Ein Spieler schlägt auf offener Szene einen Schiedsrichter nieder. Die Recherchen des Sportgerichts ergeben später: Der Schläger betreibt ein Boxstudio. Das könnte ihm nun zum Verhängnis werden.
Es ist ein Kriminalstück, wie es in seiner Dramaturgie, seinen ganzen Verwerfungen und Wendungen auch hartgesottene Sportrichter eher selten erleben. Eine Geschichte, die sicher nicht den normalen Wahnsinn, wohl aber die wilden Auswüchse einer Gesellschaft spiegelt, die sich mehr und mehr enthemmt. Die Bühne ist der Sportplatz des württembergischen Fußballklubs SV Edelfingen. Am 8. September treffen dort die Reservemannschaften Edelfingens und der DJK SG Oberkessach aufeinander.
Folgt man dem Drehbuch, ist es eine Partie von frappierender Belanglosigkeit: unterste Klasse, kaum Publikum, sportlich bedeutungslos. 83 Minuten plätschert die Handlung dahin, dann kommt es zum Exzess – ohne Vorwarnung, wie es später im Gerichtsprotokoll heißen wird. Der Schiedsrichter wird niedergeschlagen, ist kurzzeitig benommen – und bricht das Spiel ab. Der Täter, 45 Jahre alt, ist Spieler des SV Edelfingen und Vater eines Sohns, der ebenfalls mit auf dem Platz steht. Die Recherchen des Gerichts ergeben später: Der Schläger betreibt ein Boxstudio.
Was treibt einen Spieler, derart die Beherrschung zu verlieren? In diesem Fall ist es vermutlich die Nichtigkeit einer Gelben Karte, die der Unparteiische (38) gegen den Sohn verhängt. Der Vater beginnt zu meckern, sieht ebenfalls die Gelbe Karte und – als er sich nicht beruhigen mag – Gelb-Rot. Schlagartig kulminieren die Ereignisse auf dem Feld. Der Vater, rasend vor Wut, ballt die Faust und versetzt dem Schiedsrichter – so beschreiben es die Zeugen vor dem Sportgericht – einen „sehr massiven Schlag“ an den Kopf. Der Getroffene taumelt, Augenblicke später bricht er das Spiel ab.
Noch am Abend lässt er sich vom Arzt untersuchen. Seinen Peiniger zeigt er bei der Polizei an. Dem Sohn des mutmaßlichen Schlägers werden vom Sportgericht ebenfalls Verfehlungen nachgewiesen. Einen Oberkessacher Spieler, der dem Schiedsrichter zu Hilfe kommen wollte, soll er zu Boden gerissen haben. „Danach drohte er ihm noch und bespuckte ihn“, so das Gerichtsprotokoll.
Das Sportgericht Hohenlohe rollt den Fall auf, in all seinen widerwärtigen Details und belastenden Einzelheiten. Vater und Sohn waren erst im Juni zum SV Edelfingen gekommen. Der Verein hat sie nach der Auseinandersetzung umgehend rausgeschmissen, ist peinlich betroffen – er distanziert sich, entschuldigt sich, auch in der Öffentlichkeit, über die örtlichen Medien. Das Sportgericht spricht den Klub von jeder Schuld frei – eine solche Entgleisung habe man nicht ahnen können. Um so härter fallen die Urteile gegen die beiden Provokateure aus: Der 45-Jährige wird als Spieler bis 13. Januar 2015 gesperrt, aber der Kammer reicht das nicht. Sie will Entschlossenheit demonstrieren und ein Signal der Abschreckung senden. Sie stellt die besondere Schwere des Vergehens fest.
Was in der ordentlichen Gerichtsbarkeit bedeutet, dass ein Täter nicht automatisch nach Ablauf seiner Strafe freikommt, heißt auf die sportjuristische Ebene übertragen: Es ist nicht sicher, ob der aus der Rolle gefallene Spieler je wieder einen Fuß auf einen württembergischen Sportplatz setzen darf. Das Gericht hat den Antrag gestellt, ihn aus dem Verband auszuschließen. Lebenslänglich. Jetzt ist das Verbandssportgericht am Zug. Es kann dem Antrag stattgeben oder ihn mildern – falls es in diesem Fall irgendwo auf mildernde Umstände erkennt.