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Franken
Kommentar

Anwohnerbeschwerden und unsinnige Verbote: Soll die fränkische Kultur etwa aussterben?

Immer mehr Feste, Clubs und Kneipen sterben. Doch daran ist nicht (nur) Corona schuld. Es sind vor allem die Anwohner, die der Innenstadt das Leben austreiben wollen. Das darf die Stadt nicht akzeptieren. Ein Kommentar von Dunja Neupert.
 
Die Untere Brücke in Bamberg ist ein beliebter Treffpunkt für junge Leute in Bamberg. Doch immer wieder gibt es dort ein Lautstärke-Problem. FW-Jungstadträtin Ursula Redler hat nun eine "Silent-Disco" an der Unteren Brücke vorgeschlagen. Foto: Ronald Rinklef
Die Untere Brücke in Bamberg ist ein beliebter Treffpunkt für junge Leute in Bamberg. Doch immer wieder gibt es dort ein Lautstärke-Problem. Archivfoto: Ronald Rinklef

Menschenscharen tummeln sich vor dem Schlenkerla oder auf der Unteren Brücke in Bamberg. Stehen gemütlich beisammen und gönnen sich ein Bier oder ein Glas Wein. Unterhalten sich. Manchmal sicherlich auch zu laut. Manchmal auch mit einem Bier zu viel. Aber: Ein Stehbier vorm Schlenkerla oder auf der Unteren Brücke gehört einfach zu Bamberg dazu. 

Touris und Einheimische frönen einem kühlen Stehbier gleichermaßen. Es macht die Stadt lebendig - das gemütliche Beisammensein. Es ist nicht nur das Welterbe Klein Venedig, das jedes Jahr Tausende Touristen aus aller Welt in die schöne Bamberger Altstadt strömen lässt. Es ist ganz sicher auch der Fakt, dass hier was los ist. Man nicht, wie in vielen anderen Kleinstädten, das Gefühl hat, dass nach 18 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt werden. An lauen Frühlings- und Sommerabenden verweilen die Leute nicht nur auf den zahlreichen Bierkellern - nein, auch das Brückenbier sowie das Stehbier, was traditionell vor dem Schlenkerla in der Sandstraße zu sich genommen wird, sind seit Jahren fester Bestandteil der Bamberger Kultur.

Allgemeinverfügung erlassen: Kein Stehbier mehr nach acht

Und nun soll damit also Schluss sein? Weil sich einige Menschen nicht an Regeln halten können? Und Anwohner der - auch über Bamberg hinaus bekannten -Sandstraße offenbar wollen, dass die fränkische Bierkultur ausstirbt? Unbegreiflich! Am Donnerstag (2. Juli 2020) ergriffen Bambergers Bürgermeister eine ungewöhnliche Maßnahme: An Wochenenden und vor Feiertagen gilt ab sofort ein Verbot des Straßenverkaufs von alkoholischen Getränken. Dabei hatten sich viele Gastronomen mit ihrem Straßenverkauf ein lukratives Standbein aufgebaut. Sowieso schon gebeutelt von der Corona-bedingten, wochenlangen Schließung ihrer Lokale, konnten sie sich so zum Teil aus der finanziellen Krise retten. 

Spätestens seit der Lockerung der Kontaktbeschränkungen konnte man im Sandgebiet Zustände wie bei der traditionellen Sandkerwa beobachten. Dicht an dicht standen Hunderte Menschen auf einem Fleck. Dabei ist dichtes Gedränge freilich nicht gerade förderlich angesichts der aktuellen Situation. Abstands- und Hygienemaßnahmen lassen sich so nicht einhalten. Doch braucht es wirklich ein Außer-Haus-Verkaufs-Verbot? Müssen jetzt wieder die Wirte unter den Beschränkungen leiden und ihren Verkauf einstellen? 

Es muss eine andere Lösung her! 

Anzeigen wegen Ruhestörung als neues Hobby?

Corona-Beschränkungen und Abstandsregeln sind jedoch nicht die einzige Gefahr für das kulturelle Leben. Dass sich in der jüngsten Vergangenheit Beschwerden von Anwohnern häufen, ist dramatisch. Bambergs Oberbürgermeister spricht im Zusammenhang mit der neuen Allgemeinverfügung davon, dass es erhebliche Ruhestörungen an den Hot-Spots der Innenstadt gebe.

