhofsviertel, insbesondere in der Rosenau, wo das Wasser in die dortigen Geschäfte eindrang und enorme Schäden anrichtete. Schwer betroffen waren vor allem das Möbelhaus Hess und die Drogerie Dölling.

Die Hochwassermassen der Kronach setzten auch den Ziegelwinkel auf weite Strecken unter Wasser und ergossen sich als breiter Strom über die Staatsstraße 2200 wieder in das Kronachbett. Große Schäden verursachte das Wasser in verschiedenen Betrieben des Ziegelwinkels.


Weka unter Wasser

Ein ähnlich schauriges Bild bot sich an der Spitalbrücke. Baumstämme, Bretterbündel und Holz verklemmten sich zum Teil an der Brücke und stauten so die Wassermassen noch höher an, die nach links und rechts auswichen und insbesondere das Spitalviertel unter Wasser setzten. Die Feuerwehr bemühte sich, das Weka-Kaufhaus zu schützen, in das ebenfalls Wasser eingedrungen war.
Trostlos sah es in der Kronacher Siedlung aus. Die Wassermassen der Rodach hatten nicht nur den Tennisplatz restlos überflutet, sondern ergossen sich als breiter Strom über die Bundesstraße in die tiefer liegenden Häuser der Siedlung und setzten dort fast alle Keller unter Wasser. Die Kronacher Feuerwehr stand in allen bedrohten Stadtteilen ebenso in pausenlosem Einsatz wie die städtischen Arbeiter, die an allen Brennpunkten hervorragende Arbeit leisteten.

Landrat Edgar Emmert, Bürgermeister Konrad Popp und die Bürgermeister der Gemeinden waren entsetzt über den Schaden an Mensch, Tier und Inventar. Bereits am zweiten Weihnachtsfeiertag besuchte Regierungspräsident Fritz Stahler den Landkreis und informierte sich vor Ort über die Katastrophe. Auch die Landtagsabgeordneten Baptist Hempfling und Louis Welsch sowie MdB Karl Hofmann versprachen, sich für rasche Hilfen einzusetzen.

Auch heute noch erinnern sich die Zeitzeugen von damals mit gemischten Gefühlen an die Katastrophenweihnacht von 1967. Obwohl in den nachfolgenden Jahrzehnten Abermillionen in den Hochwasserschutz investiert wurden, lässt sich eine Wiederholung dieser Schreckenstage nie ganz ausschließen.