Nach der Corona-Zwangspause ist er nach eigenen Worten „heiß wie Frittenfett“. HG Butzko will wieder auf der Bühne stehen und das machen, was er am besten kann: politisches Kabarett. Am 10. Oktober kommt er nach Wiesentheid in den Schafstall. Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt er, was in der Corona-Zeit alles falsch gelaufen ist – und warum er sich auf den nächsten Wahltag freut.

Können Sie das Wort Corona noch hören?

Butzko: Klar. Und zwar ohne Ende. Also, wenn diese mexikanische Biersorte gemeint ist. Hör ich immer wieder gerne.

Und das Wort systemrelevant?

Butzko: Ja, das ist ja auch so ein Wort. Das tauchte ja zum ersten Mal vor über zehn Jahren im Zusammenhang mit der Finanzkrise auf. Und dann noch mal während der Schuldenkrise in Griechenland. Beides waren aber natürlich nur Alibibegriffe, denn beide Mal ging es darum, dass vor allem eine Bankenkrise abgewendet werden musste. Und wenn man mal ganz genau hinguckt, welchen Sinn sämtliche finanziellen und ökonomischen Fördermaßnahmen des Staates zur Bewältigung der Coronakrise haben, dann sieht man, wer tatsächlich als systemrelevant betrachtet wird. And the winner is: schon wieder die Banken.

Ist Kabarett, ist HG Butzko systemrelevant?

Butzko: Für mein System zu 100 Prozent. (lacht)

Was hat Sie in den letzten Monaten am meisten aufgeregt?

Butzko: Och, wie lange haben Sie Zeit?

Na ja, schießen Sie doch einfach mal los!

Butzko: Ja, OK, also als erstes regt mich auf, dass wir keine transparenten Entscheidungsprozesse haben. Es gibt anscheinend Experten, auf die die Politiker hören, ohne dass wir wissen, wer da genau berät, mit welchen Argumenten, und wie die Entscheidungsprozesse stattfinden. Damit will ich nicht sagen, dass die nicht glaubhaft oder nicht überzeugend sind. Ich würde da nur gerne Anteil dran haben. Hab ich aber nicht. Dabei würde ich so gerne mal zuhören, wenn die Leute vom Robert-Koch-Institut mit den Leuten vom Gesundheitsministerium diskutieren. Aber vielleicht wollen sie das nicht, weil's sonst zu viel zu Lachen gäbe.

Und zweitens?

Butzko: Zweitens stelle ich fest, dass auch in den Medien, wie schon während der Griechenlandkrise und dem Ukrainekonflikt, keine zwei Meinungen existieren. Es gibt schon wieder keine kontroverse Debatte über die Konfliktlage – und demzufolge auch nicht über die politischen Maßnahmen. Ich hab' ja kein Problem damit, diese Maßnahmen mitzutragen, und durchaus auch aus Überzeugung. Und natürlich soll man auch nicht irgendwelchen Reichsflaggenschwenkern eine Plattform bieten. Aber ein bisschen mehr kritisches und unbequemes Hinterfragen der Presse vermisse ich schon.

Inwiefern?

Butzko: Na, ein Beispiel: Kürzlich hat der Virologe Hendrik Streek vorgeschlagen....

Der Leiter der Heinsberg-Studie.

Butzko: Genau. Der hat vorgeschlagen, dass man aufhören soll, als Maßstab für Einschränkungsmaßnahmen die Zahl der täglichen Neuinfektionen zu beachten, sondern stattdessen soll man die Zahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen im Blick behalten.

Das ist doch kritisch.

Butzko: Ja, aber niemand, wirklich niemand hat Herrn Spahn mal gefragt, warum er das nicht aufgreift. Oder anderes Beispiel: Als Herr Söder auf einer Pressekonferenz sagte, er könne ja jeden verstehen, der sich freut, dass in den Krankenhäusern nichts los ist, aber danach könne man als verantwortlicher Politiker nicht handeln. Da hat nicht ein anwesender Journalist mal nachgefragt. Dabei wäre es eine ganz einfache Frage gewesen: „Warum nicht?“ Und was wäre ich auf diese Antwort gespannt gewesen.

OK, verstehe. Gibt's auch irgendwelche erfreulichen Entwicklungen?

Butzko: Ja, natürlich auch die gibt es. Zum Beispiel, dass eine kapitalismusfreundliche Politik bemerkt hat, dass Gesundheit wichtiger als Wachstum ist, das finde ich schon sehr erstaunlich. Jetzt müssen wir nur mal gucken, wie das in puncto Klimawandel und globale Gerechtigkeit ebenfalls zum Tragen kommt.

