Die einen freut's, die anderen suchen schon nach Rechtsmitteln: Mit dem Ende der Homeoffice-Pflicht beginnen Arbeitgeber und Arbeitnehmer direkt damit, das Corona-Arbeitsschutzgesetz neu zu schreiben. Wird aus der Pflicht zum Homeoffice jetzt ein Recht darauf? Befeuert von einer Studie der DAK-Gesundheit, die besagt, dass neun von zehn Beschäftigten gerne weiter im Homeoffice arbeiten würden, suchen die Verantwortlichen von allen Seiten nach zukunftsträchtigen Lösungen – auch im Landkreis Kitzingen.

Im Landratsamt hatten während des Lockdowns gerade einmal 20 Prozent der Beschäftigten einen Heimarbeitsplatz. „Viele Arbeitsbereiche eignen sich nicht für mobiles Arbeiten“, begründet Simon Vornberger von der Pressestelle diese relativ kleine Zahl. Die Mitarbeiter wurden Ende Juni darüber informiert, dass der gesetzliche Anspruch, während der Corona-Pandemie von Zuhause zu arbeiten, endet.

„Der überwiegende Teil der Mitarbeiter freut sich (...) darauf, wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren.“
Jörg Schanow, Geschäftsleitung Firma Knauf

Demnach „müssten mittlerweile alle Mitarbeiter wieder im Hause sein“, erklärt Vornberger und vermutet, dass die Arbeitgeber aus der Freien Wirtschaft in diesem Punkt sicher vor größeren Herausforderungen stünden als das Landratsamt.

Wie läuft es bei Leoni?

Beim Kitzinger Standort der Leoni AG habe zum Beispiel der ganz überwiegende Teil der Belegschaft auf Basis einer sehr guten IT-Infrastruktur aus dem Homeoffice gearbeitet, erklärt Unternehmenssprecher Gregor le Claire. „Die Rückkehr erfolgt jetzt schrittweise unter konsequenter Einhaltung der Pandemie-Schutzmaßnahmen.“ Dem Hersteller von Bordnetz-Systemen sei es nicht entgangen, dass sich die Mitarbeiter flexible Homeoffice-Lösungen wünschen. „Es ist deshalb klar, dass wir das auch künftig so leben.“ Nach Abstimmung von Spitzenmanagement und Gesamtbetriebsrat werden die Möglichkeiten sogar noch erweitert, an den deutschen Standorten können die Mitarbeiter nicht nur wenigstens 40 Prozent ihrer vereinbarten Arbeitszeit von außerhalb des Unternehmens aus arbeiten, sondern noch höhere Anteile mit der jeweiligen Führungskraft absprechen – immer gemäß dem Grundsatz, dass die Funktionsfähigkeit der jeweiligen Abteilung sichergestellt bleiben müsse. Etwas zurückhaltender geht man bei der Firma Knauf mit dem Thema Homeoffice um – auch wenn das weltweit handelnde Unternehmen das Arbeiten außerhalb des Büros auch schon vor der Pandemie an bis zu fünf Tagen pro Woche ermöglichte. Jörg Schanow, verantwortlich für Personal und Recht, hat allerdings beobachtet, dass die Mitarbeiter die Zeit im Homeoffice sehr unterschiedlich bewerten. „Viele Kollegen haben positive Erfahrungen gesammelt“, erklärt das Mitglied der Geschäftsleitung. „Der überwiegende Teil freut sich jedoch darauf, wieder an den alten Arbeitsplatz zurückzukehren.“ Die Frist dafür laufe noch bis zu den Sommerferien. „Bis dahin werden wir die Betriebsvereinbarung zum Thema Homeoffice überarbeiten und mit dem Betriebsrat darüber sprechen, wo aus unserer Sicht Änderungen der bisherigen Regelung notwendig oder sinnvoll sind.“ So sei ein Großteil der Verwaltung im Homeoffice geblieben, während die Mitarbeiter der Produktion – aus nachvollziehbaren Gründen – durchgängig im Betrieb anwesend sein mussten. Ein grundsätzliches Recht auf Homeoffice wird sich demnach im Hause Knauf nicht umsetzen lassen.

