Manch einer munkelt, ihr Name sei Programm. Doris Jäger lächelt in sich hinein, wenn sie das hört. Sie zuckt mit den Schultern, als wollte sie sagen: Was ist an einer Jägerin schon Schlimmes? Insbesondere, wenn ihre Waffe nur aus zartem Papier besteht...
In ihrem Büro steht eine Kaffeetasse mit Bärenmotiv neben dem PC, Herzen aus Holz schmücken die Wand und vom Fensterbrett aus schaut eine Engelsfigur freundlich in den Raum. Sieht so das Domizil einer Amazone aus?

"Ohne uns gäbe es Chaos"

Die 52-jährige Politesse tauscht die feinen Schühchen gegen bequeme Treter mit dicker Sohle, zieht die dunkelblaue Daunenjacke mit dem Emblem "Stadt Kitzingen - Verkehrsüberwachung" an und greift nach dem Regenschirm. Draußen ist es ungemütlich nass, den ganzen Tag schon.
Aber das tut für die Kitzinger Verkehrsüberwacherin und ihre beiden Kolleginnen nichts zur Sache: "Egal, wie das Wetter ist: Wir kontrollieren täglich!"
Und schon eilt sie die Kaiserstraße entlang. Mit einem kurzen Seitenblick erfasst sie, ob die erforderlichen Parkscheine auf dem Armaturenbrett der parkenden Autos liegen, ob die Parkzeit abgelaufen oder die in der Innenstadt gültige Höchstparkdauer überschritten ist. "Nit scho' widder aufschreib'!", ruft ein Mann im Vorbeigehen und reckt seinen Schirm in die Luft. Doris Jäger hört solche Sätze ständig, sie prallen an ihr ab. "Das ist doch mein Job." Nach wenigen Minuten schon hat sie mehrere Kennzeichen auf ihrem Block notiert. Zwei Wagen haben überhaupt keinen Parkschein, im dritten liegt zwar einer, aber leider mit der Unterseite nach oben, so dass man ihn nicht lesen kann. "Ich warte jetzt ein paar Minuten. Wenn die Fahrer nicht kommen, stelle ich eine Verwarnung aus."

Ein paar Schritte weiter fällt Jäger ein Auto auf, hinter dessen Windschutzscheibe ein Parkgutschein des Stadtmarketing-Vereins liegt - ausgefüllt mit Bleistift und auf derart verwischtem Untergrund, dass klar ist: Hier verwendet jemand denselben Schein immer wieder. Doris Jäger schüttelt den Kopf und heftet ohne Zögern ein Knöllchen an die Scheibe. Sie seufzt: "Ist schon interessant: Seit es die Parkgutscheine gut, haben viele nur noch Bleistifte im Auto..." Dabei steht auf jedem Gutschein, dass er nur gilt, wenn er mit Kuli ausgefüllt ist.

Wie ist denn das passiert?

Aus dem nahen Friseurgeschäft stürmt eine Dame. Schnurstracks nimmt sie Kurs auf den Wagen mit dem umgedrehten Parkschein. "Ach je!" Die Würzburgerin schließt ihr Auto auf und dreht das Ticket um. Es ist gültig. "Muss hochgeflogen sein, als ich die Tür zugeworfen habe." Jäger nickt. "Kann passieren. Da muss man aufpassen." Die Dame gibt ihr Recht - und freut sich, dass sie ohne Bußgeld davonkommt.
Apropos Freude: Immer wieder bringen Bürger eine "Brötchentaste" ins Gespräch, die zum Beispiel eine Viertelstunde kostenloses Parken ermöglichen würde. Doris Jäger sieht diese Idee kritisch: "Fakt ist: Die Leute schaffen mit allen Tricks. Gäbe es die Taste, hätten viele keine Skrupel, sie mehrmals hintereinander zu bedienen."

Dabei ist die Verkehrsüberwachung - naturgemäß - ohnehin defizitär. Die Personalkosten übersteigen den Ertrag bei Weitem. Doch ohne Politessen - da ist Doris Jäger sicher - ginge es in Kitzingen nicht. "Dann wäre das Chaos perfekt."
Das sieht auch Georg Schwarz so, der städtische Sachgebietsleiter. "Alle Arbeitnehmer würden in der Stadt parken. Und wer zum Beispiel einkaufen möchte, fände keinen Parkplatz."

"Unmenschen sind wir nicht"

Draußen auf der Kaiserstraße läuft ein Mann an Doris Jäger vorbei und ruft: "War nur kurz im Rathaus!" Er hechtet in seinen parkscheinlosen Wagen - und düst davon. Jäger, Mutter einer erwachsenen Tochter, bleibt gelassen: "'Nur mal kurz' - das sind die Worte, die wir am häufigsten hören!"
Der Humor ist ihr nicht abhanden gekommen. "Unmenschen sind wir nicht - auch wenn viele das denken", sagt sie und ihre blauen Augen blitzen fröhlich. Etwas länger als die vorgeschriebenen drei Minuten "warten wir immer, bevor wir jemanden verwarnen, der unberechtigt parkt". Allerdings warnt Jäger auch: "Dass wir zehn Minuten warten müssen, ist nur ein Gerücht."
Doris Jäger mag ihren Beruf und den Wechsel aus Innen- und Außendienst sehr. "Ich wollte schon als Jugendliche Politesse werden." Doch damals sagte man ihr, sie sei für diese Aufgabe noch zu jung. "Im Nachhinein muss ich zugeben: Das stimmte auch. Man braucht schon eine gewisse Lebenserfahrung und Menschenkenntnis." Nachdem sie Letztere als Sekretärin und Bankangestellte gesammelt hatte, erfüllte sie sich vor 17 Jahren dann doch ihren Traum. "Und ich hab´s nie bereut, dass ich bei der Bank gekündigt habe." Oft ergeben sich "auf Streife" richtig nette Gespräche.

Sauer wird sie nur, wenn Unbelehrbare immer wieder auf Behindertenparkplätzen oder in Feuerwehrzufahrten parken. Dann wird sie doch mal zur Amazone - und ihr Name Programm: "Egal, wie kurz jemand in der Feuerwehr-Anfahrtszone oder unberechtigt auf dem Behindertenparkplatz steht: Das gibt eine Verwarnung. Weil das unfair ist. Oder gefährlich."