Die eine Kurve geht steil nach unten, die andere steigt kontinuierlich an: Die Kombination aus dem Preisverfall beim Schweinefleisch und dem Stau beim Schlachten aufgrund der Corona-Pandemie ist für Schweinehalter fatal. Für viele steht die Existenz auf dem Spiel.

Schweinestau. Die meisten Verbraucher werden bei diesem Wort mit den Schultern zucken. Was soll das sein? Sie machen sich keine Gedanken um die Situation derjenigen, von denen das Fleisch für die Produkte kommt, die sie Tag für Tag verzehren. Als dramatisch hat Bauernpräsident Walter Heidl diese Situation kürzlich bezeichnet. Den Schweinehaltern drohe im Schraubstock zwischen Schlacht-Stau und Preisverfall die Luft auszugehen.

Übertrieben? Typisches Gejammer der Bauern? Die Zahlen sprechen ein anderes Bild. Drei Schweinehalter aus dem Landkreis Kitzingen geben Einblick in ihre Situation. Ein Gespräch, das ernüchtert. Ein Gespräch, das Verbraucher wie Politiker aufrütteln sollte. Die Runde trifft sich auf dem Hof von Martin Uhlmann, unweit von Mönchsondheim. Der Großvater seiner Frau ist vor vielen Jahren ausgesiedelt, hat sich auf Schweinhaltung spezialisiert. Die nächste Generation hat den Betrieb übernommen, dann die übernächste – Margarete und Martin Uhlmann. Beide haben viel Geld in den Betrieb investiert, um die immer höher werdenden Auflagen zu erfüllen, um zukunftsfähig zu bleiben.

„Auch große,

zukunftsfähige Betriebe werfen in letzter Zeit immer häufiger das Handtuch.“

Claus Schmiedel, AELF Kitzingen

Die Uhlmanns sind Ferkelerzeuger. 1500 Ferkel stehen in der Aufzuchtphase normalerweise im Stall. Mit acht Kilo kommen die kleinen Schweine weg von der Mutter. Wenn sie etwa 30 Kilo wiegen, kommt etwa ein Viertel der Tiere in den eigenen Maststall, die anderen Ferkel werden verkauft.

Klaus Niedermeyer, Vorsitzender des Verbandes für landwirtschaftliche Fachbildung im Landkreis Kitzingen, hat seinen Betrieb in Neuhof bei Dettelbach. Er hat ein so genanntes geschlossenes System, züchtet Ferkel und mästet sie selbst. Etwa 120 Sauen stehen in seinem Stall sowie 1200 Mastschweine. Der dritte Schweinehalter in der Runde ist Helmut Schmidt aus Gnötzheim, ein reiner Schweinemäster. Er kauft die Tiere von einem Ferkelerzeuger, mästet sie, bis sie etwa 120 Kilo wiegen. Dann kommen sie, wie die Mastschweine von Klaus Niedermeyer, zum Schlachter.

Und genau dort liegt eines der Probleme, die Schweinehalter derzeit haben. Wegen der Arbeitsbedingungen – die Mitarbeiter stehen auf engstem Raum, viele kommen aus dem Ausland – wurden einige Schlachthöfe geschlossen, andere dürfen und können aufgrund von Auflagen längst nicht so viel schlachten wie früher. Die Folge: Die Schweinemäster bekommen ihre Tiere nicht verkauft. 120 Mastschweine vermarktet Niedermeyer normalerweise alle 14 Tage. „Wenn die nur 100 mitnehmen, muss der Rest halt im Stall bleiben“, sagt er nüchtern. Die Folge ist der Schweinestau. Auf über 600.000 Schweine ist der „Überhang“ an Tieren deutschlandweit inzwischen angewachsen, so Helmut Schmidt.

Stehen die Tiere länger bei den Mästern im Stall, müssen sie länger gefüttert werden, legen an Gewicht und damit auch an Fett zu, erzielen einen deutlich geringeren Preis. Auf einer Grafik, die der stellvertretende BBV-Kreisobmann Schmidt mitgebracht hat, weist ein dicker roter Pfeil nach unten. Corona, der Lockdown mit der Schließung der Gastronomie, die Schließung von Schlachthöfen und schließlich auch noch der erste Fall der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland – jedes Mal wieder ein Einschnitt, jedes Mal wieder sank der Preis. Inzwischen liegt der Schlachtpreis gerade mal etwas über 1,20 Euro pro Kilo, informiert Claus Schmiedel vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Kitzingen. Ende vergangenen Jahres lag er bei über zwei Euro.

