„Kakao! Ich brauch Kakao!“, ruft einer am Nebentisch. „Ich schieb mal meinen Eiswagen“, sagt ein anderer leise. Anja Saukel hebt nicht mal den Kopf ob dieser Äußerungen. Sie reicht ihrem Nachbarn einen Punkt. Muss sein. Schließlich besucht ihr Erdmännchen die Universität seiner Stadt. Jeder für sich ist vertieft in seine eigene Welt: Es ist Spielezeit im Stadtteilzentrum Siedlung.

Wann genau es losging mit dem Spieletreff in Kitzingen? Das kann keiner mehr so ganz genau sagen. „Schon ewig her“, sagt Anja Saukel. Die Idee hatte einst Ingo Hahn, als er mit Freunden über den Kreisjugendring eine Fahrt zur Spielemesse in Essen organisierte. Da kamen Leute zusammen, die fasziniert waren von der Welt der Spiele. Was lag da näher, als sich regelmäßig gemeinsam rund um die Spielpläne zu platzieren, Figuren zu schieben, Strategien zu erarbeiten und um den Sieg zu ringen? Wobei ein Sieg keinem einzigen der Teilnehmer am Spieletreff wirklich wichtig ist. „Ich spiele nicht, um zu gewinnen, sondern weil es Spaß macht, zu spielen“, stellt Eva Köpf klar und die anderem am Tisch nicken zustimmend. Bei komplexen Spielen gibt man schon mal dem Mitspieler Tipps oder hilft sich gegenseitig ein bisschen. „Aber man kann auch mal ganz schön böse sein!“, wirft Eva Köpf ein. „Ja!“, ruft Anja Saukel lachend, „das ist ja grad das Schöne!“ So richtig gemein aber ist man zueinander am Spieletisch nicht. „Und Schummeln ist nicht erlaubt!“ Man hört an der Betonung, dass sie die Worte am liebsten in Großbuchstaben aussprechen und mit vielen Ausrufezeichen versehen würde.

Auf dem Tisch vor den Vieren liegt ein wunderschön gestalteter Spielplan mit einem Baum, vielen kleinen Figuren, Karten, bunten Steinchen. Everdell. Ein Spiel, das die meisten noch nicht kennen. Alexander Hanft und Dunja Krauß erklären. Um die Regeln eines Spiels kennenzulernen, schaut Hanft sich Videos an, oft auf Englisch. Krauß dagegen liest lieber die Anleitung. „Mittelkomplex“ sei Everdell, sagen die, die sich auskennen – und das sind fast alle in diesem Raum. Knapp 40 Mitglieder hat der Spieletreff derzeit, elf sind an diesem Donnerstag gekommen. Ingo Hahn, der Gründer, fehlt diesmal, beruflich bedingt. Die einen sind regelmäßig da, die anderen kommen sporadisch. Und jeder Neue ist herzlich willkommen. Nur anmelden muss man sich derzeit über die WhatsApp-Seite des Spieletreffs Kitzingen – Corona lässt grüßen.

„Wir spielen auch mal

einfachere Spiele,

bei denen der Spaß

im Vordergrund steht.“

Dunja Krauß, leidenschaftliche „Spielerin“

Die Mimik hinter der Maske gut versteckt, ist derweil Uwe Hering am Nebentisch als Adeliger auf Götterpfaden unterwegs und baut eine Pyramide. Viele kleine Kärtchen und Steinchen liegen auf dem Brett und drum herum, sie werden gebraucht, um die zahlreichen Herausforderungen in Teotihuacan zu bestehen. Holz spielt dabei eine Rolle, Gold. Und vor allem Kakao, der ist wertvoller als jede Währung.

2008 ist Hering zum Spieletreff gekommen, hat dann aus Zeitmangel ein paar Jahre Pause gemacht und ist jetzt wieder gelmäßig mit von der Partie. Die Vielfalt der Spielewelt begeistert ihn. Letzte Woche hat er noch den Mond besiedelt, diese Woche ist er bei den Atzeken. Die Spielewelt ist nicht nur groß, sie ist auch faszinierend. Wobei das Spiel nicht unbedingt komplex sein muss, um Spaß zu machen. „Wir spielen auch mal die einfacheren, bei denen der Spaß im Vordergrund steht“, betont Dunja Krauß. So ist die Bandbreite der Spiele, die auf einem langen Tisch am Rande des Saals aufgebaut sind, erstaunlich groß. Jeder bringt Spiele mit. „Das ist aber kein Muss!“, betont Anja Saukel. Wer gerne spielt, kann auch ohne kommen und darf trotzdem mitspielen.