Entscheidung des Unternehmens

Und so fordert auch die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, die Verpflichtung zum Homeoffice aus pandemischen Gründen nicht zum Recht darauf umzuschreiben. „Die Entscheidung 'Homeoffice oder nicht' muss immer eine Entscheidung des Unternehmens sein“, betonte zuletzt Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. (Vbw). „Sie darf nicht staatlich angeordnet werden. Denn die Betriebe können selbst am besten beurteilen, welche Arbeiten im Homeoffice gemacht werden können und welche nicht.“Die Befürchtungen der Vbw, Produktivität, Kreativität und Wettbewerbsfähigkeit könnten unter einer gesetzlich verankerten Berechtigung der Arbeitnehmer zum Homeoffice leiden, werden durch die ganz unterschiedlichen Anstrengungen der Unternehmen rund ums Homeoffice bestätigt. So hat beispielsweise der Siemens-Konzern bereits vor knapp einem Jahr beschlossen, für große Teile seiner Belegschaft – darunter die Mitarbeiter am Standort Würzburg – auch mobiles Arbeiten an zwei bis drei Tagen pro Woche zu ermöglichen. Unter anderem wollte das Unternehmen dadurch seine Mitarbeiter motivieren und im Kampf um Talente attraktiver werden.

Die Arbeitgeber im und um den Landkreis Kitzingen haben sich demnach auf ganz unterschiedliche Art und Weise für die Zukunft zu rüsten – und in unterschiedlichen Bereichen. Die Arbeit von zu Hause hat laut DAK-Studie auch fern von Kreativität und Produktivität einen entscheidenden Nachteil: „Das Homeoffice macht viele Menschen zu Bewegungsmuffeln“, sagt Sophie Schwab, Leiterin der Landesvertretung der DAK-Gesundheit in Bayern. Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass sie sich im Homeoffice weniger bewegen als vor der Pandemie – darunter sind 39 Prozent mit sogar „deutlich weniger Bewegung“. Die Arbeitgeber stehen demnach in vielfacher Hinsicht auch nach dem Ende der Homeoffice-Pflicht vor großen Herausforderungen und der Frage: Wie mobil kann Arbeiten sein – in jeder Hinsicht.

Homeoffice: Wie die Regelungen aussehen und was die Menschen wollen

Regelung Per Corona-Notbremse hatte die Bundesregierung Ende April die Homeoffice-Regelungen durch eine befristete Veränderung des Infektionsschutzgesetzes (IfSG, § 28b Abs. 7) verschärft und einerseits Arbeitgeber dazu verpflichtet, Homeoffice anzubieten sowie andererseits Arbeitnehmern vorgeschrieben, dieses Angebot auch anzunehmen. Seit dem 1. Juli besteht diese Verpflichtung nach Anpassung der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzverordnung (Corona-ArbSchV) nicht mehr, es gibt allerdings auch keine neuen, eindeutigen Homeoffice-Regelungen. Somit liegt es weitgehend im Ermessen der Arbeitgeber, inwiefern sie Mitarbeitern das Arbeiten im Home-Office ermöglichen.

Die Details der Corona-ArbSchV gibt es unter www.bmas.de

Studie Die Daten für die Homeoffice-Studie der DAK Gesundheit wurden vor, während und nach dem Beschluss der verpflichtenden Regelung im Rahmen des Infektionsschutzgesetzes erhoben. Im Februar 2021 wurden 1001 erwerbstätige Menschen in Bayern befragt, 709 davon nahmen bereits im April/Mai 2020 und im Dezember 2019 an der Studie teil. Demnach hat sich der Anteil der von zu Hause arbeitenden Erwerbstätigen in der ersten Corona-Welle vervierfacht (von neun auf 44 Prozent), nach dem Februar 2021 und der Einführung der Homeoffice-Pflicht blieb das Niveau auf einem ähnlich hohen Stand. Die letzten Befragungen ergaben, dass neun von zehn Beschäftigten weiterhin mindestens ein Viertel von zu Hause aus arbeiten möchten, 46 Prozent sogar die Hälfte. Zehn Prozent wollen am liebsten gar nicht mehr ins Büro und sind überzeugt davon, dass diese Art zu Arbeiten die Produktivität nicht beeinträchtigt und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie ermöglicht.

Sämtliche Daten zur Homeoffice-Studie der DAK gibt es unter www.dak.de