Überleben wird da für immer mehr Betriebe schwierig. 119 Schweinemastbetriebe gibt es im Landkreis Kitzingen in diesem Jahr, 2009 waren es 320. Noch deutlicher ist der Rückgang bei den Zuchtsauen, also den Ferkelerzeugern. 143 Betriebe waren es 2009, jetzt sind es noch 37. Der Trend wird anhalten. „Auch große, zukunftsfähige Betriebe werfen in letzter Zeit immer häufiger das Handtuch.“ Gerade mal 52 Prozent der Betriebe im Landkreis Kitzingen haben 800 Tierplätze und mehr, die anderen sind kleiner. Eine Reihe davon, so befürchtet Schmiedel, wird langfristig nicht überleben.

Der Schlachtstau wirkt sich nicht nur auf die Schweinemäster aus, sondern auch auf die Ferkelerzeuger. Denn wenn Mäster wie Schmidt ihre Tiere nicht verkaufen können, ihre Ställe voll sind, ist kein Platz für neue Ferkel. Auch dort wird es also enger in den Ställen. „Ich bin nicht so flexibel wie ein Industriebetrieb“, sagt Martin Uhlmann. Von heute auf morgen kann er die Produktion nicht verringern. Die Sauen, die jetzt Ferkel werfen, wurden vor vier Monaten gedeckt. Es dauert also deutlich mehr als ein Vierteljahr, bis sich die Zahl der Tiere tatsächlich reduziert. Wie dann die Marktlage ist, ist nicht absehbar. Schlachten die Schlachthöfe dann wieder? Ist die Gastronomie wieder geöffnet? Und was ist mit Verträgen, die Schweinehalter mit Zulieferern und Abnehmern abgeschlossen haben?

Noch geht es bei den Uhlmanns, noch bringen sie ihre Tiere so unter, dass das Tierwohl gewahrt ist. Schließlich liegen ihnen ihre Tiere am Herzen, sie wollen sie gut versorgt wissen. So mancher Kollege, erzählt Margarete Uhlmann, hat aber schon begonnen, Futtersilos oder Maschinenhallen zu provisorischen Ställen umzurüsten, um Platz für die Tiere zu schaffen. Gerade bei den niedrigen Temperaturen im Winter ist das nicht einfach, gibt Klaus Niedermeyer zu bedenken.

30 Euro bekommt Martin Uhlmann derzeit für ein Ferkel. Um zumindest kostendeckend arbeiten zu können, müsste der Preis bei 60 Euro liegen, sagt Niedermeyer. „Und da ist noch kein einziger Cent verdient.“ Helmut Schmidt verdeutlicht es mit einer Rechnung: „Wenn ein Ferkelerzeuger im Monat 1000 Ferkel verkauft und pro Ferkel 30 Euro verliert, geht das schnell an die Existenz.” 30.000 Euro weniger Einnahmen monatlich bei gleichzeitig steigenden Kosten, weil die Tiere ja länger versorgt werden müssen und mehr fressen. Wie dann noch die Investitionen finanzieren, die in den letzten Jahren getätigt wurden? Wie noch die Kosten für die neuen Auflagen decken, die anstehen, fürs Tierwohl zum Beispiel? Wären andere Zweige wie der Maschinenbau von derartigen Einbußen betroffen, die Politik hätte längst reagiert, ist Martin Uhlmann sicher.

Als wären der Preisverfall und der Schweinestau nicht genug, verschärft ein drittes Problem die Situation zusätzlich, die Afrikanische Schweinepest. Ausgebreitet hat sie sich in Deutschland noch nicht, aber es gab Fälle nahe der polnischen Grenze. China hat deshalb ein Importverbot für deutsches Schweinefleisch erlassen. Dabei ist China ein wichtiger Exportmarkt, dort sind viele Teile des Schweines begehrt, die Deutsche nicht gerne essen – der fette Bauch, der Rüssel, der Kopf, die Füße. Die Deutschen dagegen wollen nur die Edelteile wie Nackensteak, Schnitzel, Lende oder Schinken. Der Lebensmittelhandel verlangt dafür seinen Preis – aber die Landwirte haben nichts davon, sie bekommen seit längerem Woche für Woche weniger Geld. „Da ist kein Miteinander möglich“, kritisiert Klaus Niedermeyer. Dabei wären höhere Preise wichtig, um den Bauern die Existenz zu ermöglichen. „Wir haben schon zehn nach zwölf.“