Mehr Glück geht nicht. Noch immer klingt Werner Simon leicht überrascht, wenn er sich die Situation abermals vor Augen ruft. "Wir hatten bereits 760 Kilometer hinter uns gebracht, als an meinem Rad das Tretlager brach", erzählt der 63-Jährige. "In der Wüste!" Doch statt bei Temperaturen von deutlich über 40 Grad das Mountainbike 20 oder gar 30 Kilometer bis zum nächsten Ort schieben zu müssen, war das Ende des Tagesabschnitts fast erreicht. "Und dann gab es dort auch noch ein Fahrradgeschäft, das ein passendes Ersatzteil auf Lager hatte", sagt der Kronacher. "Das hätte nicht besser laufen können." Denn Fahrradläden in der spanischen Provinz seien nicht mit jenen in Deutschland zu vergleichen - weshalb zu den insgesamt 21 Kilogramm Gepäck auch diverse Ersatzteile gehörten. Flickzeug, Bremsbeläge, Schläuche. Nur kein Tretlager: "Da hatten wir wirklich unfassbares Glück."


Eine ruhige Landschaft

Zusammen mit seiner Frau Christine (60) machte sich der technische Leiter der Frankenwaldklinik im Mai des vergangenen Jahres auf, um von Sevilla aus das Ziel der Jakobswege in Santiago de Compostela zu erreichen. Die Strecke von Nürnberg nach Malaga wurde noch mit Hilfe eines Flugzeugs bewältigt, die anschließenden 1033 Kilometer in 17 Tagen hingegen ausschließlich unmotorisiert auf zwei Rädern. "Weltweit gibt es keine vergleichbare Strecke. Nirgendwo geht es so lange durch schöne Natur, dann aber auch entlang von kulturellen Stätten", erklärt Simon, weshalb er seine Ferien lieber täglich 50 bis 60 Kilometer auf dem Sattel als am Pool eines Hotels verbringt. "Eine Radtour ist eine hervorragende Art, Land und Leute kennenzulernen."

Gelegt wurde die etwas andere Reise-Leidenschaft 1999, als sich das Ehepaar Simon in Kronach erstmals für eine längere Zeit aufs Rad schwang. "Damals steckte das Internet noch in den Kinderschuhen, da konnten die Unterkünfte nicht mal eben online gebucht werden", erinnert sich Werner Simon.

Jedes Jahr stand eine weitere Etappe auf dem Programm, ehe 2005 die finale von Santiago de Compostela nach Kap Finisterre an der Westküste von Galicien im Nordwesten Spaniens auf dem Programm stand. "Bei der ersten Etappe hatten wir unsere Leidenschaft entdeckt und wollten dann immer mehr von Europa sehen. Dresden, Rom, Prag oder Verona lauteten unter anderem die Stationen. Doch die ruhige Landschaft Spaniens hat es den Simons besonders angetan. "Gerade auf der Via de la Plata kann es passieren, dass man tagelang keinem Menschen begegnet", sagt Simon.


Trainingslager vor der Haustür

Die historische Straßenverbindung zwischen Sevilla und Astorga verläuft als eine der Jakobswege 767 Kilometer in Nord-Südrichtung durch die Regionen Andalusien, Extremadura, Kastilien und Leòn bis nach Astorga und bildete den ersten Teil der Strecke. Der darauf folgende letzte Abschnitt bis ins heiß ersehnte Ziel aller Pilger, war hingegen das komplette Gegenteil. "Das war fast ein Kulturschock", meint Simon.

Denn während das Ehepaar zuvor die Straße nahezu für sich allein hatte, wimmelte es auf dem letzten Teilstück nur so von Pilgern - was zum Teil zu lustigen Dialogen führte. "Die erzählten von ihrer anstrengenden Wanderung und hinter ihnen fuhr ein Bus, der alle einsammelte, die es kräftemäßig nicht durchhielten", erinnert sich der 62-Jährige und muss schmunzeln. "Da hat man sich dann seinen Teil gedacht."

Einen Plan B hatte das sportliche Ehepaar dennoch: Ein Zelt. "Das haben wir aber nur einmal nutzen müssen", sagt Simon. Um jede Nacht auch ein Dach über dem Kopf zu haben, nahmen beide noch einmal längere Strecken in Kauf. "Für mich ist das in Ordnung, aber für meine Frau sind 70 Kilometer über Feldwege schon etwas härter."
Zwar verbesserte sich die Form der Beiden mit jedem überstandenem Tag, gut trainiert waren sie aber schon vor der ersten Pedalumdrehung. Mindestens einmal pro Woche werden die Mountainbikes für Strecken über 50 Kilometer oder mehr aus der Garage geholt. "Der Frankenwald stählt da schon", sagt Simon und lacht.

Dort sollen auch die Grundlagen für die kommende Reise gelegt werden - die heuer an die Grenze zwischen Polen und Tschechien entlang des Riesengebirges führen wird. "Sofern das Wetter mitspielt", schränkt Simon ein. "Ansonsten wollen wir von Bari nach Sizilien runter fahren."

Die Via de la Plata stand neben 2015 schon einmal 2013 an, doch dieser Abschnitt der Jakobswege soll auch ein drittes Mal angegangen werden. Er führt hauptsächlich auf Schotterwegen durch wenig besiedelte Gegenden über mehrere Gebirgszüge und Klimazonen, ist aber mit gelben Pfeilen und Steinquadern gut markiert. "Die haben sich da sehr große Mühe gegeben, aber oft genutzt wird die Strecke nicht", sagt Simon. Das soll sich ändern. Er hofft, dass sich auch aus dem Landkreis noch mehr Radbegeisterte auf den Weg machen.