Ist es eine große Chance oder eine große Last? Die ehemalige Wohnsiedlung Marshall-Heights am nordwestlichen Stadteingang Kitzingens brachte die Gemüter im Stadtrat am Donnerstagabend wieder einmal in Aufruhr.
Wie kaum eine andere Stadt in Bayern kämpft Kitzingen mit den Folgen des US-Army-Abzugs, der nun knapp sieben Jahre zurückliegt. Während es für alle anderen Areale inzwischen zumindest konkrete Vorstellungen der künftigen Nutzung gibt, sind die 32 Hektar großen Marshall-Heights mit ihren rund 720 Wohneinheiten, Sportstätten, einer Schule, einem Kindergarten sowie besonderen Einrichtungen, etwa einer Bowling-Bahn, noch in dichten Nebel eingehüllt.

Die derzeitge Eigentümerin des Areals, die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA), hat der Stadt Kitzingen jüngst ein "Erstzugriffsrecht" für die einstige US-Siedlung eingeräumt. Falls die Stadt bis 21.
Mai diesbezüglich Interesse anmeldet, wird die BImA das Areal nicht europaweit ausschreiben. Die Crux: Was das Gelände kosten soll - oder auch eine Teilfläche beziehungsweise einzelne Einrichtungen -, ist völlig unklar. Oberbürgermeister Siegfried Müller (UsW) machte im Rat deutlich, dass der Preis, den die BImA verlangen wird, entscheidend von der künftigen Nutzung abhängen dürfte. Je nachdem, wie viele Wohnungen ertüchtigt werden sollen, werde der Verkehrswert sinken oder steigen.

Eine endgültige Kaufentscheidung muss die Kommune spätestens ein Jahr, nachdem sie ihr potenzielles Kaufinteresse angemeldet hat, getroffen haben - also bis zum 21. Mai 2014.

Zwei Anträge der Kommunalen Initiative Kitzingen (KIK) lösten am Donnerstagabend eine lebhafte Diskussion aus. Die KIK wollte erneut öffentliche Besichtigungen nebst "Tag der offenen Tür" in den Marshall-Heights anbieten und zum wichtigen Thema "Kauf oder nicht" einen Bürgerentscheid oder ein Ratsbegehren ins Leben rufen.

Wichtiges ist unsichtbar

In Sachen Besichtigung war sich die Mehrheit einig: Anschauen schadet nichts. Aber dass es etwas nützt, da hatten die meisten ebenfalls ihre Zweifel.
Jens Pauluhn (ödp) betonte, dass weder eine mögliche Schadstoffbelastung noch der Zustand der Strom- und Wasserleitungen oder des Kanalnetzes sichtbar ist. "Eine Rundreise durchs Areal bringt uns für die Kaufentscheidung nichts."

Ähnlich sah dies Andreas Moser - was dem CSU-Fraktionsvorsitzenden einen harschen Schlagabtausch mit KIK-Chef Klaus Christof einbrachte. Moser meinte, das Thema Marshall-Heights werde politisch ausgeschlachtet, Folgekosten würden nicht berücksichtigt. Er fragte den Antragsteller, ob dessen Interesse "wirklich so hehr und im Sinne der Stadt" sei - schließlich habe die erste öffentliche Besichtigung 2011 bei so manchem eher unerfüllbare Hoffnungen geweckt. Scharf antwortete Christof, Moser soll lieber seine eigene Rolle überdenken: "Von Ihnen als Finanzfachmann hätte ich mehr erwartet..." Die KIK werde "entsprechende Finanzierungsvorschläge liefern".

Unterstützung erhielt Moser von Gertrud Schwab (CSU) und Andrea Schmidt (ödp). Es sei nicht richtig, den Leuten Hoffnungen auf preiswerten Wohnraum zu machen, wenn das unrealistisch ist, meinte Schwab. "Man weckt Begehrlichkeiten, die vielleicht nicht zu erfüllen sind", stellte Andrea Schmidt fest.

"Nur das Anschauen da oben führt uns keinen Millimeter weiter." Klare Worte wählte Hugo Weiglein (CSU). Viel wichtiger sei es, die bestehenden Gutachten zu analysieren - eines vom Staatlichen Bauamt aus dem Jahr 2007, eines vom TÜV und eines der Licht-, Kraft- und Wasserwerke zwecks der Versorgungsanlagen; die letzten beiden Analysen seien relativ aktuell.

"Auf den Tisch klopfen"

Dr. Brigitte Endres-Paul (SPD) nickte bei Weigleins Worten. Ein Stück weit gab sie der BImA den Schwarzen Peter und forderte, die Behörde solle "alle Fakten auf den Tisch legen".

"Wir sollten gegenüber der BImA mal auf den Tisch klopfen", fand Jutta Wallrapp (FBW-FW). Wie viele andere Räte zeigte sie sich empört darüber, dass die Würzburger BImA-Beauftragte sich in Sachen Besichtigung zierte und nur während der Woche überhaupt eine Öffnung des Areals zur Begutachtung erlauben will; einen "Tag der offenen Tür" lehnte sie gänzlich ab.

Klaus Christof ist dies ein Dorn im Auge: "Da muss man mal in die nächste Instanz gehen und klarmachen, dass das Dienstleister sind und keine kleinen Fürsten."

Am Ende wurde der KIK-Antrag in Sachen "Tag der offenen Tür" zwar mit 11:18 Stimmen abgelehnt, Oberbürgermeister Siegfried Müller versprach aber dennoch, sich mit der BImA erneut auseinanderzusetzen und einen geeigneten Termin für eine "Inaugenscheinnahme" zu vereinbaren.

Den zweiten KIK-Antrag ereilte das gleiche Schicksal wie den ersten: Mit 20 Nein-Stimmen machte der Stadtrat deutlich, dass er zum jetzigen Zeitpunkt nichts von einem Bürgerentscheid in Sachen "Kauf der Marshall-Heights" hält. Grundsätzlich war niemand gegen Bürgerbeteiligung. Das Problem waren die "ungelegten Eier", wie Stadtkämmerer Bernhard Weber die vielen offenen Fragen bezeichnete.

"Kosten, Lasten - alles ist noch unklar", konstatierte Jens Pauluhn (ödp). "Wie sollen die Bürger da entscheiden?" Elvira Kahnt (SPD) brachte die Sachlage so auf den Punkt: "Im Endeffekt schwimmen wir alle noch."
Boden unter den Füßen soll nun der Stadtent wicklungs- und Konversionsbeirat schaffen. Am 26. Februar wird sich der Beirat sowohl das Kitzinger Wohnraumkonzept als auch die "Zukunft Marshall-Heights" zu Gemüte führen. Letztere wird dann am 4. März das große Thema einer Sondersitzung des Stadtrates sein.