Seine Hände tasten eifrig durch ein kleines Kästchen voller historischer Schätze. Alte Bücher und Fotos wandern durch seine Finger. Dann wird er fündig. Robert M. Müller-Mateen zeigt Bilder von der Burg Lauenstein in die Runde, die aus einer Epoche stammen, als das Wahrzeichen der Rennsteigregion noch nicht von Wald umschlossen war.

Die ganze Zeit über wahrt er den Blickkontakt zu seinem kleinen Publikum, das ihm an den Lippen hängt, als er die Geschichte mit großem Elan und viel Liebe zum Detail zum Leben erweckt. Begeistert hört ihm sein Künstlerfreund Ingo Cesaro zu, als er bei einem Pressegespräch in Cesaros Haus in Kronach den Inhalt eines besonderen Vortrags vorstellt.


Drei Treffen auf Burg Lauenstein

Diesen wird Müller-Mateen - er stammt aus Haßlach bei Teuschnitz - am kommenden Montag, 17.
Februar, um 19 Uhr in der ehemaligen Synagoge in Kronach halten. In den Mittelpunkt rückt er dabei drei Treffen auf der Burg Lauenstein in den Jahren 1917 und 1918, die Geschichte geschrieben haben. Eine Geschichte, die allerdings die wenigsten kennen.

Thomas Luger, Präsident des ausrichtenden Kiwanis-Clubs Kronach-Frankenwald und Geschäftsführer der Confiserie Burg Lauenstein, freut sich, mit diesem Vortrag der breiten Bevölkerung ein kaum bekanntes Kapitel der Lauensteiner Geschichte näher bringen zu können. "Es ist ein Krimi - im positivsten Sinn", verspricht er einen spannenden Geschichtsvortrag. Und Cesaro lehnt sich noch weiter aus dem Fenster: "Auch die Bevölkerung hier wird keine fünf Prozent von dem wissen, was Robert M. Müller-Mateen uns zu berichten hat."

Bei der Lektüre von Max Webers Schriften ist Müller-Mateen auf die so genannten Kulturtagungen in dem Frankenwald-Ort gekommen. "In seiner Biografie hat Lauenstein eine große Rolle gespielt", erinnert der Autor, Künstler und Lehrer Müller-Mateen an den großen deutschen Soziologen. Die Treffen auf der Burg Lauenstein stellten den Einschnitt dar, an dem der deutsch-national geprägte Wissenschaftler Weber sich der Republik zugewendet habe. "Und 1917 auf der Burg Lauenstein war sein erster großer, öffentlicher Auftritt."

Die Weimarer Republik im Kleinen

Wenn Müller-Mateen an diese Treffen denkt, gehen ihm viele Namen, die in der Politik und Wissenschaft der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Rolle gespielt haben, durch den Kopf: Ernst Toller, Edgar Jaffé, Karl Bröger, Theodor Heuss, Ernst Krieck. Von Links bis Rechts, von republikanisch bis erzkonservativ - das gesamte politische Spektrum wurde von der Anwesenheitsliste in Lauenstein abgedeckt.

"Es war ein sehr gemischtes Publikum", schildert Müller-Mateen die Situation bei den ersten beiden Zusammenkünften im Mai beziehungsweise September/Oktober des Jahres 1917. Pfingsten 1918 habe das Treffen dann ein anderes Gesicht bekommen, weil viele Teilnehmer der ersten Gespräche nicht mehr dabei gewesen seien.
Im Kern des Vortrags werden jedoch die beiden Treffen des Jahres 1917 stehen - eines Jahres, das für Müller-Mateen "das Epochenjahr des 20. Jahrhunderts" ist. Damals hatte Eugen Diederichs circa 60 beziehungsweise 80 Gäste auf die Burg Lauenstein zu vertraulichen Gesprächen eingeladen. "Das war ein Treffen der wissenschaftlichen und politischen Elite", betont der Haßlacher. Gemeinsam sollten sich die Gäste Gedanken machen, wie es nach dem Ersten Weltkrieg mit Deutschland weitergehen kann. "Es war wie ein Brainstorming - politisch breit angelegt", sagt der Referent.

Doch der Verlauf der Treffen spiegelte das wider, was in der Weimarer Republik wenige Jahre später folgen sollte - eine breit gefächerte politische Landschaft und den Versuch eines Neuaufbaus, der in einem Chaos mündet. Genau das ist im kleinen Rahmen auf der Burg Lauenstein geschehen. "Die Konflikte der Weimarer Republik wurden dort schon ausgetragen. Es ist schade, dass sich die Teilnehmer nach zwei Tagungen zerstritten hatten", resümiert Müller-Mateen das traurige Resultat der Diskussionen.

Was allerdings geblieben ist: "Die Burg Lauenstein wurde durch Diederichs als Tagungshotel entdeckt." In den folgenden Jahren seien immer wieder Treffen der verschiedensten politischen Strömungen, aber auch künstlerischer Natur dort abgehalten worden. Zum Teil bezeichneten sich die Gäste später sogar als "die Lauensteiner".
Und auch diesen Themenkomplex hat der Lehrer und Wissenschaftler im Visier. Die Recherche über die Zeit von 1919 bis 1929 gestalte sich aber schwieriger, erklärt er, weil die Unterlagen hierzu weit gestreut seien. Zu den 1917/1918er-Tagungen sei hingegen viel Material in einer Handvoll Archiven gesammelt worden. Und die "Schätze", die er dabei gefunden hat, wird Müller-Mateen am Montag in Kronach aus seinem Kästchen holen.

Robert M. Müller-Mateen stammt aus Haßlach bei Teuschnitz. Nach seinem Abitur in Bamberg besuchte er die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und studierte Germanistik, Geschichte, Soziologie und Theaterwissenschaft. Seit dem Jahr 1977 ist er im Schuldienst tätig.