Was ein gutes Spiel ausmacht? Da gehen die Meinungen auseinander. „Die Optik spielt eine Rolle“, sagt Anja Saukel. „Die Haptik“, fügt Eva Köpf an und fährt fast zärtlich mit der Hand über die Oberfläche des Everdell-Spielplans. „Und die persönliche Präferenz“, betont Alexander Hanft. Der eine mag Zivilisationsspiele, der andere Kampagnenspiele, einer spielt allein gegen die anderen, dem anderen ist es lieber, wenn es um Teamwork geht. Auch die Mechanismen der Spiele können ganz unterschiedlich sein. „Roll and write“, „push your luck“, „engine building“, zählt Uwe Hering einige auf. Englische Begriffe, wie sie so oft auftauchen in der Spielewelt, denn die ist international.

So stehen auf dem Tisch im Stadtteilzentrum auch einige Spiele, die es in Deutschland derzeit selbst in Fachgeschäften kaum oder gar nicht gibt. Teilweise wurden sie auf der Spielemesse in Essen bei kleinen Verlagen aus anderen Ländern gekauft, die ihre Produkte nur in geringer Auflage anbieten.

Man traut es sich fast nicht zu fragen: Was ist mit Monopoly, Mensch-ärger-dich-nicht oder Uno? Die Augenbrauen gehen hoch, über mindestens eins der genannten Spiele fällt ein nicht gerade netter Satz – gefolgt von der Aufforderung, diesen bitte nicht zu schreiben. Schließlich sind die Geschmäcker verschieden und jeder kann und soll das spielen, was ihm Spaß macht. Also nochmal: Was ist mit Monopoly? „Das spielen wir hier nicht unbedingt“, lautet die diplomatische Antwort.

Deutlicher werden die Antworten bei der Frage nach einem Spiel, das sie garnicht mögen. „Die Siedler von Catan“, sagt Alexander Hanft sofort. „Das hat einen zu hohen Glücksfaktor“, schließt sich Dunja Krauß an. Ein Spiel mit taktischem Anspruch, bei dem trotzdem strategisches Handeln manchmal nichts hilft, weil zu viel Glück nötig ist. Kommt man da anfangs nicht richtig ins Spiel, hat man das Gefühl, das es eh nichts mehr bringt, weiterzumachen. „Man spielt halt dann fertig mit, weil man mit am Tisch sitzt“, erklärt Dunja Krauß. Wobei alle betonen: Sie sprechen vom normalen Brettspiel. Die Junior-Ausgabe sei ein tolles Spiel für Kinder, das Kartenspiel und auch das Würfelspiel seien „ok“.

„Schummeln ist

nicht erlaubt!“

Anja Saukel, Spieletreff-Fan von Beginn an

Die Runde konzentriert sich wieder auf Everdell. Alexander Hanft ist inzwischen an den Nebentisch gewechselt, zu den Azteken und ihrem Kakao, Marco Beck hat seinen Platz eingenommen und lauscht den Erklärungen von Dunja Krauß. Ihr gehört das Spiel, ein halbes Jahr hat sie darauf gewartet. Die vielen Elemente machen es nicht leicht, das Spiel zu erklären, aber keiner verliert die Geduld und das Interesse, wenn Krauß von Karten, Verliesen und Mönchen spricht.

Auch dann nicht, als es endlich losgeht. So dreieinhalb Stunden, schätzt Dunja Krauß, werden sie schon sitzen, bis das Spiel zu Ende ist. Der Eiswagen am Nebentisch ist da längst wieder in der Schachtel verschwunden, samt Schiffen und tropischen Obstsorten, die eine Stunde lang auf einer Insel angebaut und vermarktet wurden. „Juicy Fruits“ steht wieder bei den anderen Spielen auf dem Tisch an der Seite, jetzt wird in „Renature“ ein verschmutztes Tal gereinigt und mit neuen Bäumen bepflanzt. „Ich mach eine Wolkenaktion und nehm den Salamander als Jokertier“, sagt jemand. Und keinen wundert's in dieser wunderbaren Welt der Spiele.

Info: Der Spieletreff findet jeden Donnerstag im Stadtteilzentrum Siedlung in Kitzingen statt, in der Regel von 19.30 bis 24 Uhr. Wer mitmachen will, kann sich über die facebook-Seite Spieletreff Kitzingen anmelden. Auch Anfänger sind jederzeit willkommen, die Spiele werden genau erklärt.