Arm trotz Arbeit. Das gibt es. Auch in Deutschland. Und zwar viel häufiger, als man glaubt. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) macht dafür unter anderem die Niedriglohnpolitik der Bundesregierung verantwortlich. Regionsgeschäftsführer Frank Firsching über Gewinnmaximierung und die Notwendigkeit, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

Gibt es hierzulande wirklich Menschen, die einen Vollzeitjob haben und arm sind?

Firsching: Aber sicher. Wir haben die Statistik der Bundesagentur für Arbeit ausgewertet. Im Landkreis Kitzingen gab es im Dezember 2019 fast 200 Menschen, die zusätzliche Leistungen vom Jobcenter in Anspruch nehmen mussten – obwohl sie einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgingen.

Um welche Berufsfelder handelt es sich dabei?

Firsching: Die üblichen Verdächtigen. Bäckereifachverkäuferinnen, Angestellte in Discountern, Hotel- und Gaststättengewerbe, grundsätzlich alle Dienstleistungen, die nicht tariflich abgesichert sind. Wer beispielsweise bei Amazon in der Logistik anfängt, der bekommt Niedrig- oder Armutslöhne.

Wo wollen Sie den Hebel ansetzen?

Firsching: Der Niedriglohnsumpf muss endlich durch eine höhere Tarifbindung trocken gelegt werden. Dazu muss der Mindestlohn endlich auf zwölf Euro angehoben werden.

Jetzt liegt er bei 9,35 Euro.

Firsching: Ja. Das reicht aber nicht fürs Leben. Vor der Einführung des Mindestlohns hat eine Verkäuferin beim Bäcker fünf Euro die Stunde verdient, jetzt sind es neun. Das ist wesentlich besser, aber immer noch ein Armutslohn.

Die Schuld der Politik oder der Unternehmer?

Firsching: Das kann man nicht trennen. Mit der so genannten New Economy setzte sicherlich ein Trend zur Gewinnmaximinierung bei den Unternehmen ein. Und die Politik hat darauf nicht angemessen reagiert.

Warum wehren sich die Arbeitnehmer nicht?

Firsching: Weil sie in immer mehr Bereichen gar keine Möglichkeit dazu haben. Nehmen Sie die Pflege, die in den letzten Wochen und Monaten in den Schlagzeilen war. Alle waren sich einig, welch wichtigen und guten Job die Pflegekräfte machen. Aber wenn private Pflegeanbieter die Gewinnmaximierung als oberstes Ziel definieren, dann bleiben die Pflegkräfte weiterhin unterbezahlt.

Es sei denn, die Politik greift ein.

Firsching: Ja, der Gesetzgeber ist meines Erachtens in der Pflicht. Bis vor etwa 15 Jahren gab es noch mehr Branchen, in denen eine Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge galt. Seither beobachten wir eine Ausfransung. Im Einzelhandel zum Beispiel war der verdi-Tarifvertrag allgemeinverbindlich, heute ist er es nicht mehr. In der Folge verabschiedeten sich viele Einzelhändler aus der tariflichen Bezahlung und die Beschäftigten bekommen dort seither deutlich weniger Lohn.

Bei einer Arbeitslosenquote von rund drei Prozent sollte man meinen, dass die Arbeitnehmer sich ihren Arbeitsplatz aussuchen können.

Firsching: Weit gefehlt, vor allem im Niedriglohnsektor. Da sind die Leute auf einen Arbeitsplatz angewiesen und haben nicht selten Angst, dass sie plötzlich auf der Straße stehen, weshalb sie sich nicht wehren können. Im Hartz IV-System wird durch Sanktionen ein Druckszenario aufgebaut. Wer ein Stellenangebot ablehnt, der muss mit Kürzungen der Bezüge rechnen. So landen die Leute im Niedriglohnsektor.

126 Beschäftige in Teilzeitjobs haben im Landkreis Kitzingen Ende 2019 Hilfe vom Jobcenter beantragt. Sind Teilzeitjobs eine ähnliche Falle wie der Niedriglohnsektor?

Firsching: Es gibt sicher Menschen, die in Teilzeit arbeiten wollen und zufrieden sind. Aber es gibt auch solche Arbeitnehmer, die länger arbeiten wollen und keinen entsprechenden Vertrag erhalten. Mehrere Studien haben ergeben, dass die meisten Menschen am liebsten zwischen 30 und 35 Stunden arbeiten würden. Weniger als 20 oder mehr als 40 Stunden wollen die wenigsten. Die meisten Teilzeitkräfte wollen länger arbeiten.

Und warum erhalten sie nicht die Möglichkeit?

Firsching: Das ist auch eine Frage der Macht und sicherlich kein Duell auf Augenhöhe zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Es sei denn, man ist gewerkschaftlich organisiert?

Firsching: In Branchen, die eine starke gewerkschaftliche Anbindung haben, steigen die Löhne regelmäßig. So entsteht über die Jahrzehnte ein Lohn-Unterschied. Dass ein Industriemechaniker heute deutlich mehr verdient als eine Pflegerin, ist moralisch betrachtet nicht in Ordnung. Die Lohnhöhe ist in unserem System aber keine moralische Frage, sondern eine Machtfrage: Wer sich nicht gewerkschaftlich organisiert, hat keinen Hebel in der Hand, um fair bezahlt zu werden und muss aufpassen, dass er nicht in der Armutsfalle landet.