Angst ist eigentlich ein normales Gefühl. Doch manchmal kann sich die Angst auch zu einer Krankheit entwickeln. Etwa 13 Prozent aller Menschen sind weltweit von Angsterkrankungen betroffen. Dabei lässt sich dagegen etwas tun, sagt Professor Jürgen Deckert, Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Würzburg.

Wo liegt der Unterschied zwischen einer gesunden und einer krankhaften Angst?

Deckert: Angst ist grundsätzlich sinnvoll, weil sie vor Gefahren schützt. Die krankhafte Angst tritt allerdings in Situationen auf, wo es keine reale Gefahr gibt. Sie hindert einen daran, Dinge zu tun, die man eigentlich machen möchte. In die Schule oder zur Arbeit gehen, eine Partnerschaft entwickeln. Es gibt die unterschiedlichsten Formen.

Zum Beispiel?

Deckert: Es gibt Ängste vor Aufzügen, vor Spinnen, vor medizinischen Eingriffen. Die soziale Angst betrifft Menschen, die auf niemanden zugehen können und Gefahr laufen, ein Mauerblümchendasein zu fristen. Es gibt Patienten, die nicht in der Öffentlichkeit essen, weil sie Angst haben, sich zu blamieren. Und dann gibt es Menschen, die aus heiterem Himmel Panikattacken erleiden. Beim Busfahren, beim einkaufen gehen. Werden diese Ängste nicht behandelt, meiden die Patienten künftig solche Situationen.

Wie lassen sich Angsterkrankungen erkennen?

Deckert: Sie beginnen oft im Kinder- und Jugendalter. Am deutlichsten wirkt sich hier die Schulangst aus. Manchmal formulieren Kinder ihre Angst ganz direkt oder sie entwickeln körperliche Symptome. Das ist oft der erste Schritt. Dann sollte man schauen, ob hinter den körperlichen Beschwerden eine Angst steckt.

Wie lässt sich so etwas überprüfen?

Deckert: Der Gang zum Hausarzt oder Kinderarzt ist der erste Schritt. Der kann das Kind gegebenenfalls zu einem Therapeuten überweisen.

Nimmt die Zahl der Kinder zu, die krankhafte Ängste entwickeln?

Deckert: Das ist schwer zu sagen. Generell ist die Akzeptanz in der Gesellschaft gewachsen, dass es psychosomatische Krankheiten gibt. Sowohl bei den Ärzten als auch bei den Betroffenen. Alleine wegen dieser besseren Akzeptanz haben wir es auch mit einer höheren Fallzahl zu tun. Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen des Alltags. Menschen, die nicht so stressresistent sind, sind dem häufig nicht gewachsen.

Das heißt: Die gesellschaftlichen Veränderungen sind für die Zunahme von psychischen Erkrankungen zuständig?

Deckert: So einfach ist das nicht. Die Häufigkeit von schizophrenen Psychosen nehmen beispielsweise nicht zu. Die Zahl der Angsterkrankungen steigt dagegen leicht an. Wir wissen aber nicht: Liegt das daran, dass die Diagnose häufiger gestellt wird oder weil es stressbedingt tatsächlich zu einer Häufung kommt.

Was sind die Risikofaktoren für Angsterkrankungen?

Deckert: Lebensereignisse in früher Kindheit bilden oft den Hintergrund. Auslöser sind häufig Stress-Situationen in der Gegenwart. Bei Kindern sind es oft frühe Erlebnisse wie Trennung, Gewalt im Elternhaus, schwierige wirtschaftliche Verhältnisse oder eigene körperliche Krankheiten. Im Erwachsenenalter kann beruflicher Stress ein Auslöser sein.

Wie entwickeln sich Angsterkrankungen?

Deckert: Ganz unterschiedlich. Oft sind sie aber Vorläufer für Depressionen. Die Angsterkrankung ist so etwas wie die kleine Schwester der Depression. Beide Krankheiten werden mit Antidepressiva behandelt.

Je eher eine Behandlung beginnt, desto besser?

Deckert: Auf jeden Fall. Je länger eine Angsterkrankung unerkannt bleibt, desto schwieriger wird die Behandlung.

Wie sieht die Behandlung aus?

Deckert: Therapien der ersten Wahl sind kognitive Verhaltenstherapien und Antidepressiva, die nicht abhängig machen.

Was heißt kognitive Verhaltenstherapie?

Deckert: Der Patient lernt neue Denkmuster und Verhaltensweisen und ersetzt so die krankhaften.

Welche Voraussetzungen muss der Patient mitbringen, damit die Therapie gelingen kann?

Deckert: Er muss sich vor allem für die Therapie öffnen, die psychosomatische Entstehung seiner Krankheit anerkennen. Nur dann kann er sich auch seiner Angst stellen.

Wie lange dauert eine Therapie?

Deckert: Je nach dem Grad der Erkrankung ist das sehr unterschiedlich. Drei bis sechs Monate gehen in der Regel aber schon ins Land, bis sich ein erster Effekt einstellt.

Wie sollte das unmittelbare Umfeld des Patienten reagieren? Partner, Eltern, Kinder?

Deckert: Es ist wichtig, diese Menschen mit einzubeziehen. Oft reagieren sie unwissentlich falsch. Sie kritisieren den Patienten, weil er scheinbar Alltägliches nicht schafft, oder sie packen ihn in Watte. Es gibt Patienten, die über Jahre ihre Wohnung nicht verlassen. Die Angehörigen könnten da Impulse geben.

Wie denn?

Deckert: Den Patienten nicht davon abhalten, etwas zu tun, sondern im Gegenteil, ihn dabei unterstützen. Und loben, wenn er etwas geschafft hat.

Welche Ängste treten am häufigsten auf?

Deckert: Im Kinder- und Jugendalter sind es Phobien, also Ängste vor der Schule, vor Gewitter oder auch vor Hunden. Im Jugendalter treten soziale Ängste auf, die Furcht etwas falsches zu machen. Panikattacken gibt es vor allem bei jungen Erwachsenen und die allgemeinen Sorgen kommen später dazu.

Können Ängste auch erst im späten Erwachsenenalter auftreten?

Deckert: Mit 60 oder 70 Jahren kommen oft Ängste dazu, die sich auf ein Organ konzentrieren. Es gibt also ein reales Problem in Form einer Krankheit und die Angst, dass man plötzlich tot umfallen könnte.

Sind Angsterkrankungen gut erforscht?

Deckert: Die psychologischen Faktoren sind sehr gut untersucht. Man weiß, was Stress macht und wie man damit umgehen kann. Bei der Forschung in Sachen Psychopharmaka ist man allerdings weiter als bei der Forschung in Sachen Psychotherapie. Das hat zum Einen etwas mit unserem allgemeinen Verständnis der Medizin zu tun, aber auch mit den Forschungsgeldern. Wir würden gerne mehr Forschung machen.

Vortrag: Prof. Jürgen Deckert hält am heutigen Mittwoch, 17. Februar, ab 19.30 Uhr einen Vortrag in der Alten Synagoge. Thema: Wenn Angst krank macht. Angststörungen und ihre Behandlung. Der Eintritt ist frei.

Studie: Beispiel für Psychotherapiestudien mit intensiven Kurzzeittherapien sind Protect-AD und KibA, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert werden. Kontakt für Kinder: Tel. 0931 / 201 76448 oder E-Mail: KJ_KiBa@ukw.de; für Erwachsene: Tel. 0931 / 31 82006 oder Protect-angst@uni-wuerzburg.de