Rene Kinstle spricht von einem „Kuddelmuddel“, Helmut Witt von einem Durcheinander. Mit den steigenden Inzidenz-Zahlen beginnen für die Leiter der Pflegeheime wieder einmal aufregende Zeiten. "Ich telefoniere nur noch mit den Angehörigen“, sagt Rene Kinstle, Leiter des Seniorenhauses Mühlenpark in der Kitzinger Siedlung. Wieder einmal gibt es viele Nachfragen, wieder einmal haben politische Äußerungen für mehr Verwirrung als Aufklärung gesorgt.

Am Donnerstag letzter Woche verkündete Ministerpräsident Markus Söder, dass sich alle Mitarbeiter von Pflegeheimen testen lassen müssen. Einen Tag später wird klar, dass die Länder dieses Thema gar nicht regeln dürfen. Aus dem Wort müssen wird das Wort können. Nicht die einzige Aussage von Politikern, die für Verwirrung bei den Angehörigen und den Mitarbeitern gesorgt hat.

Pflegeheim: Angehörige wollten "Pseudo-Test" unterjubeln

Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine sogenannte Booster-Impfung seit etwa drei Wochen für die über 70-Jährigen. „Das hat manche Politiker aber nicht davon abgehalten, bereits im August eine Booster-Impfung für jeden zu fordern“, ärgert sich Kinstle und freut sich, dass dennoch rund 90 Prozent seiner Altenheimbewohner eine dritte Impfung gewollt haben. „Die aufwändige Organisation dafür übernehmen immer die Heime“, erinnert er. Helmut Witt ist bei all den wechselnden Verordnungen froh, dass er neben den allgemein gültigen Regeln sein Hausrecht anwenden kann.

Im „Haus der Pflege Kitzinger Land“ in Sickershausen wurden die Besuchszeiten auf zweieinhalb Stunden am Nachmittag eingegrenzt, die Besucher müssen sich – wie in anderen Einrichtungen auch – anmelden. „Ich will wissen, wer ins Haus kommt“, sagt Witt. Nicht nur das: Der Heimleiter will auch wissen, ob die vorgelegten Papiere echt sind. Und das aus gutem Grund. Ein nicht geimpfter Angehöriger wollte ihm schon einmal einen Pseudo-Test unterjubeln.

Seit die Corona-Ampel Anfang dieser Woche auf Rot gesprungen ist, dürfen Ungeimpfte nicht mehr ins Haus der Pflege. „Das trifft leider auch die Kinder“, erklärt Witt. Er bedauert diesen Schritt, aber das Risiko ist ihm momentan einfach zu hoch, dass das Virus beispielsweise über die Enkel ins Altenheim eingeschleust wird. Deshalb müssen auch die geimpften Angehörigen und die externen Dienstleister von der Fußpflege oder den Friseuren einen Schnelltest vorweisen. Das Gleiche gilt für die Mitarbeiter. Geimpfte Mitarbeiter müssen sich zweimal in der Woche testen lassen, ungeimpfte täglich.

"Das ist doch Wahnsinn": Angehörigen wollen Test, kriegen aber keinen Termin

Eine Testpflicht für nicht geimpfte Mitarbeiter gibt es auch in den Einrichtungen der Caritas. Dort gelten die allgemeinen Regeln wie 3G, Maskenpflicht und eine Registrierung vor dem Besuch weiterhin. Je nach Größe der Einrichtung und den räumlichen Gegebenheiten vor Ort werden individuelle Lösungen für die Angehörigen gesucht. „Wir können ja nicht zwei Familien gleichzeitig in ein Doppelzimmer lassen“, erklärt Pressesprecher Kilian Martin. Im Haus Mühlenpark in der Kitzinger Siedlung herrscht seit etwa einer Woche ebenfalls eine Testpflicht für die Besucher. Rene Kinstle und seine Mitarbeiter haben alle Angehörigen und Betreuer angeschrieben und ihnen eine Bescheinigung geschickt. Die bestätigt, dass sie einen Verwandten im Pflegeheim haben.

Dank dieser Bescheinigung können sich die Angehörigen kostenfrei testen lassen. So weit, so schön. „Allerdings sind die Testmöglichkeiten ja massiv zurückgefahren worden“, erinnert Kinstle und berichtet von Angehörigen, die sich testen lassen wollen, aber keinen Termin erhalten. „Das ist doch Wahnsinn.“ Nach seinem Dafürhalten verschläft die Politik zum wiederholten Mal die aktuellen Entwicklungen. „Es werden dieselben Fehler gemacht wie vor einem Jahr.“ Die Auffrischungsimpfung hätte beispielsweise schon im Sommer organisiert werden können und die Diskussionen um eine Impfpflicht sind für ihn völlig weltfremd. Selbst wenn sie käme, müssten – je nach Impfstoff – zwischen erster und zweiter Impfung rund acht Wochen Pause eingehalten werden. „Dann sind wir mit der vierten Welle längst durch.“

Am meisten Sorge bereitet dem Pandemiebeauftragten der Diakonie allerdings ein Blick auf die Personalsituation. Nicht nur auf den Intensivstationen der Kliniken fehlen Mitarbeiter, auch in den Altenheimen mache sich die lange Pandemiezeit bemerkbar. „Uns steht weniger Personal als sonst zur Verfügung“, sagt Kinstle. Die Erkältungszeit tut ihr Übriges.

Für den 50-Jährigen gibt es derzeit nur eine Lösung: Die Hygieneregeln weiterhin einhalten und sich impfen lassen. „Das muss doch in unserem ganz eigenen Interesse liegen“, appelliert Kinstle. „Und außerdem schützen wir so unsere Familienmitglieder, Kollegen und anvertrauten Bewohner beziehungsweise Patienten am besten.“