Er hat viel gesehen und viel erlebt. Am Ende dieses Schuljahres geht Heinz Dürner in den Ruhestand. Sein Wunsch wird wohl nicht in Erfüllung gehen: Eine radikale Änderung im bayerischen Schulsystem.

Viel Zeit hat Heinz Dürner in diesen Tagen nicht. Immer wieder klopft es an seiner Tür. Lehrer haben Fragen, Schüler wollen etwas wissen, die Damen aus der Verwaltung blocken für das Gespräch mit dieser Zeitung schon mal alle Anrufe. „So geht das immer“, sagt er und muss lächeln. „Es konzentriert sich halt alles auf die Vormittage.“

Um 7 Uhr geht ein normaler Arbeitstag für den Rektor der Nikolaus-Fey-Schule in Wiesentheid los. Am späten Nachmittag kommt er normalerweise heim – und muss sich immer wieder auf Abendtermine einstellen.

Ein freies Wochenende ist in diesen Wochen auch selten. Zu tun gibt es mehr als genug: Prüfungszeit, das Schuljahr in der Endphase und der Übergang zu seinem Nachfolger, der so geräusch- und problemlos wie möglich über die Bühne gehen soll. „Über meinen Ruhestand habe ich noch gar nicht richtig nachgedacht“, sagt er. „Es ist einfach zu viel los.“

„Wir sollten einen Schritt hin zu einer humaneren Schule machen.“
Heinz Dürner, Rektor

Heinz Dürner hat im Lauf der Jahre viele Schulen erlebt und mitgeprägt. In der Rhön, in Gerolzhofen, ein Jahr in Frankreich und mittlerweile über 30 Jahre im Landkreis Kitzingen. Er hat viel gesehen und viele Erfahrungen gesammelt. Seine Erkenntnis: Das bayerische Schulsystem ist reformbedürftig. „Wir sollten einen Schritt hin zu einer humaneren Schule machen“, wünscht er sich. Dafür müsse aber die Selektion nach der vierten Klasse abgeschafft werden. „Der Druck, der dort entsteht, schadet den Kindern und den Eltern“, sagt der Mann, der in den letzten Jahren sowohl für die Grund-, als auch für die Mittelschule verantwortlich war.

Seine Beobachtung in all der Zeit: In der vierten Klasse ist es fast unmöglich, eine freudige Grundstimmung zu erzeugen, dort überwiegen Ernsthaftigkeit und Anspannung. Dürner weiß von Zukunftsängsten, die bei vielen Zehnjährigen größer ausgeprägt ist als bei den Mittelschülern vor deren Abschlüssen.

Viele Kinder und ihre Eltern hätten regelrecht Angst davor, auf eine Mittelschule zu „müssen“, die Schüler quälen sich durch die Aufnahmeprüfungen und glauben, dass sie nicht mehr geliebt werden, wenn sie es nicht aufs Gymnasium oder auf die Realschule schaffen.

Dürner, der 1992 das erste Mal als Lehrer nach Wiesentheid kam, 1999 zum zweiten Konrektor, 2002 zum ersten Konrektor ernannt wurde und seit 2011 für die Wiesentheider Grund- und Mittelschule verantwortlich zeichnet, würde sich wünschen, dass die Kinder bis zur 10. Klasse gemeinsam beschult werden. „Aber das ist politisch leider nicht gewollt“, bedauert er.

Mehr als 500 Schüler sind an der Nikolaus-Fey-Schule. Das bedeutet eine Menge Verwaltungsarbeit. Und eine Menge Probleme, um die sich der Rektor kümmern muss. „Jedes etwas kernigere Problem wird zur Sache des Schulleiters“, weiß Dürner aus Erfahrung.

Seinen Job beschreibt er deshalb so: Blitzableiter für alle Ansprechpartner. Und das sind neben den Schülern, den Lehrern und den Mitarbeitern in der Verwaltung auch die Nachbarn der Schule – Stichwort: Lärmbelästigung, Rauchen in der Öffentlichkeit – sowie die Eltern. Deren Ansprüche haben sich in den letzten Jahren verändert. Die Bedeutung von Klassenarten (Regelklassen, Jami-Klassen, Ganztagsklassen), Klassenleitern, Noten und Schulabschlüssen sei deutlich gestiegen. Also kommen sie direkt zum Chef – oder rufen gleich beim Schulamt beziehungsweise der Regierung an.

„Jedes etwas kernigere Problem wird zur Sache des Schulleiters“
Heinz Dürner

Als Heinz Dürner als junger Lehrer anfing, da war ein Lehrer noch eine Respektsperson. Jetzt spricht er von mangelndem Respekt.

Gleichzeitig sei die Belastung von Lehrern und Schulleitern in den letzten Jahren gewachsen. „Wenn bei uns der Systembetreuer krank ist, dann haben wir ein richtiges Problem“, sagt er und wundert sich nicht, dass sich in Bayern 508 Schulleiter um mehr als zwei Schulen kümmern müssen. „Die Belastung ist eindeutig zu hoch, auf etliche Schulleiterstellen gibt es gar keine Bewerbung“, weiß er aus einem Bericht der Süddeutschen Zeitung. Selber ein paar Stunden Unterricht zu geben, sei da fast schon Erholung.

Trotz aller Herausforderungen, Veränderungen und Belastungen: Heinz Dürner liebt auch nach 40 Jahren seinen Beruf und sieht die schönen Seiten daran: Die Entwicklung von jungen Menschen mitzuerleben und zu begleiten, die individuellen Laufbahnen beobachten zu können: „Das macht mir nach wie vor Freude“, sagt er. „Das gibt mir einen Schub.“ Auf dieses Gefühl muss der 63-Jährige auch in Zukunft nicht verzichten. „Das geht jetzt einfach auf meine Enkel über“, sagt er und grinst.