Freilich wäre es schön, wenn die Nachtschwärmer zum Teil leiser wären, wenn sie durch die Straßen ziehen. Doch von Ruhestörung kann man nur sprechen, wenn entsprechende Beschwerden vorliegen. Und das geschieht offenbar immer häufiger. Bewohner des Sandgebiets fühlen sich also zunehmend gestört? Hatten sie sich etwa an die "Zwangs-Ruhe" des Corona-Lockdowns gewöhnt und wollen jetzt, dass es dauerhaft verboten bleibt, auszugehen? Es ist absurd.

Da stellt man sich zwangsläufig die Frage, warum Menschen mitten in die Stadt ziehen. Dorthin, wo was los ist. Nur um sich dann bei jeder Gelegenheit zu beschweren und die Polizei zu rufen? Liegt darin ein gewisser Reiz? Es ist unverständlich und sonderbar zugleich. Da will man am Puls der Zeit sein, sucht sich ein Zuhause im Kneipenviertel oder am Maxplatz, will die Vorzüge genießen, mittendrin und schnell überall zu sein, aber wenn andere Menschen die Innenstadt für sich nutzen, kann man das nicht ertragen, oder wie?

Feste werden von Anwohnern zerstört

In den vergangenen Jahren wurden in Bamberg allerlei Feste zerstört. Kulturveranstaltungen, wie viele Menschen sie lieben. Anwohner rund um den Maxplatz wollten beispielsweise nicht länger zulassen, dass Leute aus Nah und Fern in die Bamberger Innenstadt kommen, um beim "Blues und Jazz Festival" zu feiern. Künstlern wurde so schon vor 22 Uhr der Stecker gezogen. Der Ausschank musste vorzeitig beendet werden. Ein Armutszeugnis für Bamberg. 

Genauso wie dieses Beispiel: Anwohner am Alten Kanal haben dafür gesorgt, dass das Traditionsfest "Canalissimo" nicht mehr stattfinden darf. Weil sie es nicht ausgehalten haben, dass an vier Tagen Menschen fröhlich zusammenkamen. Traurig! "Canalissimo" war eine Bereicherung für Bamberg. Doch die Auflagen, die es seit der Beschwerden gab, waren am Ende zu viel für die Veranstalter. 

Immer mehr Kneipen, Clubs und Feste sterben. Weil Anwohner anderen Menschen die Freude an Kultur wegnehmen wollen. In Bayreuth gab in dieser Woche der Betreiber eines Szene-Clubs bekannt, dass er seine Location schließen müsse. Zum einen hat sicherlich die Corona-Krise ihren Teil dazu beigetragen, zum anderen gibt es auch hier ein Problem mit den Anwohnern. Der Betreiber des "Lamperium" spricht in einem emotionalen Post auf Facebook davon, dass immer mehr Menschen in die Innenstädte ziehen - diesen aber durch ihre Beschwerden bei Polizei oder Ordnungsamt die "Lebendigkeit austreiben" wollen. Schade!

Erst denken, dann Wohnung suchen

Das dürfen die Städte nicht akzeptieren. Die Kneipen, Clubs und Veranstalter bieten den Städten einen erheblichen Mehrwert. Sie bescheren ihnen Arbeitsplätze, Geld und Lebendigkeit. Dementsprechend sollten die Städte die Branche unterstützen, Kultur nicht aussterben lassen und mit unsinnigen Verboten bestrafen.

Wenn ich weiß, dass ich lärmempfindlich bin, dann ziehe ich doch nicht in eine Kneipenstraße - oder an einen Flughafen oder neben die Autobahn. Dann muss ich mir wohl oder übel einen Wohnort suchen, der abseits des blühenden Lebens ist. Und muss schließlich auch damit leben können, die Vorzüge der Innenstadt nicht für mich beanspruchen zu können. Jedenfalls dann nicht, wenn ich es nicht ertragen kann, wenn andere Menschen Spaß am Leben haben.