Die Künstler leiden mit am meisten unter den Beschränkungen der letzten Monate. Wie sind Sie über die Zeit gekommen?

Butzko: Ja, das ist auch etwas, das mich schwer aufgeregt hat. Das muss man sich nämlich echt mal vorstellen, dass zirka zwei Millionen Kulturschaffende im Land seit Beginn der Pandemie die ganze Zeit nur leere Versprechungen zu hören kriegen. Oder Konzepte vorgelegt bekommen, die unbrauchbar sind, beziehungsweise unrealistisch, um nicht zu sagen weltfremd. Es ist entweder Ignoranz oder Boshaftigkeit, aber wie man seit über sechs Monaten die Kultur vor die Wand fährt, ist unfassbar. Vor allem, wenn man sich anguckt, was inzwischen alles wieder erlaubt ist, inklusive voll besetzter Flugzeuge, Einkaufspassagen und Sportveranstaltungen. Aber Kinos, Konzerte und Theater müssen Regeln einhalten, die nicht finanzierbar sind.

Sie sind mit dem Krisenmanagement von Frau Merkel nicht einverstanden?

Butzko: Keinesfalls, vor allem, weil Frau Merkel die dummdreiste Frechheit besitzt, zu verkünden: „Wir unterstützen die Künstler, indem wir ihnen sagen, wie wichtig sie für uns sind“, dann freu ich mich auf den Wahltag, wenn ich auf meinem Stimmzettel allen Regierungsparteien sage, wie wichtig sie für mich sind.

Welchen Wunsch haben Sie für Ihre Kollegen und die kleinen Theater in den kommenden Wochen und Monaten?

Butzko: Dass möglichst viele Leute trotz der Corona-Einschränkungen die Live-Veranstaltungen besuchen, weil sie damit einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung ihrer lokalen Kultur leisten.

Verschwörungstheoretiker demonstrieren, jeder darf beinahe jede Meinung verbreiten. Gute Zeiten für eine Demokratie?

Butzko: Es gibt klare Gesetze. Und solange die eingehalten werden, hat jeder das Recht auf seiner Seite.

Trump, Johnson, Putin. Für Kabarettisten müssen das goldene Zeiten sein?

Butzko: Sie vergessen Spahn, Seehofer, Söder, Scholz, Altmeier, Laschet.

Sind wir noch nicht bereit für einen Populisten an der Macht?

Butzko: Kommt drauf an, wie man Populismus definiert. Wenn man diversen Berichten glauben darf, hat Angela Merkel regelmäßig zu etlichen Themen immer erst die Stimmungslage in der Bevölkerung analysieren lassen und danach ihre Politik ausgerichtet. So gesehen, hatten wir jetzt 16 Jahre eine Populistin an der Macht. Halt nur nicht so plump, wie es Männer machen.

Ein Leben als Kabarettist ohne Angela Merkel. Vorfreude? Oder gibt es schon erste Entzugserscheinungen?

Butzko: Wir hatten nach 16 Jahren Helmut Kohl nahtlos die nächsten Witzfiguren an der Regierung, und genau so wird es auch eine Zeit nach Merkel geben.

Söder oder Merz? Oder doch der eher Unscheinbare aus NRW? Wer macht in der CDU das Rennen?

Butzko: Söder wartet darauf, dass die CDU ihn bittet, und wenn diese Bitte ausbleibt, muss man sich Sorgen um die Zurechnungsfähigkeit der Union machen.

Und die Grünen? Liefern bislang eher wenig Stoff für Ihren Berufsstand?

Butzko: Lass die erst mal an die Regierung kommen. Was Joschka Fischer konnte, dürfte auch für Robert Habeck machbar sein.

Wegen der Hygieneregeln finden die Auftritte vor deutlich kleinerem Publikum statt. Ein komisches Gefühl oder schon daran gewöhnt?

Butzko: Wenn normale Kultur zurzeit nicht möglich ist, ist eben das Unnormale zurzeit unsere Kultur. Hinterher werden wir alle, die das erlebt haben, sagen: Ich war dabei.

Am 10. Oktober kommen Sie in den Schafhof nach Wiesentheid. Worauf dürfen sich die Gäste freuen?

Butzko: Es gibt wie immer eine wilde Mischung aus Infotainment, schnoddrigen Gags und Frontalunterricht. Es ist also für jeden etwas dabei. (lacht)